Berufsorientierung Wenn der Lehrer zum Praktikum in den Handwerksbetrieb kommt

Das Handwerk hat einiges zu bieten. Die meisten Schüler aber wissen nur wenig darüber. Genauso geht es vielen Lehrkräften, die für die jungen Menschen wichtige Ratgeber bei der Berufsorientierung sind. Zwei Initiativen setzen deshalb darauf, Lehrerinnen und Lehrer über die Berufsmöglichkeiten des Handwerks fortzubilden. Wie das Konzept funktioniert.

Angehende Lehrerinnen und Lehrer probieren sich an der Blechbiegemaschine im Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer für Schwaben.
An der Blechbiegemaschine braucht es Fingerspitzengefühl: Im Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer für Schwaben ließen sich angehende Lehrerinnen und Lehrer theoretisch und praktisch über die vielseitigen Möglichkeiten des Handwerks fortbilden. - © Sascha Schneider, HWK Schwaben

"Die Vielfalt des Handwerks und die Begeisterung dafür, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, will ich meinen Schülerinnen und Schülern weitergeben", sagt Nils Härle, Lehramtsanwärter an der Anna Pröll Mittelschule Gersthofen in Schwaben. Der angehende Lehrer hat im Mai an einer Fortbildung der Handwerkskammer (HWK) für Schwaben teilgenommen, die sich speziell an Mittelschulreferendarinnen und -referendare richtet. Das Ziel: Die jungen Lehrkräfte sollen mehr über das Handwerk und die vielen Berufsmöglichkeiten lernen – um dieses Wissen an ihre Schülerinnen und Schüler weiterzuleiten.

Denn sowohl viele Lehrkräfte als auch junge Menschen wissen nur wenig über die Branche. Carolin Philipp, Teamleiterin Nachwuchswerbung der HWK, erklärt die Idee hinter der Fortbildung: "Die Lehrerinnen und Lehrer sind neben den Eltern die wichtigsten Ratgeber für die Berufsorientierung der Schülerinnen und Schüler. Eine duale Ausbildung im Handwerk ist ein sehr guter Start ins Berufsleben und kann bis zum eigenen Unternehmen führen."

Viel Wissen über das Handwerk

Lehramtsanwärter Nils Härle erzählt, dass er bisher nur wenige Berührungspunkte mit dem Handwerk hatte. Genauso geht es Lea Veronese, Referendarin an der Mittelschule Zusmarshausen (Schwaben) und ebenfalls Teilnehmerin der Fortbildung. Vieles von dem, was sie im ersten, theoretischen Teil der Fortbildung gelernt hat, war ihr neu: "Es ging viel um den grundlegenden Aufbau des Handwerks. Wie sind zum Beispiel die Handwerkskammern aufgebaut und welche anderen Institutionen gibt es? Auch die verschiedenen Berufe wurden vorgestellt", berichtet sie. Nils Härle hat ebenfalls einiges gelernt, was er noch nicht wusste. "Dass es die Möglichkeiten gibt, ins Ausland zu gehen, dass der Bildungsweg des Meisters im Grunde dem eines Bachelorabschlusses gleichzusetzen ist und wie viele Weiterbildungsmaßnahmen es im Handwerk gibt", sagt er beispielsweise.

Die Praxis durfte nicht fehlen

Aber es blieb nicht nur bei der Theorie. Wie im Handwerk üblich, ging es im zweiten Teil der Fortbildung an die Praxis. Hier sollten die Teilnehmer hautnah erleben, wie Handwerker tagtäglich Dinge mit ihren eigenen Händen installieren, reparieren und erschaffen. In den Werkstätten des Berufsbildungs- und Technologiezentrums hatten die angehenden Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit, eigene Werkstücke anzufertigen. In einer der Metallbau-Werkstätten ging es darum, unter Anweisung von Lehrmeister Alexander Griebsch einen Handyhalter herzustellen. Von Griebsch gab es zusätzlich interessante Informationen über die Vielfalt im Metallbaubereich. Darüber hinaus konnten die angehenden Lehrerinnen und Lehrer auch im Elektrohandwerk, in der Holzbearbeitung, in der Land- und Baumaschinentechnik sowie im Zerspanungs-, Pneumatik- und Hydraulikbereich praktisch tätig werden.

Informationen, von denen Schüler nun profitieren sollen

Besonders hilfreich fand Lea Veronese, dass sie Informationen erhalten hat, die sie ganz praktisch nutzen kann: "Es wurden nicht nur Tests und Websites über die Berufsmöglichkeiten für Schüler vorgestellt, sondern auch Informationen für Lehrer. Wir haben viele nützliche Kontaktdaten erhalten", sagt Veronese. Die Mittelschulreferendarin plant, dieses Wissen in den höheren Klassen weiterzugeben – nämlich dann, wenn es um die Berufswahl geht oder um die Suche nach Praktika.

Auch Nils Härle möchte seine über das Handwerk neu gewonnene Begeisterung an die Schülerinnen und Schüler weitergeben: "Für mich war es besonders spannend zu erfahren, dass der Kern des Mittelstandes nicht die Industrie, sondern das Handwerk ist, und wie die Struktur unseres Landes generell vom Handwerk abhängig ist", so der Lehramtsanwärter.

Dachdeckerbetrieb Hanebutt lädt zum "Lehrerpraktikum"

Das Angebot der HWK für Schwaben ist nicht die einzige Initiative dieser Art. Auch der Dachdeckerbetrieb Hanebutt in Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen) hat schon mehrmals zum "Lehrerpraktikum" ins eigene Unternehmen eingeladen. Das Lehrpersonal darf dabei einen Tag in den modernen Handwerksbetrieb reinschnuppern. Bereits mit dabei waren Lehrerinnen und Lehrer von Schulen aus der Region, darunter sogar welche vom Gymnasium. Laut Henning Hanebutt, Dachdeckermeister und Geschäftsführer in dritter Generation, ist das Unternehmen bereits gut vernetzt mit umliegenden Schulen, bietet unter anderem Schülerpraktika und Angebote für junge Ferienjobber. Doch warum setzt der Betrieb nun auch auf die Lehrer? "Unser Ziel ist es, dass das Lehrpersonal die Vielfalt des Handwerks bzw. des Dachdeckerhandwerks kennenlernt und dadurch Schüler für die Chancen des Handwerks sensibilisiert", sagt Hanebutt.

Bei Hanebutt werden die Lehrer in der Regel von einem Gesellen, einem Meister sowie einem Auszubildenden durch den Tag begleitet. Dabei wird nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern auch mit angefasst, um Handwerk hautnah zu erleben. In der hauseigenen Lehrwerkstatt dürfen die Lehrer ihr eigenes Schreibtischset bauen – vom Handyhalter über die Stiftdose aus Kupfer bis zum Kaffeeuntersetzer. Es gibt aber auch tiefe Einblicke in den abwechslungsreichen Alltag des Dachdeckers: Dabei wird nicht nur das Arbeiten mit der Drohne gezeigt, sondern auch nähergebracht, warum es in dem Beruf gute EDV-Kenntnisse braucht. Besonders wichtig ist es dem Betrieb zu vermitteln, welche vielseitigen Weiterbildungsmöglichkeiten das Handwerk bietet. "Nachdem man Geselle geworden ist, bedeutet das keinen Stopp. Man kann den Meister machen, sogar ein Studium ist möglich. Das wissen viele Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich noch nicht", sagt Hanebutt.

Begeisterte Reaktionen

Laut Hanebutt waren die Teilnehmer und Teilnehmerinnen vom "Lehrerpraktikum" begeistert. Er hofft, dass sie die neu gewonnenen Erkenntnisse an ihre Schüler weitergeben und will das Projekt weiter auszubauen bzw. es auch an den anderen elf Standorten der Unternehmensgruppe anbieten. Auch Stephanie Moravcik, Seminarrektorin für die Mittelschulen im Augsburger Landkreis, von der die Idee zum Projekt der HWK für Schwaben stammt, freut sich über die positive Resonanz. Bereits zum dritten Mal hatte die Veranstaltung stattgefunden. Sie soll stetig weiterentwickelt werden. Es sei von großer Bedeutung für die jungen Lehrkräfte, dass sie über die Vielfalt des Handwerks differenziert Bescheid wissen und Handwerk auch praktisch erleben. "Schließlich müssen sie die Jugendlichen für die Berufs- und Arbeitswelt kompetent machen", so Moravcik.