Die neue Bundesbauministerin Verena Hubertz ist um ihr Amt wahrlich nicht zu beneiden. In der ZDF-Talkshow von Markus Lanz machte sie zum Thema Wohnungsbau eine solide Figur, ohne jedoch konkret zu werden. Dabei geriet sie zeitweise unter Beschuss durch einen Ökonomen, der sich auf dem Wohnungsmarkt bestens auskennt. Und auch die Rolle des Handwerks beim Wohnungsbau wurde beleuchtet.

Was wohl schlimmer sei, Gesundheits- oder Bauminister, wollte Moderator Markus Lanz an einer Stelle der Sendung von der neuen Bauministerin Verena Hubertz (SPD) wissen. Das war nur halb scherzhaft gemeint, sind doch beide Ressorts bekannt dafür, dass sie in einem Wust von Klientelinteressen und Föderalismus nicht gerade regelmäßig sinnvolle Regelungen auf den Weg bringen, sondern sich auf dem Weg dorthin in eben jenem typisch deutschen Zuständigkeitsgewirr verlieren. Hubertz wich solchen provokanten Fragen, die eines der Markenzeichen von Lanz sind, jedoch meist geschickt aus an diesem Abend. Sie blieb bei ihren Kernaussagen, ließ sich nicht provozieren – und nannte vor allem keine konkreten Zahlen.
An der Zahl von 400.000 Neubauten hatten sich bereits ihre Amtsvorgängerin Klara Geywitz und Ex-Kanzler Olaf Scholz verhoben. Wer Zahlen als Ziel aufruft, ist daran einfach und für den politischen Gegner plakativ messbar. Deshalb wollte Hubertz weder die 400.000 noch eine andere Zahl nennen, als sie danach gefragt wurde. Als ehemalige Unternehmerin wisse sie, dass man nicht irgendwelche Zahlen ausgibt und dann plump nur noch darauf hinarbeite.
Das Übertreffen von Standards kostet viel Geld
So kam Hubertz durchaus gut durch die ersten Minuten der Talkshow, doch in der Folge, als sich ein Experte immer häufiger zu Wort meldete, wurde es schon hin und wieder eng für die Ministerin. Ökonom Matthias Günther vom Pestel Institut, das sich mit Fragen von Wohnungsbau und Immobilien beschäftigt, legte ein Argument nach dem anderen vor, warum es derzeit beim Neubau in Deutschland nicht läuft. So sei es in Zeiten niedriger Zinsen, als sich "alles verkaufen" ließ, normal gewesen, etwa bei Deckenstärken beispielhaft anstatt der geforderten 18 Zentimeter lieber 24 Zentimeter zu bauen. Baukosten bis zu 5.000 Euro pro Quadratmeter seien so zustande gekommen. Klar, was das letztlich für die Verkaufspreise bedeutet, die natürlich über den Kosten liegen müssen. Günther sagte, dass es schon ein guter Erfolg wäre, wenn man 25 oder 30 Prozent unter die jetzigen Kosten käme.
Der Nutzen ist zweifelhaft
Damit war Hubertz grundsätzlich einverstanden, nickte immer wieder. In der Tat sind die horrenden Kosten beim Bauen, die einerseits durch die teils schärfsten Vorschriften weltweit, teils aber auch durch die Möglichkeit, in früheren Zeiten niedriger Zinsen durch Überbieten der Standards mehr zu verdienen, entstanden sind, ein riesiges Problem. Denn die daraus resultierenden Quadratmeterkosten kann sich ein Normalverdiener ohne ein größeres Vermögen in der Hinterhand nicht mehr leisten. Zumal der Nutzen des Überbietens der Standards zweifelhaft ist. Günther erklärte, dass mittlerweile in Norddeutschland einfach durch die Rückkehr zu Standards günstigere Preise um die 2.500 Euro pro Quadratmeter erzielt worden seien. "Und das sind keine schlechten Bauten", betonte er. Da sekundierte Hubertz in aller Klarheit: "Einen Unterschied merkt man nicht." Und Günther bemerkte noch ein wenig augenzwinkernd: "Den Menschen, die dort leben, geht es gut." Auch hier gelang es der Ministerin, sich schnell auf die Diskussion einzustellen und entsprechend clever zu agieren.
Ein undurchdringliches Geflecht
Das Überbieten der Standards ist das eine, die Standards an sich sind das andere. Und die sind teils auch schon an der Grenze der Sinnhaftigkeit. Hubertz erwähnte etwa die Form der Regenrinne als Beispiel für Überreglementierung. Auch brauche man nicht immer kostentreibende Tiefgaragen, auch Außenstellplätze seien zulässig. Durch 16 Landesbauordnungen mit unterschiedlichen Vorschriften hat sich indes ein Geflecht herausgebildet, das nahezu undurchdringlich ist. Wie sie das als Ministerin durchschlagen will, ließ Hubertz offen. Es gebe ja die Bauministerkonferenz, sagte sie nur. Die schiere Existenz dieses Gremiums hilft natürlich noch lange nicht weiter, weil dort ja auch die jeweiligen Pfründe verteidigt werden. Serielles Bauen nannte sie dann noch, nicht mehr wie früher "Stein auf Stein". Doch das blieb alles recht oberflächlich.
Hohe Einsparungen in Deutschland ändern am Klima nichts
Was leider in der Diskussion nicht explizit zur Sprache kam, waren die tiefergehenden Ursachen der Preisexplosion, etwa Übertreibungen bei der Energieeffizienz. Dicke Dämmungen, Dreifachverglasung, hocheffiziente Gebäude – all das treibt natürlich auch die Kosten, während sich durch die Einsparungen in Deutschland am globalen Klima noch lange nichts ändert. Von den Einnahmen lebt natürlich auch die Branche gut, nicht nur im Neubau, sondern auch im Bestand, wenn ganze Häuser nachträglich mit dicken Dämmplatten und Dreifachglas ausgestattet werden. Gleichzeitig wird das Heizen mit Gas oder Öl politisch verteuert und die Menschen zur Wärmepumpe getrieben. All das mag aus Sicht der Politik sinnvoll sein – teuer und oft mit Blick auf das Ziel, den Klimawandel zu beeinflussen, ineffizient ist es in jedem Fall.
Die Baubranche kappt Kapazitäten
Dass es der Baubranche derzeit nach dem Ende des durch künstliche Niedrigzinsen erzeugten Booms nicht mehr gut geht, rechnete erneut Günther vor. Es würden Kapazitäten zurückgefahren, genau in den Zeiten, wo man doch mehr Wohnungen und Häuser bräuchte – ein Teufelskreis, wie auch Moderator Lanz schnell erkannte. Und dazu kommen dann auch noch die altbekannten Probleme mit dem Fachkräftemangel im Handwerk. Da verstieg sich Hubertz zwar zu der Äußerung, dass man nicht mehr so viele Menschen brauche, weil zunehmend automatisiert werde, aber dennoch wurde das Problem in der Runde adressiert. Lanz stellte die provokante Frage: "Wie überzeugen wir junge Leute, doch lieber Dachdecker zu werden als Influencer?" Sie erlebe, dass junge Leute auch Lust hätten, etwas zu schaffen, entgegnete Hubertz, das habe sie erst vergangene Woche bei einer Veranstaltung mit jungen Zimmerern erlebt. "Wir brauchen all die Leute, die anpacken und nicht nur studieren oder in Talkshows sitzen", sagte sie. Die spaßige Konversation durchbrach dann allerdings erneut Günther, der vorrechnete, dass jedes Jahr wegen der Demografie 400.000 Menschen mehr aus dem Arbeitsmarkt in den Ruhestand gingen als neu hinzukämen und dass die Anwerbung aus dem Ausland schwierig sei, wenn man den Angeworbenen hier keine Wohnungen zur Verfügung stellen könne.
Ein Teufelskreis – und ein Entrinnen ist schier unmöglich
Erneut also ein Teufelskreis, zumal das Jobwunder durch Migration bislang leider ganz grundsätzlich ausgeblieben ist – gerade auch im Handwerk. Und so ergab sich am Ende das Bild einer ambitionierten Ministerin, die die Herausforderungen der Realität durchaus kennt und glaubwürdig in ihrem Bestreben wirkt, diese lösen zu wollen. Allein – es sind sehr viele Probleme, die beim Wohnungsbau ein Geflecht auf politischer, verwaltungsrechtlicher und nicht zuletzt ideologischer Ebene bilden. Hubertz wäre wahrscheinlich die erste Ministerin, die die Klientelpolitik beim Bauen nachhaltig durchbrechen würde, wenn sie denn Erfolg hätte und ihren Worten auch Taten folgten. Man kann ihr dabei nur alle Gute wünschen – ob es am Ende klappt, steht auf einem ganz anderen Blatt.
>> Die komplette Sendung können Sie sich hier ansehen: Markus Lanz vom 4. Juni 2025