Die Warnung der Forscher vom Robert Koch Institut in Berlin vor dem Verzehr von Tomaten, Gurken und Salat in Norddeutschland hätte nicht ungünstiger kommen können. Gerade mal zwei Wochen nach Erntebeginn herrscht in den riesigen Gewächshäusern von Deutschlands größtem Produzenten loser Tomaten im vorpommerschen Barth Hochbetrieb und Krisenstimmung zugleich.
Krisenstimmung im Gewächshaus
Barth (dapd-lmv). Die Warnung der Forscher vom Robert Koch Institut in Berlin vor dem Verzehr von Tomaten, Gurken und Salat in Norddeutschland hätte nicht ungünstiger kommen können. Gerade mal zwei Wochen nach Erntebeginn herrscht in den riesigen Gewächshäusern von Deutschlands größtem Produzenten loser Tomaten im vorpommerschen Barth Hochbetrieb und Krisenstimmung zugleich. "Was wird, wenn die Leute unsere frischen Tomaten nicht mehr kaufen?", fragt Regina Eichler, die am Donnerstag mit einem Erntewagen zwischen zwei Reihen übermannshoher Tomatenpflanzen rollt. "Ich hab´ jetzt richtig Angst um meinen Job!"
Die Sorge teilt die 55-jährige Frau, die mit 15 Betriebsjahren zum Stammpersonal zählt, mit 40 Kollegen. Die Ausbreitung der gefährlichen bakteriellen Darmerkrankung EHEC, deren Erreger angeblich in ungereinigten Tomaten, Gurken und Salat vorkommen sollen, könnte die Hahn Gemüsebau GmbH in Barth schwer treffen. Am Morgen hatte Produktionsleiterin Elfi Lausch das Ernteteam zusammengetrommelt und über die Lage informiert. "Die Telefone stehen nicht still", sagt die 51-Jährige. Nicht nur Kunden, auch Vertreter großer Handelsketten fragten an, ab die bundesweit bekannten Barther Tomaten sicher seien.
Panik sei völlig unbegründet, sagt Lausch. Denn das Unternehmen habe erst vor einigen Jahren auf erdlose Kulturen umgestellt. Seitdem gediehen die Tomatenpflanzen in steriler Steinwolle, unter Abdeckfolien gegen Unkraut. Sie bekämen gereinigtes Brauchwasser, kein anfälliges Brunnenwasser, und würden ausschließlich mit anorganischem Flüssigdünger und nicht etwa mit Rinderdung aufgezogen. "Auch Schädlinge, Krankheitserreger und Unkraut haben bei uns keine Chance", versichert Lausch. Kleine Helfer wie Hummeln für die Bestäubung sowie Schlupfwespen und Raubwanzen gegen Ungeziefer unterstützten das Wachstum in den klimatisierten Gewächshäusern.
Auf mehr als fünf Hektar Fläche gedeihen derzeit Tomaten in Barth. Mehr als dreieinhalb Meter ranken inzwischen die Pflanzen in die Höhe. Aus den 140 Pflanzreihen - jede 96 Meter lang - pflücken die Mitarbeiter derzeit täglich 20 bis 25 Tonnen Früchte, die anschließend per Hand verlesen und vom Computer nach Größe und Farbe sortiert und verpackt werden. Am Nachmittag wird die frische Ernte mit Lkws abgeholt und an Händler der Region sowie bundesweit zu Filialen von Edeka, Real, Kaufland oder Famila gebracht.
Zwar habe es bis Donnerstagmittag noch keine Stornierungen gegeben, sagt Lausch. Doch wenn die Ursache der Erkrankungen nicht schnell gefunden werde und Kunden auf frische Tomaten verzichteten, seien Absatzprobleme vorprogrammiert. In den firmeneigenen Kühlräumen könne man die Tomaten nur maximal eine Woche lagern, danach sei die Ware verloren.
Nach Problemen mit Dumpinganbietern und Winterschäden an den Gewächshäusern stehe das Unternehmen möglicherweise vor seiner größten Krise, fürchtet Mitarbeiterin Eichler. Aber vielleicht gelinge es ja auch, gemeinsam mit dem Handel die Kunden über die Tomatenproduktion in Barth aufzuklären. "Und womöglich können wir dann mit unserer besonders sauberen Produktionsweise sogar ein wenig von der Krise profitieren."
dapd
