Der 31. Bundesliga-Spieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Mario Gomez – der wandlungsfähige Deutsch-Spanier

Der VfB Stuttgart ist zum Meisterschaftskandidaten aufgestiegen. Großen Anteil daran hat ein gewissser Mario Gomez, jener Deutsch-Spanier, der in der Liga immer wie ein Spanier kickt und in der Nationalmannschaft wie ein Deutscher, findet Stefan Galler in seiner Bundesliga-Kolumne.

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Mario Gomez – der wandlungsfähige Deutsch-Spanier

Meisterbetrieb: Nur in der Liga Spanier

Wer wird denn nun Deutscher Meister 2009? Die Wölfe, doch wieder die Bayern oder gar die Berliner? So spannend wie in diesem Jahr war es noch nie. Lange Zeit unterschätzt und spätestens jetzt richtig heiß gehandelt wird der VfB Stuttgart, der dem Spitzenreiter VfL Wolfsburg gezeigt hat, dass auf dem Weg zum Titel auch ein aufgemotzter Golf mal gewaltig ins Stottern geraten kann. Die oft als bieder verschrienen Schwaben machten dabei mit zwei internationalen Farbtupfern auf sich aufmerksam: Thomas Hitzlsperger, der momentan in absoluter Topform ist, spielte auf wie ein Brasilianer. Dabei stammt der Mann aus dem Landkreis Ebersberg in Oberbayern, wo Samba nur eine untergeordnete Rolle einnimmt.

Und Mario Gomez, jener Deutsch-Spanier, der in der Liga immer wie ein Spanier kickt und in der Nationalmannschaft wie ein Deutscher, verzauberte die Massen mit einem Viererpack, was letztmals im VfB-Dress einem gewissen Jürgen Klinsmann im Jahre 1986 gelungen war. Es war ein Tag der Superlative für Super-Mario, der gleich mal nach 30 Sekunden das schnellste Tor der Saison erzielte und bei Spielende 23 Saisontore auf dem Konto hatte. Das hatte vor ihm noch kein VfB-Stürmer geschafft: Dieter Hoeneß nicht, ebenso wenig wie Fredi Bobic, Giovane Elber, Fritz Walter (der Jüngere) oder Ballermann Karl Allgöwer. Und selbst ein gewisser Jürgen Klinsmann kam in seiner besten VfB-Saison nur auf 19 Treffer.

Gesellenstück: Millionenschwere Papierkugel

Es geht um so viel Geld im Millionengeschäft Fußball mit all seinen Megastars, Hightech-Trainingsmethoden und dem allgemeinen Streben nach technischer und taktischer Perfektion. Und dann entscheidet ein zusammengeknülltes Stück Papier über den Einzug in ein Europapokalfinale. Schon kurios, was da am Donnerstag in Hamburg passierte, ausgerechnet ein Blatt, das zur HSV-Choreographie vor dem Spiel gehörte, verhalf den Bremern zum entscheidenden 3:1, weil ein versuchter Rückpass von Verteidiger Gravgaard von der Papierkugel abgelenkt wurde und ins Toraus sprang. Den folgenden Eckball nutzte Frank Baumann, Bremen hatte Hamburg nach dem DFB-Pokalerfolg auch aus dem UEFA-Cup gekegelt.

Weil es gar so schön war, machte die Schaaf-Elf den nordischen Rivalen am Sonntag im vierten Match binnen 17 Tagen auch in der Bundesliga richtig frisch, 2:0 stand es am Ende, die HSV-Kicker wurden vom Bremer Anhang mit Papierkugeln beworfen und der Boulevard hatte gleich ein passendes Bonmot für die noch vor drei Wochen für ihren fulminanten Tanz auf drei Hochzeiten gerühmten Hamburger parat: "Der HSV holt nur das Trottel-Triple." Das Papierknäuel vom Donnerstag landet nun übrigens als Mahnmal im Werder-Museum. Getreu dem Motto: Egal, was auch immer ihr an Kohle in den Fußballsport pumpt – am Ende will immer auch der Zufall ein Wörtchen mitreden.

Erstes Lehrjahr: Flötist mit Schmalzlocke

Wo so viel Licht ist wie beim eingangs gewürdigten Mario Gomez, da muss es zwangsläufig auch Schatten geben. Und deshalb darf bei aller schwäbischen Glorie über das Spitzenspiel auch gesagt werden, dass Tabellenführer Wolfsburg nach der Bekanntgabe des Wechsels von Trainer Felix Magath zu Schalke 04 ein wenig so wirkte wie die Mitglieder einer abstrusen Sekte, deren Oberguru plötzlich auf Finanzberater umschult: Orientierungslos holperten die Wölfe in der Anfangsphase über den Platz – und hätten am Ende doch fast noch etwas aus Stuttgart mitgenommen, wenn Cristian Zaccardo nur einen minimalen Bruchteil von den Vollstreckerqualitäten seiner Kollegen Dzeko und Grafite hätte. Doch der Italiener – immerhin Weltmeister 2006 – tölpelte den Ball beim Stand von 1:2 freistehend aus zwei Metern am Tor vorbei.

Und musste sich den Spott des Kaisers gefallen lassen: "Bei einem Schüler würde man sagen: Spiel Flöte oder Klavier, aber hör mit dem Fußball spielen auf", höhnte Franz Beckenbauer und verschwieg, dass sich Zaccardos Schmalzlocke bestimmt ganz gut machen würde auf den Musikbühnen dieser Welt. Wenn er allerdings zum Flöte spielen ähnlich wenig Talent hätte wie zum Tore schießen, würde man Zaccardo wohl allenfalls in der Fußgängerzone antreffen. Nach dem grandiosen Versagen des Italieners setzte es schließlich die höchste Niederlage in Magaths Amtszeit. Ein Schelm, der das mit der Fahnenflucht des Trainers in Verbindung bringt.

Zwei linke Hände: Naiv wie ein Zweitligist

Wie bewirbt man sich eigentlich für einen Platz in der Zweiten Liga, wenn man über eine überdurchschnittlich gut besetzte Bundesliga-Mannschaft verfügt? Man muss sich nur so doof anstellen wie der VfL Bochum, dann ist auch mit einer richtig guten Truppe der Abstieg möglich. Man nehme die völlig unnötige Niederlage in Bremen vor 14 Tagen, als die Mannschaft von Trainer Marcel Koller zur Pause mit 2:0 führte, um sich dann von durch ein 120-Minuten-Pokaldrama völlig entkräfteten Werderanern doch noch die Butter vom Brot nehmen zu lassen – Endstand 2:3. Und nun gegen Hertha BSC Berlin traten die Bochumer auf, als hätten sie vor dem Spiel die Tabelle verkehrt herum gelesen: Sie stürmten im Stadion des Meisterschaftsfavoriten munter nach vorne und wunderten sich hinterher, zweimal ganz cool ausgekontert worden zu sein. Naiver geht es kaum, weshalb der VfL trotz seines famosen Starts in die Rückrunde noch immer um den Ligaerhalt zittert. Und die Herthaner lassen sich wieder einmal als Könige der Effektivität feiern: Drei Chancen, allesamt durch Tempogegenstöße, zwei davon verwertet – keineswegs beängstigend, aber geradezu meisterlich clever.