Jobsuchende werden immer wählerischer. Schon ein negativer Kommentar auf Arbeitgeber-Bewertungsportalen wie Kununu kann sie von einer Bewerbung bei einer interessanten Firma abhalten. Unternehmen haben jedoch Möglichkeiten, ihre Reputation im Netz schnell zu verbessern.

Eine attraktive Work-Life-Balance, bei der sich Arbeit und Privatleben in einem angenehmen Gleichgewicht befinden, ist heute für viele Bewerber ein Muss, damit sie sich überhaupt auf einen neuen Job einlassen.
Dazu zählen flexible Arbeitszeiten, viele Urlaubstage und Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten oder Homeoffice. Weiterhin stehen auf den Wunschlisten häufig ein gutes Gehalt, ein umgänglicher Chef, ein nettes Team, ein komfortabler, moderner Arbeitsplatz, gesundheitliche Förderangebote und abwechslungsreiche Aufgaben.
Arbeitsmarkt ist Bewerbermarkt
Die Anforderungen an die Arbeitgeber haben damit in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Und der sich zuspitzende Fachkräftemangel erlaubt es Beschäftigten offenbar auch, ihre Ansprüche weiter hochzuschrauben.
So stimmen in der aktuellen "Xing"-Studie "Der Arbeitsmarkt der Zukunft" knapp zwei Drittel der Befragten der Aussage zu, dass sich die Situation hin zu einem Bewerbermarkt verändert hat.
Dies führe dazu, dass sich Arbeitnehmer in vielen Branchen ihre Stellen aussuchen könnten, während Arbeitgeber schauen müssten, Mitarbeiter überhaupt für sich zu gewinnen und längerfristig zu binden. Besonders deutlich pflichtet dieser Aussage die Generation Z bei (70 Prozent) und damit auch potenzielle Auszubildende für das Handwerk.
Arbeitgeber-Check im Netz
"Ob der Arbeitgeber den genannten Anforderungen gerecht wird, prüfen Interessenten immer häufiger über das Internet", weiß Thomas Feil, Fachanwalt für IT-Recht. Dabei spielten Bewertungen über das Unternehmen eine entscheidende Rolle. Neben Kundenbewertungen, die von Google ganz oben in der Ergebnisliste angezeigt werden, würden zunehmend Meinungen von (ehemaligen) Mitarbeitern zum Arbeitgeber auf speziellen Plattformen wie Kununu und Glassdoor gelesen, um sich mit wenigen Mausklicks ein Bild der Firma zu machen.
"Ein schwacher Zufriedenheitswert mit negativen Erfahrungsberichten kann bereits dazu führen, dass sich passende Kandidaten nicht bewerben", sagt Thomas Feil, der für seine Mandanten seit vielen Jahren Bewertungen sichtet und gegen beleidigende und fragwürdige Angaben juristisch vorgeht.
Komme ein Kandidat trotz negativer Bewertungen zum Vorstellungsgespräch, müssten Arbeitgeber mit unbequemen Fragen zu den kritischen Einträgen im Netz rechnen. "Bewerber wissen um ihre starke Verhandlungsposition, sind mutiger geworden und trauen sich häufiger, mögliche Missstände im Unternehmen offen anzusprechen", sagt der Jurist. Arbeitgeber, die auf eine solche Situation unvorbereitet seien, weil sie die Bewertungen gar nicht kennen oder die versuchen würden, die Kritik herunterzuspielen, könnten schnell eine Absage erhalten.
"Wenn Arbeitgeber eine kritische Bewertung kommentieren, kommen sie nie aus der Verteidigungshaltung heraus."
Thomas Feil, Fachanwalt für IT-Recht
Kommentare selten zielführend
Thomas Feil rät Betrieben deshalb dringend, das Thema Arbeitgeberbewertungen aktiv anzugehen. Im ersten Schritt sei es sinnvoll, sich auf den Portalen wie Kununu anzumelden, um über neue Bewertungen frühzeitig informiert zu werden. "Ich werde automatisch per Mail über einen Eintrag in meinem Profil benachrichtigt. So kann ich mir das regelmäßige Sichten auf den Portalen sparen."
Die Anmeldung bei Kununu & Co. ermöglicht es Firmen zudem, direkt zu Bewertungen Stellung zu nehmen und einen Kommentar zu verfassen. Der Fachanwalt hält das in vielen Fällen jedoch eher für vergebene Mühe oder sogar kontraproduktiv. "Wenn Arbeitgeber eine kritische Bewertung kommentieren und versuchen, sie zu entkräften, kommen sie nie aus der Verteidigungshaltung heraus." Die Versuche der Rechtfertigung könnten von Nutzern einfach übergangen werden oder sogar als Beleg dafür gewertet werden, dass an der Kritik etwas dran sei.
Nicht emotional werden
Wenig zielführend sei es auch, zu behaupten, die bewertende Person habe nie im Unternehmen gearbeitet. "Selbst wenn dies stimmt, was aufgrund der Anonymität der Bewertungen kaum zu beweisen ist, wirken solche Aussagen eher wie ein Akt der Verzweiflung und unglaubwürdig." Ebenso wenig hält der Anwalt davon, den Bewertungen mit standardisierten Antworten zu begegnen, um sich Aufwand zu sparen. "Das weckt bei Lesern nicht den Eindruck, dass sich der Betrieb ernsthaft mit der Kritik auseinandersetzt."
Tunlichst vermieden werden sollte es, sich auf eine emotionale Ebene zu begeben und persönliche Angriffe auf den Bewertenden zu starten. "Damit rückt eine Firma sich erst recht ins schlechte Licht und gibt der Kritik weiteren Nährboden", betont Feil. Deshalb rät Feil den Betrieben, sich direkt an einen Anwalt zu wenden, um gegen einen aus ihrer Sicht nicht gerechtfertigten oder sogar rufschädigenden Eintrag vorzugehen.
Formulierungen juristisch prüfen lassen
Im Gespräch mit seinen Mandanten erörtert der Jurist im ersten Schritt, was an der Bewertung beanstandet werden kann. "Falsche Tatsachenbehauptungen und Beleidigungen bieten eine gute Grundlage, dagegen vorzugehen." Feil prüft dafür sorgsam jede Formulierung in einer Bewertung. Auch in sachlich geschriebenen Bewertungen würden sich nicht selten falsche Behauptungen über das Unternehmen finden, die angreifbar seien.
Im zweiten Schritt wendet er sich mit einem Schreiben an die Plattform, die wiederum den Bewertenden kontaktiert. "Dieser muss anhand entsprechender Unterlagen nachweisen, dass er im betreffenden Unternehmen beschäftigt war oder ist. Während dieser Zeit werden die Bewertungen vorübergehend deaktiviert." Die Anonymität des Bewertenden bleibt dabei zu jedem Zeitpunkt gewahrt. Oftmals würden sich die Bewertenden aber gar nicht bei Kununu und Co. zurückmelden, weiß Feil aus der Praxis. Entweder, weil ihnen der Aufwand zu hoch sei oder weil sie eine rechtliche Auseinandersetzung scheuten. "In diesen Fällen, die nicht wenige sind, bleiben die Bewertungen deaktiviert und der Handwerksbetrieb hat sein Arbeitgeberprofil mit wenig Aufwand bereinigt."
Erfolgsquote von mehr als 90 Prozent
Liefert der Bewertende hingegen die benötigten Nachweise, würde die Bewertung von Kununu zunächst wieder reaktiviert. Dann müsse gegenüber der Plattform gut argumentiert werden, warum ein Rechtsverstoß vorliege, der eine Entfernung des Eintrags rechtfertige. Dabei liege die Beweislast, dass die Darstellung stimme, beim Bewertenden. Komme es zu keiner außergerichtlichen Lösung, könnte über die Bewertung auch vor Gericht verhandelt werden. "Dies ist jedoch die Ausnahme. In mehr als 90 Prozent der Fälle führt das Vorgehen für meine Mandanten zum Erfolg und die Bewertungen werden gelöscht", sagt Feil.
Vorsicht vor Billiganbietern
Aufwand und Kosten für den Betrieb, die sich bei einzelnen Bewertungen unter 500 Euro bewegten, stehen nach Ansicht von Thomas Feil in einem sehr guten Verhältnis zum Ertrag, wenn man bedenke, welchen Schaden negative Bewertungen für ein Unternehmen anrichten könnten. Er rät Firmen jedoch davon ab, sich auf Billiganbieter einzulassen, die damit werben, Bewertungen für weniger als 100 Euro entfernen zu lassen. "Diese Anbieter arbeiten in der Regel mit vorgefertigten Standardschreiben an die Plattformen, in der Hoffnung, dass dies bereits für eine Löschung ausreiche. Die Erfolgsquote ist hier deutlich niedriger."
Handwerksbetriebe, die es bevorzugen, gar nicht bei Kununu & Co zu erscheinen, muss der Jurist hingegen enttäuschen. "Sobald jemand die erste Bewertung über mein Unternehmen veröffentlicht, bin ich dort präsent. Unabhängig davon, ob die Firma selbst dort angemeldet ist. Das lässt sich nicht verhindern." Thomas Feil empfiehlt Betrieben, sich künftig viel stärker mit ihrer Reputation im Netz zu beschäftigen. Besonders im Hinblick auf den harten Kampf um Fachkräfte und Azubis.
Interview
"Betriebe müssen sich kümmern und dürfen nicht die Augen verschließen"
Bauer Elektroanlagen nimmt Mitarbeiterbewertungen sehr ernst. Entscheidend sei es, die Zufriedenheit der Beschäftigten zu steigern.
Frau Windstoßer, Sie betreuen den Kununu-Auftritt des Unternehmens. Was halten Sie von solchen Bewertungsportalen?
Silvia Windstoßer: Bewerber können sich dort einen Eindruck unserer Firma aus der Mitarbeiterperspektive machen und erfahren, wie diese über Bauer Elektroanlagen denken. Das finde ich eine gute Ergänzung zur Unternehmensperspektive, die über unsere Webseite vermittelt wird.
Bewertende bleiben auf Kununu anonym. Finden Sie das richtig?
Dank der Anonymität trauen sich unsere Mitarbeiter und Bewerber, ein ehrliches Feedback zu geben. Das finden wir richtig und positiv.
Wie reagieren Sie bei einer kritischen Bewertung?
Wir nehmen das sehr ernst und versuchen im Gespräch mit den zuständigen Abteilungen die Ursachen für den negativen Eindruck zu finden. Zudem bieten wir den Bewertern den Dialog und ein persönliches Gespräch an.
Sind Sie auch schon juristisch gegen Bewertungen vorgegangen?
Diesen Fall hatten wir tatsächlich schon. Hier konnten wir trotz intensiver Recherche keine Klärung des Sachverhalts herbeiführen.
Denken Sie, dass Interessenten für einen Job bei einer negativen Bewertung über ein Unternehmen auf eine Bewerbung verzichten könnten?
Ich denke schon, dass die Portale bei der Jobsuche eine Rolle spielen. Bewerber möchten sich ein Bild über den Arbeitgeber machen, besonders dann, wenn sie die Firma noch nicht kennen.
Was können Sie tun, um den Kununu-Score weiter zu verbessern?
Es gibt viele Faktoren, die auf eine positive Entwicklung des Scores einzahlen. Neben einem optimalen Bewerbungsprozess, den wir über alle Niederlassungen anstreben, bieten wir unseren Mitarbeitern zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle, Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung, interne Fachschulungen, externe Schulungen, betriebliche Altersvorsorge und Lebensarbeitszeitkonten an. Aktuell starten wir in den Teams mit bundesweiten Werteworkshops.
Würden Sie Betrieben raten, mehr auf Bewertungsportale wie Kununu zu achten?
Unbedingt. Betriebe müssen sich darum kümmern und dürfen nicht die Augen verschließen. Deshalb kann ich nur empfehlen, sich bei den Portalen anzumelden und dort aktiv zu sein.

