Es begann wie ein normaler Streifendienst. Doch aus dem Routineeinsatz wurde für Jürgen Röhr ein nicht enden wollender Albtraum. Am 30. Juni 2003 wurde der Berliner Polizist bei einer Schießerei lebensgefährlich verletzt. Eine Kugel fraß sich quer durch seinen Bauch: Die Leber durchschossen, der Magen durchlöchert, der Darm abgerissen. 85 Tage lang lag Röhr im Koma.
Kranker Freund und Helfer
Berlin (dapd). Es begann wie ein normaler Streifendienst. Doch aus dem Routineeinsatz wurde für Jürgen Röhr ein nicht enden wollender Albtraum. Am 30. Juni 2003 wurde der Berliner Polizist bei einer Schießerei lebensgefährlich verletzt. Eine Kugel fraß sich quer durch seinen Bauch: Die Leber durchschossen, der Magen durchlöchert, der Darm abgerissen. 85 Tage lang lag Röhr im Koma. Mehr als 20 Mal wurde er in den vergangenen Jahren operiert. Nicht nur der Körper streikte, sondern auch der Kopf.
Mit seinem Trauma ist Röhr nicht allein. Auch andere Polizisten erleben Schreckliches im Dienst. Doch darüber zu sprechen, fällt vielen schwer. Das Thema ist nicht besonders präsent im Polizeiapparat. Betroffene fühlen sich oft allein gelassen - bis sie merken, dass es Kollegen mit ähnlichen Erfahrungen gibt.
Röhr fuhr an dem Sommertag vor acht Jahren mit einer Kollegin zum Einsatzort, zu einer Schießerei in Berlin-Kreuzberg. Ein Mann hatte am hellichten Tag vor einer Kneipe seine Ex-Freundin erschossen und einen vorbeikommenden Radfahrer schwer verletzt. Bei dem Versuch, den Täter festzunehmen, fiel der Schuss, der das Leben von Röhr und seiner Familie für immer veränderte.
Komplikationen, Geschwüre, Operationen
Fast vier Monate lag er im Krankenhaus, dann kam die Reha - und die Hoffnung, bald wieder im Streifenwagen zu sitzen. Doch es gab Komplikationen, Geschwüre. Der Bauch wollte einfach nicht verheilen, es folgte eine Operation nach der anderen.
Dazu kam der Kampf mit Rechnungen, Bescheiden, Formularen. Auf den Papierkrieg waren Röhr und seine Frau Katrin nicht vorbereitet, sie fühlten sich hilflos. Was tun, wenn eine Rechnung über 58.000 Euro von der Intensivstation im Briefkasten liegt? Was tun, wenn die Verletzung wegen einer Unachtsamkeit im bürokratischen Labyrinth nicht als Dienstunfall anerkannt wird? Immerzu Fragezeichen. "Und das in einer Situation, in der man völlig neben sich steht", sagt Katrin Röhr. Sie ist selbst Polizistin, aber im Verwaltungsapparat der Behörde fand auch sie sich nicht zurecht.
"Nach ein paar Wochen fragt keiner mehr"
Am Anfang standen die Kollegen mit den Blumen und den guten Wünschen noch Schlange im Krankenhaus. "Aber nach sechs Wochen, wo die Probleme erst richtig anfangen, fragt keiner mehr nach", sagt Jürgen Röhr. Allzu viele Klagen und Sorgen wollen auch die engsten Kollegen nicht hören - oder können es schlicht nicht ertragen.
Bis heute hat es Röhr nicht zurück in den Dienst geschafft. Sein Körper macht das nicht mit. Er wurde in der vorzeitigen Ruhestand versetzt. Mancher Kollege meint, Röhr habe es doch gut, so früh in Pension. Das tut weh. Auch den schroffen Appell, er möge sich doch zusammenreißen, hat der 44-Jährige schon öfter gehört. Die "Weichei-Manie" sei in der Polizei noch weit verbreitet, sagt er. Probleme traumatisierter Beamter würden eher verleugnet als offen angesprochen. "Du wirst geschult bis zum Schuss", sagt Röhr. Mit dem, was danach passiert, muss jeder alleine fertig werden.
"Das Starke-Mann-Syndrom bei der Polizei"
Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft beklagt, in dem Beruf gelte immer noch das "Starke-Mann-Syndrom" - nach dem Motto: "Hab dich nicht so, du wirst doch wegen der Leiche nicht gleich schwach werden." Das werde nur allmählich besser. Die Gewerkschaft fordert mehr Offenheit bei dem Thema und mehr Angebote für traumatisierte Polizisten.
Ein Angebot haben sich die Betroffenen schon allein organisiert - eine Selbsthilfegruppe. Hier hat Röhr Kollegen gefunden, die Ähnliches erlebt haben. Erst wollte er nicht hingehen, mochte sich nicht eingestehen, dass er nicht nur der Körper, sondern auch die Seele Schaden genommen hat. 2005 traute er sich schließlich hin. "Ich konnte dort zum ersten Mal vom Anfang bis zum Ende erzählen", sagt er. "Die Leute verstehen einen. Man ist Gleicher unter Gleichen."
Ein Polizeiseelsorger hatte die Gruppe gegründet, ein Polizist aus Bayern führte die Arbeit fort - und inzwischen ist auch Röhr mit eingestiegen, organisiert die regelmäßigen Treffen, hört Kollegen zu, gibt Ratschläge, hilft ihnen weiter.
Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen
In der Selbsthilfegruppe treffen Polizisten aus ganz Deutschland mit unterschiedlichsten Erfahrungen aufeinander. Die einen mussten selbst schießen, manche waren bei den Amokläufen in Erfurt und Winnenden im Einsatz, andere haben verstümmelte Leichen bei Verkehrsunfällen oder an Tatorten gesehen. "Die kriegen diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf", sagt Röhr. Auch die Partner kommen mit zu den Treffen. Nicht nur die Polizisten, sondern auch ihre Familien werden durch solche Vorfälle völlig aus der Bahn geworfen.
Katrin Röhr funktionierte in den ersten Monaten einfach nur, hielt den Druck, die Angst, die Sorgen und die Belastung aus, ohne Luft zu holen. Irgendwann suchte sie selbst Hilfe bei einem Psychologen. Heute ist Röhr und seiner Frau nicht auf den ersten Blick anzusehen, was sie durchgemacht haben. Die Spuren des Sommertags von 2003 sind versteckt - die Narben unter dem Pullover und die Erinnerungen noch etwas tiefer. Aber Schmerzen hat Röhr noch täglich, sagt er, "ich werde jeden Tag daran erinnert."
dapd
