Mann mit Fassungsvermögen

Augenoptiker Tomas Tauschek sieht sich als Handwerker in ursprünglichem Sinn und baut seine Brillengestelle deshalb selbst

Frank Muck

Materialmix: Für seine Fassungen verwendet Tomas Tauschek Hölzer wie Zwetschge, Nussbaum oder Magnolie, aber auch Edelstahl und Büffelhorn. Fotos: Tauschek

Mann mit Fassungsvermögen

Ein Augenoptiker. Mitten in einem Wohngebiet. Geht das? Tomas Tauschek kennt die Frage. Die meisten Kunden wundern sich, wenn sie bei ihm vor der Tür stehen. Sei es, weil sie zufällig seinen Laden entdeckt haben oder weil sie sich - vielleicht auf Empfehlung - eine neue Brille aussuchen wollen. In Börwang im tiefsten Allgäu hat sich der 42-Jährige in der ehemaligen Einliegerwohnung seines Einfamilienhauses seine Werkstatt eingerichtet und wartet dort vergeblich auf Laufkundschaft. Doch das stört ihn nicht weiter. Als er vor drei Jahren vor der Frage stand, wo er sein Geschäft aufmachen wollte, entschied er sich bewusst für das Wohngebiet. Laufkundschaft kommt hier zwar nicht vorbei, doch auf die ist Tauschek mit seinem Konzept auch nicht angewiesen. Der staatliche geprüfte Augenoptiker verkauft nämlich nicht nur Brillen, er fertigt sie auch.

Im Gegensatz zum gewöhnlichen Optikergeschäft in der Fußgängerzone mit großen Schaufenstern und einer größeren Auswahl an Kollektionen, bietet Tauschek individuell auf das Gesicht des Kunden zugeschnittene Fassungen aus Holz, Metall und Horn. So bekommt hier jeder die Brille, die ihm wirklich passt. Dafür muss Tauschek erstmal Maßarbeit leisten. Auf ein Porträtfoto des Kunden zeichnet er am Computer eine Fassung, die er anhand der Maße und Vorlieben des Kunden zuschneidet. Mittels einer Schablone sägt er das Schichtholz oder auch das Horn zurecht. Ergänzt werden die Fassungen durch Bügel aus demselben oder je nach Wunsch auch anderem Material. Und natürlich durch die Gläser. Die er, wie jeder Optiker, dazubestellen muss. Die Brille ist also von Anfang an sein Werk. Das Brillenmachen hat der 42-Jährige erst spät für sich entdeckt.

Als Tauschek sich nach 16 Gesellenjahren im Jahr 2005 doch noch für die Selbstständigkeit entschied, war ihm das Ursprüngliche seine Berufs, also die Rückkehr zur Herstellung, eine Herzensangelegenheit. Zugute kam ihm damals, dass sein Lehrherr, der damals noch sehr kleine Filialist Optik Matt in Kempten, seine handwerklichen Fähigkeiten erkannt hatte und ihn vorwiegend in der Werkstatt einsetzte. Tauschek konnte Fassungen reparieren, einstellen und dabei genau studieren. Auch das Gläserschleifen war damals noch Handarbeit. Heute ersetzt ein Automat diese Tätigkeit. Insgesamt hat sich der Beruf von der handwerklichen Arbeit entfernt. Beratung, Augenausmessung und Sehstärkenkontrolle sowie Verkauf gehören zu den Hauptaufgaben. Umso mehr lag Tauschek daran, mit seiner Geschäftsgründung das Brillenmachen wieder aus der Versenkung zu holen. Da seine drei Kinder (21, 19 und 15) schon aus dem Gröbsten raus waren, er aber noch mindestens 30 Jahre zu arbeiten hatte, entschied er sich, nochmal etwas Neues zu machen. Seine Idee erntete erstmal Skepsis.

Immerhin gibt es nach Angaben des Zentralverbandes der Augenoptiker rund 500 Designer und Produzenten von Brillengestellen in Deutschland. Wie viele davon Augenoptiker mit eigenem Laden sind und wie viele Brillen in Deutschland produziert werden, weiß man beim Verband allerdings nicht. In einer Gilde haben sich im November vergangenen Jahres sechs Brillenmacher zusammengeschlossen. Initiator Jörn Dackow möchte diese „zarte Blüte“ des Handwerks fördern und damit dem Kunden die Hochwertigkeit des Produkts wieder erschließen.

Damit trifft er genau Tauscheks Intention. Der Allgäuer sagt, er sei oft belächelt worden für sein Vorhaben. Immer wieder bekam er zu hören, dass sich so ein Geschäft nicht rentiere, erzählt er. Heute weiß er, dass es geht. Doch leicht sei die Gründung nicht gewesen, gibt er zu. „Man muss sich den Markt erobern“, sagt er. Diese Eroberung habe ihm schon einige Mühe gemacht. Auch das Selbstbewusstsein, eine Brille vom Entwurf bis zum Endprodukt entwickeln zu können, musste er sich erst erarbeiten. Als Optiker wisse man schließlich nicht automatisch, ob man so etwas kann. Doch in der Holzverarbeitung etwa oder in der Feinmechanik habe er viel dazugelernt in den letzten Jahren. Tauschek entwickelte Routine. Nach und nach hat er sich eine Kollektion aufgebaut, aus der er die Interessenten wählen lässt. Es funktioniere eh nicht, jedem Kunden ein völlig neues Modell zu bauen, sagt er. Dafür wäre zu viel Arbeitszeit nötig und die Brillen würden zu teuer. Inzwischen hat sich der Familienvater einen Kundenstamm aufgebaut. Dass regelmäßig neue Kunden hinzukommen, verdankt er hauptsächlich der Mund-zu-Mund-Propaganda und dem Zufall. Ein Optiker, der Brillen selbst baut, ist heutzutage halt etwas Exotisches. Regionalen Wirtschaftszeitungen ist so ein anschauliches, seltenes Handwerk gerne einen Bericht wert.

Dass es gut läuft, hänge auch mit seinem eigenen Standpunkt zusammen. Als Brillenmacher habe er jetzt ein ganz anderes, klareres Auftreten, bekräftigt er. Heute sieht er sich mit ganz anderen Schwierigkeiten als lahmender Nachfrage konfrontiert. Etwa, wenn es darum geht, die Arbeit so zu organisieren, dass er mehrere Aufträge gleichzeitig erledigen kann, ohne verabredete Liefertermine zu verschieben. Eine Palette an Standardmodellen und -komponenten soll ihm die Organisation erleichtern. Aber: Gute Handwerksarbeit dauert halt ein wenig länger.