DHZ-Interview Langfristig beträchtliche Inflationsrisiken

Kurzfristig sieht Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, keine Risiken einer Inflation. Im DHZ-Interview erläutert Krämer die Entwicklung der Leitzinsen und gibt Geldanlagetipps. Interview: Karin Birk

Interview: Karin Birk

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.Foto: Commerzbank

Langfristig beträchtliche Inflationsrisiken

DHZ: Die Notenbanken haben weltweit viel Geld in die Finanzmärkte gepumpt. Droht uns eine Inflation?

Krämer: Kurzfristig sehe ich keine Inflationsgefahr. In den nächsten zwei Jahren wird die Inflation sogar eher fallen. Dann wird sich der Trend allerdings umdrehen. Langfristig gibt es beträchtliche Inflationsrisiken.

DHZ: Weshalb rechnen Sie kurzfristig mit niedrigen Inflationsraten?

Krämer: Die hinter uns liegende schärfste Rezession der Nachkriegszeit hat die Arbeitslosigkeit erhöht und die Verhandlungsposition der Gewerkschaften geschwächt. In Deutschland sind die Bruttolöhne und Gehälter je Kopf – bereinigt um die Kurzarbeit – zuletzt nur noch um 0,6 Prozent gestiegen. Der Anstieg der Löhne ist der wichtigste Bestimmungsgrund der Inflation auf mittlere Sicht.

DHZ: Wann dreht sich der Spieß?

Krämer: In drei bis vier Jahren müssen wir mit vielleicht drei bis vier Prozent Inflation rechnen. Wir gehen zwar davon aus, dass es der Zentralbank gelingen wird, den Großteil der überschüssigen Liquidität wieder einzusammeln. Aber aus Angst um das zarte Konjunkturpflänzlein wird sie ihre Zinsen erst spät anheben und die stark gestiegene Zentralbankgeldmenge nicht ganz zurückholen.

DHZ: Wann erwarten Sie eine Leitzinserhöhung?

Krämer: Vermutlich nicht in der ersten Hälfte des kommenden Jahres. Dazu ist der Konjunkturaufschwung zu schwach, dazu sind die Kapazitäten noch zu niedrig ausgelastet. Mit höheren Leitzinsen rechne ich eher im zweiten Halbjahr 2010.

DHZ: Wenn Notenbanken im Kampf gegen die Inflation Ernst machen, werden die Zinsen weiter steigen müssen. Manchem hoch verschuldeten Staat dürfte das nicht passen. Hält die Europäische Zentralbank diesem Druck stand?

Krämer: Die Europäische Zentralbank ist unabhängig. Sie wird im Großen und Ganzen alles dafür tun, die Inflation niedrig zu halten. Allerdings wird über die Zeit der politische Druck zunehmen, die Zinsen weniger stark zu erhöhen und etwas Inflation zuzulassen. Das hilft den Finanzministern, die Staatsschulden zu bedienen. Gleichzeitig würden über eine höhere Inflation allerdings die Bürger geschröpft.

DHZ: Die Situation in Griechenland macht es nicht leichter?

Krämer: Ganz recht. Könnte Griechenland im Extremfall seine Staatsschulden nicht mehr bedienen, dürften andere europäische Länder den Griechen unter die Arme greifen. Das würde die Verschuldung in den Kernländern der Europäischen Währungsunion weiter nach oben treiben.

DHZ: Wie kann sich ein Anleger gegen Inflation schützen?

Krämer: Wenn die Inflation zunimmt, werden inflationsgeschützte Anleihen interessant. Allerdings erkauft man sich den Inflationsschutz auf Kosten der Rendite. Aktien sind interessant, da sie reale Werte widerspiegeln und deshalb eine – wenn auch unwahrscheinliche – Währungsreform überstünden.

DHZ: Wie sieht es mit Gold aus?

Krämer: Gold gehört in geringem Umfang in jedes Portfolio. Allerdings schützt Gold nur begrenzt vor Inflation. Gerade Gold hat sich in der Vergangenheit nicht immer parallel zur Inflation entwickelt. Der Goldpreis wird auch durch andere Faktoren wie Käufe und Verkäufe von Zentralbanken bestimmt. Gleichwohl schützt Gold vor einem Vermögensverlust, sollte das gesamte Geldwesen zusammenbrechen. Das ist aber – wie gesagt – extrem unwahrscheinlich.

DHZ: Inwieweit bieten Immobilien einen Inflationsschutz?

Krämer: Wer ein eigenes Dach über dem Kopf hat, ist in Krisenzeiten besser dran. Als Geldanlage sieht es aber anders aus, da die Immobilienpreise nicht nur von Inflation profitieren, sondern auch unter der in vielen Gegenden Deutschlands schrumpfenden Bevölkerung leiden.