Die Bayern-Chefs Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge waren sich einig, dass der Titel für Schalke schon deshalb unmöglich sei, weil Gelsenkirchen keinen Rathausbalkon hätte und bei der aktuellen Finanzsituation der Kommunen so schnell wohl auch keinen bauen werde. Es wäre ja nun auch wirklich wie im Märchen, wenn die Königsblauen Meister würden. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
Märchenhafter Felix
Meisterbetrieb: Der Polizist stellt sich tot
Ein Glück, dass sich die Aschewolke über Europa mittlerweile verzogen hat, sonst würde den Bayern eine besonders perfide Tortur drohen: Sie müssten im Mannschaftsbus zum Champions-League-Rückspiel nach Lyon reisen – und das ausgerechnet jetzt, wo der Frühling in hiesigen Gefilden Einzug gehalten und die Klimaanlage im Luxus-Vehikel den Geist aufgegeben hat.
Ins Schwitzen dürften die Bayern so oder so am Dienstag im Stade Gerland kommen, wenn sie ihr 1:0 aus dem Hinspiel verteidigen müssen. Dabei werden allerdings beiderseits ein paar prominente Namen fehlen. Nicht nur die französische Diva Franck Ribéry ist gegen seine Landsleute wegen seines längeren Aufenthalts auf Lisandros Mittelfuß im Hinspiel nicht dabei, auf der Gegenseite muss Nationalspieler Toulalan gesperrt passen und auch Cris, der Abwehrchef von Olympique, droht verletzungsbedingt auszufallen. Oder hatte er auch im Training der Lyonnais nur wieder einen Anflug von schlechtem Schauspiel wie in München? Cris, den sie in Lyon den "Polizisten" nennen, hat auch am Mittwoch genau aufgepasst: Als die Bayern zu schnell durch seinen Strafraum geprescht sind, hat er nicht die Kelle gehoben, sondern sich einfach tot gestellt – und damit wenigstens den Schiedsrichter beeindruckt – zweimal brachte er die Münchner damit total aus dem Rhythmus.
Das gelang am Samstag auch den Gladbachern in der Bundesliga ganz gut, ausgerechnet der schon abgeschriebene Miroslav Klose rettete dem FCB die Tabellenführung. Die Genugtuung beim Joker hielt sich in Grenzen, seine Gedanken im Moment des Treffers beschrieb er wie immer unprätentiös: "Endlich mal eine Flanke", so Klose. Coach van Gaal dagegen zeigte allen per eindeutiger Geste, dass er mit Kloses Einwechslung ein ausgezeichnetes Näschen gehabt hatte. Und Präsident Hoeneß bestellte Grüße an Felix Magath: Es gebe für Schalke keinen Grund, zu frohlocken.
Gesellenstück: Froschkönig lernt tauchen
Da war sich Hoeneß mit Bayern-Vorstandschef Kalle Rummenigge einig, der während der Woche schon mal angemerkt hatte, dass der Titel für Schalke schon deshalb unmöglich sei, weil Gelsenkirchen keinen Rathausbalkon hätte und bei der aktuellen Finanzsituation der Kommunen so schnell wohl auch keinen bauen werde. Es wäre ja nun auch wirklich wie im Märchen, wenn die Königsblauen ausgerechnet in jener Saison, in der sie fast dem finanziellen Kollaps zum Opfer gefallen wären, den über 50-jährigen Meisterfluch besiegen würden.
Apropos Märchen und Fluch: Felix Magath sieht im neuen Werbespot für die Deutsche Sporthilfe ja ein bisschen aus wie der Froschkönig: Er taucht aus dem Wasser auf und man hat das Gefühl, dass er der Fünfkampf-Olympiasiegerin Lena Schönefeld anstelle einer goldenen Kugel gleich einen Medizinball vom Beckenboden herauftaucht. Wie man für solche Fälle länger die Luft anhalten kann, lernt Magath jetzt bei Schwimm-Bundestrainer Lange, den er als Berater in sein Fitness-Team geholt hat.
Es fallen einem gar nicht so viele Gründe ein, warum man auf Schalke einen Schwimmtrainer brauchen könnte: Die Abwehr ist neben jener der Bayern die beste der Liga und schwimmt nur selten. Bleibt der Verdacht, dass S04 eine Schwimmabteilung gründet, um wenigstens in einer anderen Sportart mal zu Meisterehren zu kommen.
Erstes Lehrjahr: Die Rolex unter den Trainern
Wer ist wohl der erfolgreichste Bundesligatrainer aller Zeiten? Ottmar Hitzfeld? Jupp Heynckes? Udo Lattek? Hennes Weisweiler? Alles falsch: Nimmt man die Statistik, wie viele Punkte ein Fußballlehrer pro Spiel geholt hat oder den Prozentsatz der gewonnenen Spiele, dann hat ein Bundesliga-Neuling die Nase vorn: Christian Gross, seit Dezember verantwortlich für die sportlichen Geschicke des VfB Stuttgart, holte bisher im Schnitt 2,4 Punkte pro Spiel, führte den VfB in einer Halbserie von Platz 16 auf sechs und gewann 76 Prozent seiner Spiele.
Mit diesem Wundermann kann keiner mithalten. Die Glatze akkurat poliert, die Taktik so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk – dieser Fußballlehrer ist die Rolex seiner Zunft. Er wirkt zwar nach außen stets wie ein Trauerkloß, doch im stillen Kämmerchen jubelt er bestimmt hemmungslos über sein Husarenstück, die Schwaben von einem Abstiegskandidaten zu einem Europa-Bewerber umgekrempelt zu haben.
Und jetzt hat er sich noch ein kleines Nebenprojekt auf die Fahnen geschrieben: VfB-Torwart-Oldie Jens Lehmann soll irgendwie doch noch den Sprung auf den WM-Zug schaffen. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, seit sich die Nummer eins René Adler mit einem Rippenbruch herumplagt und Lehmann keine Gelegenheit auslässt, den Konkurrenten Tim Wiese in der Öffentlichkeit schlechtzureden. Der nahm den Fehdehandschuh dankbar auf und stänkerte vom Feinsten zurück.
Schon kurios, dass es derlei Scharmützel in der Liga immer nur bei Torwächtern gibt – Radenkovic gegen Maier, Schumacher gegen Stein, Lehmann gegen Kahn seien als Beispiele genannt. Aber wer sich freiwillig in ein sieben Meter breites Gehäuse stellt, um sich ständig darin zu versuchen, einen Ball mit 30 Zentimeter Durchmesser abzuwehren, muss wohl etwas sonderbar sein.
Zwei linke Hände: Knöpfe ohne Biss
Was die Hamburger in diesen Wochen so treiben? – Es ist mit natürlichem Menschenverstand nicht zu erklären. Der Auftritt am Sonntag in Hoffenheim war jedenfalls so desolat, dass Trainer Labbadia seinen Hut nehmen musste, obwohl am Donnerstag nichts Geringeres als das Europa League-Halbfinalrückspiel in Fulham auf dem Plan steht. Labbadia war von der Nicht-Leistung seiner Spieler in Durchgang eins so entsetzt, dass er zur Pause einen Verteidiger für einen Stürmer einwechselte – beim Stand von 0:3. Die Schadensbegrenzung klappte jedoch auch nicht wirklich, am Ende hatte die bis dahin zweitschlechteste Rückrundenmannschaft Hoffenheim mit 5:1 die Nase vorn und HSV-Vorstandschef Hoffmann jede Menge unangenehmer Fragen zu beantworten.
Dabei zeigte Labbadia doch bei seinem nun schon seit Wochen andauernden Bewerbungsmarathon um einen Rauswurf viel mehr Engagement als die lauffaulen Hamburger Profis auf dem Platz. Toll zum Beispiel die "Kino-Affäre" vergangene Woche, als Keeper Frank Rost mit fünf anderen Profis am Abend vom Trainingslager aus ein Lichtspieltheater besuchte und der Coach im Sechseck hüpfte, obwohl die Truppe 20 Minuten vor dem Zapfenstreich zurück auf den Zimmern war. Rost hätte alle Teamkameraden mitnehmen sollen und nicht nur einzelne, moserte Labbadia – daraufhin trat der beleidigte Rost aus dem Mannschaftsrat zurück. Die abtrünnigen Kicker hatten sich übrigens "Kampf der Titanen" angeschaut. Dabei wäre angesichts der aktuellen Situation beim Bundesliga-Dino doch "Krieg der Knöpfe" viel passender gewesen.