Professor Thomas Jocher über die Frage, was sich ändern sollte, um mehr Bewegung in den Markt zu bringen. Serie "Barrierefrei und altersgerecht" – Teil 4: Ausblick – wohin entwickelt sich der Markt?
Frank Muck
DHZ: Herr Professor Jocher, leben Sie schon barrierefrei?
Jocher: Nein. Weil ich das selbst viel zu spät verstanden habe. Ich wohne in einem Haus auf drei Ebenen. Das hat einzig den Vorteil, dass meine Frau und ich wegen des vielen Treppensteigens fit bleiben. Allerdings darf uns nichts passieren. Die Mediziner sagen uns Architekten immer: Bitte baut viele Schwellen und Stufen ein, damit die Leute sich bewegen müssen.
DHZ: Stufen sind gut, eine barrierefreie Wohnung gilt aber gleichzeitig als vorbildlich. Was ist unter diesen beiden Gesichtspunkten die ideale Wohnung?
Jocher: Die ideale Wohnung ist barrierefrei, liegt aber in einem Haus im obersten Stockwerk, in das eine schöne Treppe führt, sodass sie jeden Tag fün fmal hoch- und runterlaufen müssen. Für den Fall der Fälle gibt es dann einen Aufzug.
"Die Schweizer legen die Messlatte etwas niedriger."
DHZ: Schaut man sich die standardisierte und platzsparende Reihenhausbauweise an, hat man das Gefühl, dass sich um die Barrierefreiheit niemand so recht Gedanken macht.
Jocher: Ich möchte gar nicht vorschreiben, wie jemand wohnen sollte. Selbst ein Reihenhaus ist nicht unmöglich. Man sollte nur auf altengerechte Anpassungen vorbereitet sein, etwa indem man für den nachträglichen Einbau eines Lifts, und sei es nur ein Treppenlift, Platz lässt.
DHZ: Eine nachträgliche Anpassung verursacht aber auch hohe Kosten. Ist es daher nicht sinnvoll zu sagen: Baut bitte vorausschauender?
Jocher: Das ist genau das, was ich tagein, tagaus sage, ob in der Praxis oder bei Wettbewerben. Der Umbau im Bestand ist eine unglaublich mühselige und aufwendige Prozedur. Es ist viel einfacher, den Neubau so zu planen, dass Umbauten nur in kleinem Umfang nötig sind. Weil aber auch hier jede Maßnahme Geld kostet, propagieren wir als Forscherteam ein abgestuftes Konzept für altengerechtes Wohnen. Die Idee nennt sich „ready“ und bietet, je nach Geldbeutel, eine mehr oder weniger aufwendige Lösung.
DHZ: Gibt es etwas, das sich grundsätzlich ändern sollte an der Art, wie gebaut wird?
Jocher: Man sollte die Standards für Barrierefreiheit überdenken. Die Schweizer legen die Norm-Messlatte etwas niedriger. Denen ist es lieber, dass die Wohnungen für Rollstuhlfahrer besuchsgeeignet sind. Der Schweizer Rollstuhlbesucher muss nicht unbedingt noch in den kleinsten Abstellraum rollen können.
DHZ: Die Handwerker erleben täglich, dass sie für nicht normgerechte Wohnungen Lösungen finden müssen. Geht die Norm da nicht von falschen Voraussetzungen aus
Jocher: Sagen wir besser: von idealen Voraussetzungen. Selbst wenn Sie nur einen Fußboden austauschen wollen, haben Sie teilweise schon zu viel Aufbauhöhe. Da trifft es den Handwerker oder eben die Planer. Aus meiner Sicht stecken wir in zwei Fallen fest: Einerseits werden uns normativ viele Einzelheiten vorgeschrieben, die oft sogar widersprüchlich sind, und andererseits ergeben sich bei Streitfragen Rechtsunsicherheiten. Jeder Sachverständige setzt dann andere Schwerpunkte.
"Die Planung selbst bildet eine Schlüsselstelle."
DHZ: Gehört die Norm abgeschafft?
Jocher: Die Norm erfasst ja nicht einmal alle Lebensbereiche. Ein Klo zum Beispiel kann nach der Norm rechts oder links anfahrbar sein. Sie haben also nur 50 Prozent Sicherheit, dass es im Falle einer Behinderung, bei einem Schlaganfall etwa, passt. Deshalb sollte man zuerst die Grundvoraussetzungen schaffen und sich bei Bedarf individuell einrichten.
DHZ: Sie haben einige Quartiere beurteilt, die als Vorzeigeprojekte gelten. Was war Ihre Erkenntnis?
Jocher: Für uns waren es gute Beispiele, um zu erkennen, was existenziell wichtig ist und was nur „Nice to have“. Eines ist klar: Zum Leben gehört mehr als die Wohnung und das Haus. Es geht ums Einkaufen, um den Arztbesuch, um das Wohnumfeld. Im Idealfall ergibt sich immer so etwas wie eine Stadtsituation. Doch das ist zurzeit leider die Ausnahme. Gerade der ländliche Raum bekommt hier zunehmend Probleme.
DHZ: Für ein Gesamtkonzept an städtischem Wohnen fehlt es jedoch an der Koordination der beteiligten Gruppen, oder?
Jocher: Aus meiner Erfahrung ist die altengerechte Einrichtung von Häusern stark individualisiert und vom persönlichen Engagement abhängig. Viele wollen im Moment noch nicht verstehen, dass sie das Thema altengerechtes Wohnen irgendwann auch selbst betrifft. Folglich beziehen sich viele Investoren in ihren Angeboten auf diese kurzsichtige Haltung.
DHZ: Wie soll ein Handwerker sein Angebot gestalten?
Jocher: Die Handwerker sind in einer ganz entscheidenden Rolle. Gerade weil es oft um kleinere Maßnahmen geht, bei denen ein Architekt gar nicht mehr eingesetzt wird. Die fachkundige Planung selbst bildet daher eine Schlüsselstelle. Ich glaube, dass allein die Durchführung kleinerer Maßnahmen mit verschiedenen Gewerken im Verbund mehr Beachtung verdient. Ein Konzept wäre gut, das all die Arbeiten koordiniert – schnell und kostensicher.
Marktausblick Branchen
Bernd Dechert, Geschäftsführer Technik beim Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke: "In dem Ziel, ältere Menschen immer länger in ihrem Umfeld wohnen zu lassen, liegt für unsere Betriebe eine große Chance. Wichtig ist deshalb, dass sie die Technik beherrschen, also deren Nachfrage bedienen können. Die Handwerker müssen erkennen, welche Bedürfnisse die Kunden haben, und dementsprechend individuelle Lösungen erarbeiten können. Da Kunden gerne alles aus einer Hand haben, ist es vorteilhaft, gewerkeübergreifende Angebote zu machen."
Matthias Thiel, Referatsleiter demografischer Wandel beim Zentralverband Sanitär Heizung Klima: "Eine weitere Anforderung für die Betriebe ist die Einbindung intelligenter Technik. Da der Arbeitskräftemarkt in der Pflege unter Fachkräftemangel leidet, wird der Bedarf an Produkten immer größer, die die Pflege entlasten und die Selbstbestimmtheit der Kunden fördern. Kunden sollten möglichst umfassend auch über Anforderungen und Finanzierungsmöglichkeiten unterrichtet werden. Um die Fachkräftelücke auszugleichen, müssen wir neue Qualifikationskonzepte entwickeln und in den Betrieben Prozesse verschlanken." fm
Kongress "Zukunft Lebensräume" und AAL
Handwerker haben beim gemeinsamen Kongress „Zukunft Lebensräume“ und AAL Gelegenheit zur vertiefenden Information. Ziel ist es, den Austausch der Bau-, Wohnungs- und Pflegewirtschaft zu fördern sowie die Verbindung zwischen Forschung, Entwicklung und Anwendung zu stärken.
Termin: 29. April, 9 bis 18 Uhr, und 30. April, 8 bis 18 Uhr.
Ort: Kap Europa/Messe Frankfurt, Osloer Straße 5, 60327 Frankfurt am Main.
Programm unter zukunft-lebensraeume.messefrankfurt.com .