Silbermedaille der DLG Lebensmittelsiegel nach Wurstskandal in der Kritik

Eine von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft vergebene Auszeichnung für gepanschte Wurst sorgt für Aufregung. Markteilnehmer- und beobachter diskutieren, welchen Wert die Masse an Lebensmittelsiegeln eigentlich hat.

Steffen Guthardt

Die DLG testet jedes Jahr rund 30.000 Lebensmittel auf sensorische Qualität. - © picture alliance / Andreas Arnold/dpa

Labels auf Lebensmitteln sollen dem Verbraucher Orientierung und Sicherheit beim Einkauf geben. Im besten Fall sagt das Gütesiegel aus, dass bei der Herstellung eines Produkts gewisse Standards bei Herkunft und Herstellung eingehalten worden sind und die Inhaltsstoffe qualitativ hochwertig und gesundheitlich unbedenklich sind.

Doch wie vertrauenswürdig sind die Siegel wirklich? Ein Bericht des ZDF-Magazins "Frontal 21" lässt Zweifel an den Prüfungen aufkommen. Für die Sendung hat der Metzgermeister Franz Josef Voll, ehemaliger Lebensmittelkontrolleur, eine gepanschte Wurst hergestellt, die dann über eine vom Magazin gegründete Scheinfirma bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) zur Prüfung eingereicht wurde.

Silber für gepanschte Wurst

Hauptbestandteile der Wurst waren 46 Prozent Separatorenfleisch (vom Knochen abgepresster Fleischbrei), 27 Prozent Wasser und nur neun Prozent echtes Fleisch. Metzgermeister Voll betont, dass dies eigentlich nichts mit echter Wurst zu tun hat. Umso überraschender das Ergebnis der DLG: Eine Silbermedaille, die zweithöchste Auszeichnung, die die Prüfer zu vergeben haben.

Während Metzgermeister Voll die Medaille "als ein Schlag in das Gesicht jedes Handwerkers" bezeichnet, weist die DLG alle Schuld von sich und sieht sich getäuscht. "Trotz Anfrage durch die DLG hat uns die Redaktion keine klaren Informationen zu dem Erzeugnis und den analysierten Parametern zur Verfügung gestellt und somit eine klärende Zuarbeit durch die DLG unmöglich gemacht", heißt es in einer Stellungnahme. Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg sieht das anders: "Das ist ein Armutszeugnis, dass ein Produkt dieser Qualität eine Auszeichnung bekommt und sich die DLG im Nachhinein über fehlende Informationen beklagt." Sein Fazit: "Das Siegel hält nicht, was es verspricht." Valet ergänzt, dass es kein gutes Zeichen in den Markt sei, wenn Hersteller sehen, dass sie sich ein Siegel erschleichen können.

"Das ist ein Schlag in das Gesicht jedes Handwerkers"

Ähnlich äußert sich die Verbraucherorganisation Foodwatch: "Mit dem silbernen DLG-Label wurde den Verbrauchern suggeriert, bei der Separatorenfleisch-Wurst handele es sich um ein hochwertiges Produkt, was es de facto nicht ist." Zurückhaltender zeigt sich der Zentralverband des Deutschen Handwerks, der an die DLG verweist und lediglich anmerkt, dass "nach unserem Kenntnisstand Anträge bei der DLG üblicherweise unter wissenschaftlicher Begleitung geprüft werden". Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft will den "Sachverhalt nicht abschließend bewerten", betont jedoch, dass Kennzeichnungen " dem Prinzip Wahrheit und Klarheit" entsprechen müssen.

Kaum eine andere Organisation in Deutschland vergibt so viele Prüfsiegel für Lebensmittel wie die DLG. Knapp 30.000 Produkte werden im Jahr getestet. Kritiker des Siegels bemängeln vor allem, dass die Beurteilungen der DLG hauptsächlich nach sensorischen Kriterien wie Geschmack, Geruch, Aussehen und Konsistenz getroffen werden.

Die getesteten Kriterien seien genau jene, die Verbraucher am ehesten auch selbst beurteilen können, sagt Valet. Viel wichtiger wären Prüfungen auf Inhaltsstoffe und Schadstoffe oder auch eine Bewertung der Herstellungsprozesse. Valet erklärt das Problem am Beispiel eines Fruchtjoghurts, der mit perfekten Abbildungen von Früchten wirbt und total fruchtig schmeckt, weil die Industrie ein tolles Fruchtaroma herstellen kann. Echte Früchte enthalte dieser Joghurt aber kaum. "Das ist Verbrauchertäuschung."

Er kritisiert am Prüfverfahren der DLG zudem eine eingeschränkte Unabhängigkeit, weil die Prüfer zum Teil selbst aus der Wirtschaft kommen. Auch der Umstand, dass die Hersteller ihre Produkte einreichen können, stößt ihm unangenehm auf. "Das muss nicht das gleiche Produkt sein, wie es der Kunde später beim Einkauf im Supermarkt vorfindet", sagt Valet. Letztendlich sei das DLG-Siegel ein Werbelabel der Hersteller mit dem Ziel, Absatz zu fördern.

Empfehlung für "Bio"-Siegel

Dass es anders geht, zeigt aus seiner Sicht das Beispiel der Stiftung Warentest , die ihre Produkte selbst aus Supermarktregalen einkauft und neben sensorischen Kriterien auch Inhaltsstoffe oder Nachhaltigkeitsfaktoren in die Prüfungsergebnisse einbezieht.

Neben dem privaten Label der Stiftung Warentest sieht Valet die gesetzlichen Siegel als nützliche Information für den Verbraucher an. Dazu zählen das verpflichtende staatliche "Bio"-Siegel und das freiwillige staatliche "Ohne-Gentechnik"-Siegel. Die Einhaltung deren Standards würden im Gegensatz zu den freien Siegeln von der amtlichen Lebensmittelüberwachung geprüft.

Aus seiner Sicht sind Siegel grundsätzlich nützlich, wenn sie für Verbraucher "vertrauenswürdig, einfach und nachvollziehbar" gestaltet sind. Das stützen die Ergebnisse des Ernährungsreports 2018 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Demnach achten inzwischen 41 Prozent der Verbraucher in Deutschland bei ihrem Einkauf auf Siegel. 2015 waren es nur 33 Prozent.

"Der Meisterbrief ist ein anerkanntes und ausgewiesenes Qualitätssiegel"

Für den Zentralverband des Deutschen Handwerks ist auch der Meisterbrief ein "anerkanntes und ausgewiesenes Qualitätssiegel", das in der Regel hinter der Theke der Metzgereien für den Kunden gut sichtbar sei. Schlechte Qualität könnten sich handwerkliche Metzgereien gar nicht leisten, weil sie vom regionalen Absatz und dem unmittelbaren Kontakt mit dem Verbraucher abhängig sind. "Wenn der Kunde die Qualität für minderwertig befindet, dann wird er vermutlich künftig woanders kaufen", so der ZDH. Davon abgesehen verfügten Handwerksbetriebe in der Regel nicht über die maschinelle Ausstattung, um Separatorenfleisch überhaupt herstellen zu können.

Kritik übt der ZDH an der Vielfalt an Siegeln, "die es dem Verbraucher fast unmöglich macht, den Überblick zu behalten". Auch Foodwatch ist der Ansicht, dass die "hunderte von Siegeln in Deutschland die Verbraucher leider mehr überfordern, als dass sie ihnen Orientierung bieten" und plädiert für verbesserte, staatliche garantierte Produktinformationen und eine Ampelkennzeichnung zu Inhaltsstoffen in Lebensmitteln.

DLG prüft eigene Standards

Anders sieht das die DLG: "Die große Vielfalt an Siegeln auf dem Lebensmittelmarkt ist Ausdruck eines immer größeren und differenzierteren Informationsbedürfnisses der Konsumenten", heißt es gegenüber der Deutschen Handwerks Zeitung.

Dennoch will die DLG den aktuellen Vorfall zum Anlass nehmen, "die Qualitätsprüfungen grundlegend weiterzuentwickeln". Dazu soll eine interne Arbeitsgruppe in den kommenden Monaten konkrete Vorschläge erarbeiten.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner arbeitet derweil an einem neuen Siegel, das dem Verbraucher Aufschluss über die Haltungsbedingungen von Tieren geben soll. "Das staatliche Tierwohllabel wird klare, einheitliche Kriterien haben. Es ist transparent und eine wirkliche Hilfe bei der Kaufentscheidung", so die Ministerin. Der Deutsche Fleischer-Verband befürwortet das Label, wünscht sich aber auch möglichst wenig zusätzlichen bürokratischen Aufwand für die Handwerksbetriebe. Und es dürfe keine "Mengenrabatte" oder Ausnahmeregelungen für große Unternehmen geben wie bei der EEG-Umlage.