Ein Vierteljahrhundert ist die Atomkatastrophe von Tschernobyl her. Doch für Eberhard Klein ist sie weiter ganz nah. Gerade mit der Atomkatastrophe von Japan seien bei ihm Bilder zurückgekommen, sagt der evangelische Pfarrer. "Bilder von an Leib und Seele verbrannten Menschen, mit regelrecht glühenden Gesichtern. Das wird mir nie mehr aus dem Kopf gehen."
Langer Atem für Tschernobyl
Frankfurt/Main (dapd-hes). Ein Vierteljahrhundert ist die Atomkatastrophe von Tschernobyl her. Doch für Eberhard Klein ist sie weiter ganz nah. Gerade mit der Atomkatastrophe von Japan seien bei ihm Bilder zurückgekommen, sagt der evangelische Pfarrer. "Bilder von an Leib und Seele verbrannten Menschen, mit regelrecht glühenden Gesichtern. Das wird mir nie mehr aus dem Kopf gehen."
Klein hat 1990 den "Arbeitskreis - Leben nach Tschernobyl" in der evangelischen Kirchengemeinde Langgöns in Hessen mit gegründet. Die Initiative ist einen von vielen in Deutschland, die sich auch 25 Jahre nach der Katastrophe in dem ukrainischen Atomkraftwerk vom 26. April 1986 weiter für die Menschen auf den verstrahlten Gebieten einsetzen - in der Ukraine, Russland oder Weißrussland.
Auf dem Höhepunkt der Solidarität, Ende der 1990er Jahre, habe es in Deutschland 600 bis 800 Initiativen für Tschernobyl gegeben, schätzt die Osteuropa-Expertin Isolde Baumgärtner, die für das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund zu dem Jahrestag an einem Buch zur Solidaritätsbewegung für Tschernobyl mitgearbeitet hat. Nach wie vor seien etwa 400 aktiv.
Die Arbeit habe sich im Laufe der Zeit entwickelt. "Am Anfang war die Hilfe humanitär: Medikamente, Kleider, Lebensmittel", sagt Baumgärtner. "Aber mit der Zeit sind Partnerschaften entstanden, eine Art Entwicklungszusammenarbeit von unten."
"Hilfe zur Selbsthilfe" ist auch Andreas Seiverth wichtig. Sein 1990 gegründeter Verein "Ein Leben nach Tschernobyl" mit Sitz in Frankfurt am Main hat unter anderem ein Kinderzentrum in Weißrussland aufgebaut - natürlich mit Partnern vor Ort, nordwestlich von Minsk. "Nadeshda" heißt das Zentrum, "Hoffnung".
Rund 4.000 Kinder aus den weiter radioaktiv verseuchten Gebieten kämen jedes Jahr dorthin, um sich zu erholen, medizinisch und pädagogisch betreut zu werden, sagt Seiverth, der hauptberuflich Bundesgeschäftsführer der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung ist.
Andere Tschernobyl-Initiativen holen die Kinder aus den verseuchten Gebieten dazu nach Deutschland. In der Bundesrepublik seien seit der Katastrophe 100.000 Heranwachsende allein aus Weißrussland gewesen; damit liege Deutschland hinter Italien an zweiter Stelle, sagt die Historikerin Melanie Arndt. Sie leitet am Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam das internationale Forschungsprojekt "Politik und Gesellschaft nach Tschernobyl".
Ihrer Einschätzung nach hatte das Interesse und das Engagement in der Hilfe nach 25 Jahren natürlich nachgelassen. Doch mit Fukushima habe das Thema neue Aufmerksamkeit erhalten. Als Vorbild für Japan taugt die lange Hilfe für die Menschen in Russland, Weißrussland und der Ukraine aus Sicht der Experten allerdings nur bedingt. "Eine direkte Solidaritätsbewegung mit Kinderverschickungen und regelmäßigen Fahrten von Hilfstransporten in die Region wird es nicht geben", sagt Arndt mit Blick auf die größere Entfernung.
Laut Baumgärtner ist die Hilfe für Tschernobyl zudem vor einem ganz besonderen historischen Hintergrund zu sehen: Mit Ende des Kalten Krieges seien etliche Deutsche in die Ukraine und nach Weißrussland gereist, um Versöhnungsarbeit für die Gräuel des Zweiten Weltkriegs zu leisten. Dabei hätten sie auch erstmals Informationen über die bis dahin von der Sowjetunion unterdrückten tatsächlichen Ausmaße der Katastrophe erhalten. "Es entwickelte sich praktische Versöhnungsarbeit und eine Art europäische Nachbarschaftshilfe"
Und die scheint weiter bitter nötig. "Etwa fünf Millionen Menschen leben nach wie vor auf verstrahltem Gebiet, davon eine Million Kinder" sagt Arndt. Und Baumgärtner verweist vor allem auf die Gefahr der Aufnahme von Radioaktivität durch Nahrungsmittel und die Auswirkungen auf die Gesundheit. Die durch die wirtschaftliche Dauerkrise hoffnungslos überforderten Gesundheitssysteme in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion könnten das nicht auffangen.
Die Initiativen denken ohnehin nicht ans Aufhören. Eberhard Klein treibt nach eigenen Worten "ein heiliger Zorn" zum Weitermachen an. Und Andreas Seiverth fordert Durchhaltevermögen: "Der Atem muss so lang sein, wie das Material strahlt."
dapd
