Leisure Sickness Krank im Urlaub: Darum passiert es so oft

Endlich Urlaub – und dann: Kopfschmerzen, Schnupfen oder Rückenschmerzen. Das kommt leider recht häufig vor. Doch was steckt hinter diesem Phänomen? Zwei Experten zeigen Wege auf, wie man vorbeugen kann und erläutern, in welchen Fällen sich Arbeitnehmer verlorene Urlaubstage wieder gutschreiben lassen können.

Hängematte
Kaum ist der Urlaub da, werden viele Menschen krank. Der Körper ragiert auf den plötzlichen Stressabfall. Daher ist es wichtig, sich auch während der normalen Arbeitstage etwas Erholung zu gönnen.

Viele Handwerker können sich aktuell kaum retten vor Aufträgen. Umso mehr freuen sie sich auf ihre wohlverdiente Sommerpause. Ausschlafen, Zeit mit Familie und Freunden verbringen, Hobbys nachgehen, in den Urlaub fahren oder Dinge erledigen, die im Haushalt liegen geblieben sind. Die Liste an möglichen Tätigkeiten ist lang. Doch viele werden zeitgleich mit ihrem Urlaub krank. Experten sprechen hierbei von "Leisure Sickness".

Laut einer Studie im Auftrag der Internationalen Hochschule Bad Honnef-Bonn (IUBH) ist jeder fünfte Deutsche davon betroffen. Woran liegt das und kann man etwas tun, um die Freizeitkrankheit zu verhindern?

Das Phänomen Leisure Sickness einfach erklärt

Der Psychotherapeut Roland Raible hat 40 Jahre als Pädagoge, Psychologe und Psychotherapeut gearbeitet. In seiner Praxis hat er immer wieder beobachtet, welche Auswirkungen lange Stressperioden auf Körper und Psyche haben. "Es ist bekannt, dass unser Organismus auf Phasen einer ungewollten, mit Stress versehenen Anspannung bei nächster Gelegenheit Entspannung sucht", erklärt er.

Dieses Phänomen trete auch "im Kleinen" auf. "Menschen werden am Wochenende kränklich, wenn sie doch in Erholungspausen Schönes und Gutes für sich tun sollten", sagt Raible. Die Ursache hierfür: Überanstrengung.

Nach abverlangter, ungesunder Anspannung erlaubt der Organismus ein Nachlassen der Kraftanstrengung. "Das kann dann auch dazu führen, dass die Immunabwehr nicht mehr wie zuvor funktioniert. Das ist selbstredend kein bewusster, willentlich steuerbarer Vorgang", sagt Raible weiter. Ob das immunologisch belegt ist, sei eine medizinische Frage.

Eine Berliner Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie e.V. (DGI) bestätigt: "Bei Leisure Sickness handelt es sich überwiegend um ein Stressphänomen." Dieses könne zwar Auswirkungen auf das Immunsystem haben, sei jedoch hauptsächlich psychosomatisch.

Gründe für die "Urlaubskrankheit"

  1. Angestauter Stress: Überstunden, zu viele Aufträge, Stress mit Kollegen oder Kunden – oft überschätzen Arbeitnehmer ihre eigenen Kraftreserven und arbeiten über ihre Grenzen hinaus. Hinzu kommt häufig ein Schlafmangel, da neben der Arbeit weitere Tätigkeiten wie Haushalt, Ehrenamt, Sport und familiäre Verantwortungen hinzukommen. Wer sich selbst keine Grenzen setzt, wird irgendwann vom eigenen Körper dazu gezwungen, einen Gang herunterzuschalten.
  2. Höhere Ansteckungsgefahr: Urlaub und Wochenenden bedeuten für viele auch mehr Kontakte. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, sich mit Erkältungsviren anzustecken. Gerade nun, da es keine Corona-Beschränkungen mehr gibt, werden viele unvorsichtig was Abstand und Hygiene angeht. Und lassen dabei häufig außer Acht, dass es auch noch andere Viren und Krankheitserreger gibt.
  3. Gesteigertes Bewusstsein: Während man über eine sich anbahnende Erkältung während der Arbeitszeit eher wenig nachdenkt und mit Haushaltsmitteln und Medikamenten aus der Apotheke dagegen ankämpft, ärgert man sich eher darüber, wenn man im Urlaub krank wird – weswegen die Krankheit dann auch mehr auffällt.
  4. Zu späte Erholungsphasen: Ruhezeiten sind wichtig, um Energie zu tanken und angestauten Stress abzubauen. Doch oft erlaubt man sich erst eine Pause, wenn es bereits zu spät ist und sich körperliche Beschwerden bemerkbar machen. Auch Wochenenden werden oft so vollgepackt, dass sie nicht wirklich eine Erholung bieten. 

Wie Sie sich im Krankheitsfall die Urlaubstage zurückholen

Niemand verbringt seine wertvollen, wenigen Urlaubstage gerne krank im Bett. Während der Umgang mit einer Erkrankung während der Arbeitszeit den meisten Arbeitnehmern klar ist, sind sich viele unsicher, wie sie sich im Krankheitsfall während der Urlaubszeit verhalten sollen. Viele fragen sich: Können verlorene Urlaubstage nachgeholt werden?

Jörg Tepper, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Berliner Kanzlei "Chevalier Rechtsanwälte" sagt auf Anfrage: "Erkranken Arbeitnehmer im Inland arbeitsunfähig, sind sie dazu verpflichtet, den Arbeitgebern die Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer unverzüglich mitzuteilen." Dies ergebe sich aus Paragraph 5 Abs. 1 EFZG (Entgeltfortzahlungsgesetz). Dies gilt grundsätzlich auch für eine Erkrankung während des Urlaubs.

"Erkranken Arbeitnehmer während des Urlaubs, so werden die durch die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nachgewiesenen Tage der Arbeitsunfähigkeit auf den Jahresurlaub nicht angerechnet", erklärt Tepper weiter. Dies ginge aus Paragraph 9 des Bundesurlaubsgesetzes hervor.

Damit müssen die nachgewiesenen "Kranktage”, wenn sie innerhalb des Urlaubs liegen, dem Urlaubskonto wieder gutgeschrieben werden. Die Urlaubstage gehen als nicht verloren.

Vier präventive Maßnahmen, um den Urlaub fit und gesund zu verbringen

  1. Gesunder Lebenswandel: Eine gesunde, ausgewogene Ernährung sowie genügend Bewegung und Sport sind eine gute Grundlage, um Krankheiten aller Art vorzubeugen.
  2. Stress reduzieren: Für einen gesunden Lebensstil ist es wichtig, Stress zu vermeiden oder durch Ruhephasen abzubauen. Dazu gehört auch, Nein zu sagen und seine eigenen Kapazitäten nicht zu überschätzen. Ein selbst gesteuerter Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung mit regelmäßigen Pausen und das Zurückweisen von Fremdbestimmung, wo es möglich ist, sind eine gute Basis.
  3. Erholungsphasen jenseits des Urlaubs: Wer sich immer nur bis zum nächsten Wochenende oder Urlaub hangelt und an Arbeitstagen Pausen überspringt und Überstunden anhäuft, hat ein erhöhtes Risiko für Leisure Sickness. Besser: Mittagspausen einhalten und pünktlich Feierabend machen.
  4. Ausreichend Schlaf: Schlaf ist wichtig, damit sich der Körper regenerieren kann. Gerade im Handwerk sind Arbeitstage, die oft sehr früh beginnen und körperlich viel abverlangen, eher die Regel. Daher ist es umso wichtiger, genügend zu schlafen. Wenn das nicht umsetzbar ist, sollte man zumindest darauf achten, zu regelmäßigen Uhrzeiten ins Bett zu gehen und aufzustehen.