Welche Priorität sollte Klimaschutz für die neue Bundesregierung haben? Claudia Kemfert vom DIW Berlin hat sich intensiv mit den Kosten des Klimaschutzes und des Klimawandels auseinandergesetzt. Für sie ist die Sache klar.

Seit den 1980er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird erfolgreich vonseiten der Fossil-Lobby gegen Klimaschutz opponiert. Es wurden umfangreiche PR-Strategien erarbeitet, die das Narrativ "Klimaschutz kostet" erfolgreich in den öffentlichen Diskurs eingebracht haben.
Leider haben Medien diese Narrative nie hinterfragt, sondern nutzen sie bis heute. In allen Wahlkämpfen, bis heute, wurden und werden von Journalisten und Journalistinnen ausschließlich Fragen gestellt wie: "Was kostet der Klimaschutz?" Es wurde nie die Frage gestellt "Was kostet uns kein Klimaschutz?" Dies ist ein Beleg, dass die PR-Strategien gefruchtet haben, und die Medien leider keine ausreichenden Plattformen zur Selbstreflexion oder Institutionen haben, um diese zu hinterfragen. Die PR-Kampagnen waren in vielerlei Hinsicht sehr erfolgreich.
Ziel war es ja vor allen Dingen auch, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuzweifeln. Dazu gehört auch die Diskreditierung einzelner Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Dies ist mir persönlich sehr bekannt. Seit mehr als 15 Jahren erstellen wir Studien zu den Kosten des Klimawandels, die unaufhörlich ansteigen, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Derzeit sieht man sehr eindrücklich, wie stark die Kosten wachsen. Die Kosten des Klimaschutzes sind weitaus geringer als die Kosten des Klimawandels. Oder mit anderen Worten: Die Kosten des Nichthandelns sind sehr viel höher als die Kosten des Handelns. Davon zeugen viele und langjährige Analysen, die wir dazu gemacht haben. Diese wurden in den Medien oftmals nicht reflektiert. Es ist aus meiner Sicht notwendig, genau diese Themen in die journalistische Ausbildung zu integrieren, und als festes Thema in allen Redaktionen zu verankern. Genauso wichtig ist es, in Schulen das Thema einfach zu erklären. Zwei Gründe sind zu nennen, warum die Narrative sich so sehr verankert haben: Gezielte PR-Kampagnen, die dies erfolgreich etabliert haben, und unzureichende Information, Transparenz und Aufklärung.
Erneuerbare Energie und diese sparen
Es ist dringend notwendig, rasch gegenzusteuern und wegzukommen von fossiler Energie hin zu erneuerbaren Energien – und wir müssen mehr Energie sparen. Wir benötigen einen deutlich schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien. Das Ausbau-Tempo muss vervierfacht werden, zudem muss das Energiesparen in allen Bereichen, im Gebäude, aber auch im Industriebereich, vorangebracht werden.
Auch die Elektromobilität muss stärker gefördert werden, die Ladeinfrastruktur schneller ausgebaut werden, der Schienenverkehr und ÖPNV gestärkt werden. Derartige Investitionen lohnen sich volkswirtschaftlich, da dadurch Wertschöpfung, Resilienz und zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen werden. Rausgeschmissenes Geld sind hingegen Subventionen für fossile Energien, wie ein Tankrabatt oder Energiepreissenkungen statt Energiesparen zu fördern. Raus geschmissenes Geld sind ebenso umweltschädliche Subventionen, angefangen von der Diesel-Steuer-Erleichterung über fehlende Mehrwertsteuer auf internationale Flüge bis zur Dienstwagenförderung.
Klimaschutz hilft den Schwächsten
Kluger Klimaschutz schafft soziale Gerechtigkeit. Die Folgen des Klimawandels – Dürren, Überschwemmungen oder Stürme – treffen die ärmsten härter als anpassungsstärkere reiche Nationen und Bevölkerungsschichten, in Deutschland wie im Rest der Welt. Hitze- und Kälteperioden treffen die Schwächsten härter als die Starken und Gesunden. Klimaschutz hilft den Schwächsten. Menschen mit geringem Einkommen, egal ob Pflegekraft, Friseurin oder Rentner, konsumieren wenig und haben meist einen kleineren CO₂-Fußabdruck. Trotzdem müssen sie – heimlich und ohne es zu wissen – den Preis der ach so erstrebenswerten "fossilen Freiheit" bezahlen. Ihre Steuergelder gehen nämlich in Form von Freibeträgen und Subventionen ausgerechnet an Menschen mit großem CO₂-Fußabdruck, also an diejenigen mit dem großen Einfamilienhaus, mit Erst- und Zweitwagen oder mit Dienst- und Urlaubsreisen in ferne Länder. Klimaschutz schafft Kostenwahrheit. Und Klimaschutz schafft soziale Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich, zwischen stark und schwach und zwischen den Generationen von heute und morgen.
Klimaschutz darf auf keinen Fall hinten herunterfallen, dies ist zu oft passiert, in der Finanzkrise, während der Pandemie, in Kriegen. Uns läuft die Zeit davon, wir sind bereits mitten im Klimawandel. Wenn wir nicht gegensteuern, wird die Erde für die zukünftigen Generationen unbewohnbar. Wir dürfen den fossilen Lobbyisten nicht das Feld überlassen. Wir müssen raus aus den fossilen Abhängigkeiten samt Narrativen. Die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien ist das beste Friedensprojekt, welches wir weltweit haben.
Klimawandel kostet uns Milliarden, Investitionen in Klimaschutz schaffen enorme wirtschaftliche Vorteile.
Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg (Promotion 1998) und Stanford.
