Fachkräftesicherung durch ältere Mitarbeiter: In altersgemischten Teams arbeiten Jung und Alt am effektivsten.
Jana Tashina Wörrle
Lebenslanges Lernen in die Tat umsetzen
Wir wollen nicht zum alten Eisen gehören“, verkündeten die Mitarbeiter des Gebäudereinigungsunternehmens Saubermann in Salzmünde, als ihnen ihr Firmenchef, Matthias Stenzel, vor ein paar Jahren sein neues Personalkonzept vorstellte. Die Mehrheit der Mitarbeiter war zu dieser Zeit über 40, viele über 50 Jahre alt. Trotzdem wollten alle mithelfen dafür zu sorgen, dass der demografische Wandel nicht zu einer Bedrohung für das Unternehmen wird. Das neue Personalkonzept sollte der Fachkräftesicherung dienen und hatte das Ziel, die vorhandenen Mitarbeiter – egal welchen Alters – so einsetzen zu können, dass sie möglichst lang im Unternehmen bleiben. Stenzel setzte auf Fortbildung und Mitbestimmung. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern spielte er das Szenario durch, was mit dem Betrieb und damit auch mit den Arbeitsplätzen seiner 140 Mitarbeiter passieren könnte, wenn sie nicht mit geeigneten Maßnahmen reagieren würden.
Matthias Stenzel hat sich frühzeitig mit dieser Problematik auseinandergesetzt, doch planen nicht alle Betriebe so vorausschauend – gerade für kleine Unternehmen bedeutet dies großen zusätzlichen Aufwand ."Dass das Thema der Fachkräftesicherung und damit auch die Beschäftigung älterer Menschen immer wichtiger wird, ist leider bei vielen Betrieben noch nicht angekommen", sagt Nikolaus Teves von der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald. Das Handwerk stehe hier vor besonderen Herausforderungen, betont der Betriebsberater: "Die wenigsten Handwerksbetriebe haben eine eigene Personalabteilung und auch Maßnahmen wie Teilzeitstellen oder das Ausweichen auf weniger körperlich anstrengende Arbeiten lassen sich gerade in kleinen Betrieben viel schwerer umsetzen." Trotzdem müsse verstärkt daran gearbeitet werden, auch für ältere Arbeitnehmer im Handwerk Beschäftigungslösungen zu finden.
Betriebe müssen handeln
Der demografische Wandel und damit auch die alternde Gesellschaft wirken sich erheblich auf die Personalstrukturen im Handwerk aus. Nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie wird in Deutschland der Anteil an Arbeitskräften, die im Alter zwischen 50 und 64 Jahren sind, im Jahr 2050 auf rund 32 Prozent steigen. Im Jahr 2008 waren es noch rund 24 Prozent. Trotzdem würden heute immer noch fast 40 Prozent der Unternehmen in Deutschland keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über 50 Jahre beschäftigen. Auch wenn sich durch den späteren Renteneinstieg ab 2029 und den damit zur Verfügung stehenden Arbeitnehmern neue Chancen ergeben, dem Fachkräftemangel etwas entgegensetzen zu können, so entstehen für Betriebe auch ganz neue Herausforderungen. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung nehmen die 45- bis 64-Jährigen bis zum Jahr 2025 um 1,4 Millionen zu. Gleichzeitig verringert sich im selben Zeitraum die Zahl der 19- bis 24-Jährigen um rund 1,2, Millionen. Es findet also eine Verschiebung in der Altersverteilung statt. "Zum ersten Mal seit vielen Jahren erlebe ich jetzt, dass Gesellen nach der Lehre erst einmal Angebote einholen und nicht mehr darum bangen müssen, eine Stelle zu bekommen“, sagt Stenzel. "In Zukunft wird niemand mehr darum herumkommen, sich gezielt um die vorhandenen Mitarbeiter zu bemühen.“
Mit der Alterung der Bevölkerung altern auch die Belegschaften. Wenn weniger Jüngere nachkommen, müssen die Aufgaben neu verteilt werden. Mit einem stetig steigenden Durchschnittsalter der Mitarbeiter nehmen auch bestimmte Probleme und "Verschleißerscheinungen“ zu. Doch gerade die Älteren verfügen meist über viel Fachwissen, langjährige Erfahrung und damit über Kompetenzen, die vielen Jüngeren fehlen. "Die Betriebe müssen genau diese Erfahrung ihrer Mitarbeiter nutzen“, sagt Udo Nistripke von der Handwerkskammer Halle. Als besonders gute Lösung sieht er so genannte Tandemmodelle, bei denen ältere und jüngere Mitarbeiter in altersgemischten Teams arbeiten und damit voneinander profitieren können. "Der eine weiß wie man einen schweren Gegenstand richtig anhebt und der andere hat die Kraft dazu, also kommen sie gemeinsam mit einer optimalen Lösung zum Ziel“, gibt Nistripke als Beispiel. Genau dies ergab auch eine aktuelle Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Danach profitieren bei altersgemischten Teams beide Seiten von der Zusammenarbeit. Einerseits steige die Produktivität der älteren Mitarbeiter und andererseits könnten die jüngeren von der langen Berufserfahrung profitieren. Doch neben der Möglichkeit der gemischten Teams müssen Betriebe laut der ZEW-Studie auch gezielt auf spezielle Maßnahmen für die Älteren wie einer geeigneten Ausstattung der Arbeitsplätze und eines angepassten Gesundheitsmanagements setzen.
Besonders wichtig sind und bleiben Weiterbildungsmaßnahmen. Denn auch das fundierte Fachwissen der älteren Mitarbeiter muss immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden. "Sowohl die Betriebe als auch die Mitarbeiter sind gefragt, wenn es darum geht, das Konzept des lebenlangen Lernens in die Tat umzusetzen“, sagt der Bevölkerungswissenschaftler Christopher Schmidt von der Universität Bamberg. Dadurch könne das gängige Vorurteil, ältere Mitarbeiter seien weniger leistungsfähig, bearbeitet werden, rät er. Um möglichst effektiv zu sein, sollten die Weiterbildungsmaßnahmen laut ZEW immer mit einer Tätigkeitserweiterung oder -veränderung verbunden sein. "Mitarbeiter müssen die Chance bekommen, sich weiterzubilden, ansonsten geht irgendwann die Motivation verloren“, sagt Nistripke. Auch, wenn ältere Arbeitnehmer seltener den Betrieb wechseln und mehr Wert auf den Faktor Sicherheit legen, bräuchten sie trotzdem immer wieder Anreize, sich für den Beruf zu engagieren, und Chancen, im Unternehmen eine neue Position zu erreichen.
Umdenken für die Zukunft
"Weiterbildung ist bei uns Thema Nummer eins“, berichtet Matthias Stenzel. In seinem Betrieb sorgte er dafür, dass die älteren Mitarbeiter entsprechend ihrer Fähigkeiten für neue Arbeitsfelder geschult werden. Dem aktiven Mitarbeiten in einem Handwerksbetrieb sind für ältere Arbeitnehmer irgendwann körperliche Grenzen gesetzt, doch dies könne man durch den Wechsel der Tätigkeit ausgleichen. "Wir haben unsere älteren Mitarbeiter gezielt in den Bereichen Vertrieb, Kundenakquise und für die Betreuung der Lehrlinge geschult, also für Arbeiten, die körperlich nicht so sehr anstrengend sind“, sagt Stenzel.
"Es ist immer einfacher, vorhandene Mitarbeiter zu halten, als neue zu gewinnen“, sagt Udo Nistripke, „genau deshalb müssen die Betriebe dies als wichtiges Arbeitsfeld erkennen.“ Nach Ansicht von Christopher Schmidt müssen die Betriebe in Zukunft stärker auf die "stillen Reserven“, zu denen auch die Älteren zählen, setzen, um das Arbeitskräfteangebot einigermaßen zu stabilisieren.
Ein Umdenken ist auch im Bereich der alltäglichen Arbeitsabläufe gefragt. Auch der Arbeits- und Gesundheitsschutz muss auf die sich ändernden Personalstrukturen angepasst werden. "Ein gutes Gesundheitsmanagement fängt schon bei jüngeren Mitarbeitern an“, sagt Nistripke. "Um bei den Älteren Potenzial zu haben, muss man bei den mittleren Jahrgängen investieren.“ Zu einem effektiven Gesundheitsmanagement gehören deshalb neben einer individuellen Arbeitsplatzgestaltung auch Kurse, die den Arbeitnehmern zeigen, wie sie ihre Gesundheit schützen und sich langfristig fit halten. "Die Krankenkassen bieten diese Kurse kostenlos an“, freut sich Stenzel. Man müsse nur anfragen und schon würden sie in den Betrieb kommen. "Und das machen die nicht nur bei großen Firmen, sondern auch bei kleinen Handwerksbetrieben“, gibt Stenzel seinen Handwerkskollegen an die Hand. In seinem Betrieb tragen die gemeinsamen Kurse viel dazu bei, dass sich unter den Mitarbeitern eine Gemeinschaft bilden kann – auch dies sichert Fachkräfte. Wenn die Mitarbeiter spüren, dass der Betrieb in sie investiert, dann sind sie auch bereit, etwas für den Betrieb und den Erhalt der vorhandenen Unternehmenskultur zu tun. Laut Udo Nistripke liegt dies auch daran, dass durch die Abschaffung der Frühverrentungsförderung und der Erhöhung des Rentenalters allen klar ist, dass sie länger arbeiten werden. Nun müssen jedoch sowohl die Betriebe als auch die Mitarbeiter selbst etwas dafür tun, dass aus der Verlängerung der Lebensarbeitszeit zur Win-win-Situation für beide wird.