Marienbader Gespräche Wirtschaftsdialog im bayerisch-tschechischen Grenzraum

Dem deutschen Handwerk geht der Nachwuchs aus. Offene Lehrstellen mit Azubis aus den Nachbarländern zu besetzen, wird aber auch nicht einfach. „Wir werden nicht in der Lage sein, die deutsche Nachfrage zu befriedigen“, sagte Zdenek Novotny, Leiter der Arbeitsagentur Pilsen, bei den Marienbader Gesprächen der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.

Sepp Steinbrenner

Rund 180 Vertreter aus Ostbayern, Österreich, Tschechien und der Slowakei tauschten sich im tschechischen Marienbad über einen gemeinsamen Wirtschaftsraum aus. - © Foto: Kraus

Der demografische Wandel beschäftigt beide Seiten entlang der bayerisch-tschechischen Grenze. Zdenek Novotny warnte davor, zu glauben, dass tschechische Azubis den ostbayerischen Lehrlingsmangel lösen könnten. „Auch bei uns ist eine Senkung der Population zu erwarten“, sagte Novotny in Marienbad.

Dorthin hatte die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz bereits zum siebenten Mal eingeladen, um über den gemeinsamen Wirtschaftsraum zwischen den Metropolregionen München, Nürnberg, Prag und Wien zu diskutieren. Rund 180 Vertreter von Unternehmen, Behörden und Institutionen aus Ostbayern, Österreich, Tschechien und der Slowakei waren der Einladung gefolgt. „Der freie Austausch ist unser Markenzeichen“, sagte Ludwig Rechenmacher, Leiter der Außenwirtschaftsabteilung bei der Handwerkskammer und Organisator der Marienbader Gespräche.

Beneidenswerte Lage in der Mitte Europas

Die Grenzregion als Chance begreifen, so lautete die Botschaft des diesjährigen Treffens. „Wir leben in einer wunderbaren und beneidenswerten Region in der Mitte Europas“, betonte Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Nun gelte es, die wirtschaftlichen Stärken zusammenzuspannen und damit die Zukunft zu sichern.

Täglich werden Unternehmen beim Arbeiten und Liefern über die Grenze hinweg vor Hürden gestellt. Während die EU bereits viele Bereiche einheitlich durch Richtlinien regelt, gelten etwa im Baurecht oder bei Arbeitsschutzbestimmungen nationale Gesetze und Regelungen. In Marienbad arbeiteten die Experten an praktischen Lösungen etwa bei der Registrierungs- und Genehmigungspflicht und Baustellenkontrollen.

Spangler GmbH stellt sich einer "Mega-Aufgabe"

Hannelore Spangler, Geschäftsführerin der Spangler GmbH aus Töging, erklärte, dass die Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften die Betriebe vor eine „Mega-Aufgabe“ stellt. Schließlich gelte es nicht nur, den neuen Mitarbeiter in der Firma zu integrieren. Es müssten zum Beispiel auch ein Sprachkurs, Hilfe bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen und der Schulbesuch der Kinder organisiert werden.

Setzen auf wirtschaftliche Stärke: Peter Langer, Donaubeauftragter der Städte Ulm und Neu-Ulm; Ludwig Rechenmacher, Leiter der Außenwirtschaftsabteilung der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz; Hauptgeschäftsführer Toni Hinterdobler; Nadežda Cisárová, Vizekonsulin im Generalkonsulat der Slowakischen Republik in München; Vojtech Franta, Bürgermeister von Marienbad; Kammerpräsident Dr. Georg Haber und Carmen Haber, Vorsitzende der Regensburger Unternehmerfrauen im Handwerk (v.l.). - © Foto: Kraus

Welche große Rolle tschechische Arbeitnehmer bereits jetzt in der ostbayerischen Wirtschaft spielen, zeigte Joachim Ossmann, Leiter der Arbeitsagentur Schwandorf, auf. Von den etwa 15.000 tschechischen Kräften in Bayern seien rund 10.000 zwischen Hof und Passau beschäftigt. Besonders gerne würden die Tschechen im Gebiet bis 40 Kilometer nach der Grenze in Bayern arbeiten, da sie so täglich zum Betrieb pendeln können – die meisten seien in den Kreisen Cham, Regen und Tirschenreuth beschäftigt. Arbeit fänden sie vor allem im verarbeitenden Gewerbe, im Gastgewerbe sowie in den Bereichen Handel und Verkehr.

Deutsche würden wesentlich seltener den Schritt über die Grenze wagen: Nur rund 300 Deutsche seien etwa im Bezirk Pilsen tätig. Ossmann betonte, dass die ähnliche Wirtschaftsstruktur auf beiden Seiten der Grenze grundsätzlich eine hervorragende Grundlage für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum bildet. So sei sowohl auf deutscher als auch auf tschechischer Seite der Metall-Elektro-Bereich dominierend.

Motivationsstipendien gegen Akademisierung

Vendula Lesková, Adéla Burešová und Renata Hansliková (v.l.) lernten in Bayern neue Rezepte kennen. Hier zusammen mit Vladislav Smolik, Leiter der Berufsschule Klattau. - © Foto: Gipps

Wie junge Männer und Frauen für kurze Zeit in die Arbeitswelt des Nachbarlands schnuppern können, beschrieben drei Nachwuchs-Konditorinnen aus Tschechien. Sie verbrachten eine Woche im Bildungszentrum der Handwerkskammer in Straubing und sahen sich unter anderem an, wie eine Meisterprüfung in Deutschland abläuft. „Wir haben neue Rezepte und Techniken kennengelernt“, erzählte Adéla Burešová.

Und Jan Weis, Maurer-Azubi aus Pilsen, berichtete von einem Kurs mit tschechischen und deutschen Teilnehmern in Weiden, bei dem er mehr über den Fassadenverputz lernte. „Wir Tschechen waren langsamer, aber unsere Arbeitsplätze waren sauberer als die der Deutschen“, sagte er augenzwinkernd.