Mit dem europäischen Binnenmarkt haben grenzüberschreitende Aktivitäten eine neue Dimension erreicht. Die Marienbader Gespräche geben für Handwerksunternehmer einen Wegweiser für konkretes Handeln in den grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen. Von Sepp Steinbrenner
Marienbader Gespräche – Dialog mit den tschechischen Nachbarn
Theorie und Praxis klaffen allerdings bei Geschäftsbeziehungen mit den Nachbarstaaten weit auseinander. Um mehr von diesen Praxisproblemen zu erfahren, initiierte die Handwerkskammer Niederbayern Oberpfalz die Marienbader Gespräche. Handwerksunternehmer, die bereits in Tschechien aktiv sind oder in naher Zukunft aktiv werden wollen, diskutierten mit Vertretern von Behörden, Kommunen und Wirtschaftfseinrichtungen.
"Faszinierende Zukunftsperspektive"
Im tschechischen Kurort Marienbad wollte man Genaueres über die Entwicklungen einer grenzübergreifenden gemeinsamen Wirtschaftsregion erfahren. Ein gemeinsamer homogener Wirtschaftsraum, der die Grenzregionen Niederbayern, Oberpfalz, Oberfranken, West- und Südböhmen mit Pilsen und Oberösterreich verbindet, ist im Enstehen. Durch die Ausnutzung der einzelnen Stärken werden neue Standortvorteile gegenüber den Ballungsräumen geschaffen.
Ludwig Rechenmacher, der Verantwortliche für Außenwirtschaft bei der Handwerkskammer Niederbayern · Oberpfalz: "Das wird nicht leicht und nicht in kurzer Zeit zu erreichen sein, aber es ist eine faszinierende Zukunftsperspektive und wir wollen uns dabei voll einbringen."
Veränderungen sind unübersehbar
In den Metropolregionen München, Nürnberg, Prag oder Wien stoßen Aktivitäten in dieser Richtung auf wenig Interesse, aber in den Grenzregionen sind die Veränderungen unübersehbar. Es begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, als sich über die alten Grenzen sehr schnell Kontakte und Aktivitäten auf lokaler Ebene herauskristallisierten. Die Nachbarn hinter der Grenze waren Realität. Ängste bestanden, aber auch die Neugierde, wie es bei den jetzt einfach erreichbaren Nachbarn zugeht. Kommunen, Landkreise, Institutionen, wie zum Beispiel die Wirtschaftskammern, aber vor allem etliche Unternehmen, handelten schnell und engagiert, um in diesem neuen Aktionsrahmen Akzente zu setzen.
Neue Qualität der Nachbarschaftsbeziehungen
Vielfältige Hemmnisse mussten überwunden werden. Im EU-Vertrag ist festgeschrieben: "Die Freiheit des Warenverkehrs, des Personenverkehrs, des Kapitalverkehrs, der Arbeitnehmerfreizügigkeit, und die Dienstleistungsfreiheit." Die Dienstleistungsrichtlinie und die Entsenderichtlinie muss beachtet werden, dazu bestehen zwischen Deutschland und Tschechien unterschiedliche Rechtssysteme. Das Gewerbe-, Arbeits- und Steuerrecht sowie der Aufbau der Verwaltung und von Kontrollen sind unterschiedlich strukturiert.
Diese Hemmnisse behindern das Zusammenwachsen und treten in der Praxis deutlich zutage. Dazu kommen noch fehlende Sprachkenntnisse als Hemmnis beim grenzüberschreitenden Arbeiten.
Mit kleinen Schritten voran
Von verschiedenen Institutionen wurden auf unterschiedlichsten Gebieten mit großem Ideenreichtum und Engagement Initiativen gestartet, die beweisen, dass man in kleinen Schritten, ohne große Politik, viel erreichen kann. Die Wirtschaftskammern, Bezirksregierungen, Kreise und Kommunen, schulische Einrichtungen, Arbeitsagenturen, Kompetenzzentren, Euregios und viele andere haben sich in diesen Verständigungsprozess eingebracht. Etliche Einzelaktionen verpufften und wurden oft nicht fortgesetzt. Sie litten unter mangelnder Vernetzung. Der Informationsfluss über laufende oder geplante Aktionen ist immer noch unbefriediegend.
"Mit den Marienbader Gesprächen wollen wir einen aktiven Beitrag zur Besserung der Kommunikation leisten. Alle Akteure der Region sollten die Möglichkeit erhalten, sich über die Arbeit anderer zu informieren, Kontakte zu finden und sich untereinander auszutauschen. Wir wollten Leute zusammenbringen, die in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld direkt mit den ablaufenden Veränderungen der Region zu tun haben. Wir versammeln Experten, die nicht behaupten, eine klare Vorstellung von den Abläufen zu haben, sondern die lernen wollen, optimal ihre Dienststelle einzubringen. Wenn es gelingt einige ausgewählte Sachbereiche fest zu machen, in denen konkret Trennendes abgebaut werden kann, dann wäre das für uns schon ein respektabler Erfolg. Geeignete Methoden haben wir in Projekten an der österreichisch-bayerischen Grenze erprobt", so Ludwig Rechenmacher, der mit seinem Team die Veranstaltung geplant und geleitet hat.
Nächstes Jahr wieder in Marienbad
Zielvorgabe ist, längerfristiges Handeln ins Auge zu fassen und Strategien zu entwickeln, wie man unter Ausnutzung der bestehenden Möglichkeiten Verbesserungen im grenzübertschreitenden Geschäftsverkehr erreichen kann. So soll es möglich sein, ein über die Grenzen hinweg abgestimmtes effizientes Ausbildungskonzept für das gemeinsame Arbeitskräftepotenzial zu schaffen.
Die Ergebnisse der Marienbader Gespräche sind ermutigend: Bei den 103 Teilnehmern konnte man die Bereitschaft spüren, die Zusammenarbeit miteinander zu suchen. So äußerten viele Teilnehmer den Wunsch: Nächstes Jahr wieder in Marienbad.
Das macht nur Sinn, wenn sofort damit angefangen wird, einzelne Fragen in kleinen schlagkräftigen Gesprächsrunden zu diskutieren und daraus konkretes Handeln zu entwickeln. Die Handwerkskammer Niederbayern · Oberpfalz will dazu Betreuung und Moderation beisteuern.