Zu Wasser und zu Land: Auf der Halbinsel Gaspesie im Osten Kanadas können Gäste durch endlose Wälder streifen und in See stechen. Von Ulrich Steudel, Gaspesie
Kontrastprogramm entlang der Küste
Der Percé-Rock liegt verschleiert vor der Küste. Ausgerechnet am touristischen Höhepunkt der Halbinsel Gaspesie am Golf von Sankt Lorenz umhüllt dichter Nebel den markanten Kalksteinfelsen, so dass sein berühmtes Loch sich nur schemenhaft zu erkennen gibt. Waschküche statt Postkartenidylle. Trotzdem wird sich die Reise in den östlichen Winkel des kanadischen Bundesstaates Quebec tief in die Erinnerung graben.
Im Sog von Sankt-Lorenz
Denn die Gaspesie begeistert ihre Gäste vor allem durch eine unglaubliche Vielfalt an Eindrücken: Am Sankt-Lorenz-Strom schwappt der Atlantik ins Landesinnere, kämpfen die Gezeiten gegen den dem Ozean zustrebenden Fluss, der an seiner Mündung bei einer Breite von 150 Kilometern schon die Dimensionen eines Meeres angenommen hat. Dicht hinter dem Ufer erheben sich die nördlichen Ausläufer der Appalachen, bedeckt von einem dichten Urwald – ein Paradies für Wanderfreunde. Beides, Meer und Gebirge, Wasser und Wald, wartet mit einem großen Artenreichtum an Pflanzen und Tieren auf, so dass selbst der gelegentliche Nebel die Schönheiten dieses dünn besiedelten Landstrichs nicht verdecken kann.
Rund anderthalb Stunden dauert der Flug von Montreal nach Mont Joli, dem Ausgangspunkt jeder Rundreise durch die Gaspesie. Beim nahen Örtchen Grand Metis wartet eine Oase für Botaniker auf Besucher. Zwischen 1926 und 1958 hat hier Elsie Reford eine der schönsten Gartenanlagen Nordamerikas geschaffen, in der heute auf 36 Hektar rund 3.000 Pflanzen aus aller Welt dem rauen, maritimen Klima der Gaspesie standhalten. "Immer wieder reiste meine Urgroßmutter mit dem Schiff nach England, um die britische Gartenbaukunst zu studieren", erzählt Alexander Reford, der das Kleinod heute verwaltet und mit besonderem Stolz seine "Blue Poppies" präsentiert. Der blaue Mohn, eigentlich in Tibet heimisch, wird in den Reford Gardens seit Jahren mit großem Erfolg gezüchtet. Höhepunkt jeder Saison ist seit mehreren Jahren das internationale Garten-Festival, bei dem Landschaftsarchitekten das Areal mit ihren Kunstwerken veredeln. „So entwickeln sich die Gärten immer weiter. Auch Künstler aus Deutschland waren schon bei uns zu Gast“, sagt Alexander Reford, bevor die Reise weitergeht.
Auf den Spuren der Mic-Mac
Bei Cap-Chat lohnt sich ein Abstecher ins Landesinnere. In den Chic-Choc-Mountains können Naturliebhaber wie einst die Mic-Mac-Indianer durch unberührte Wälder streifen. Doch anders als den "First Nations", wie die Ureinwohner in Kanada bezeichnet werden, steht den Touristen von heute eine Ausgangsbasis zur Verfügung, die den Komfort eines Vier-Sterne-Hotels bietet. Mit etwas Glück lassen sich in unmittelbarer Nähe der Chic-Chocs Mountain Lodge Elche beobachten, die mit Salzlecksteinen angelockt werden.
Ausgerüstet mit Funkgeräten, denn in dem 60 Quadratkilometer großen Naturreservat fällt dem Fremden die Orientierung schwer, starten die Gäste in die Wildnis. Nach zwei Stunden ist der malerische Wasserfall von Chute Helene erreicht. Wer längere Wege nicht scheut, kann einen der bis zu 1.200 Meter hohen Berge besteigen oder mit dem Mountainbike die Gegend erkunden. Am Lac-Grand-Fond warten Kanus auf Paddelfreunde – spätestens jetzt wird er wahr, der Traum von Kanada, wie er seit Kindertagen immer wieder Schübe von Fernweh auslöst.
Flossen in den Fluten
Zurück an der Küstenstraße wartet Kontrastprogramm. Vorbei an schmuck restaurierten Leuchttürmen strebt der Highway 132 dem Ostzipfel der Halbinsel zu, dort wo sich im Golf von Sankt Lorenz die Wale tummeln. Ein Grund, in See zu stechen.
Gelbe Regencapes schützen die Passagiere vor der Gischt, doch dann stoppen die Motoren des Bootes. In der Stille suchen 50 Augenpaare die Wasseroberfläche ab. Doch bevor der Wal sich zeigt, ist sein Schnaufen zu hören. Dann taucht er auf. Mattschwarz erhebt sich sein Rücken mit der markanten Flosse aus den Fluten. Und ehe der Koloss wieder abtaucht, streckt sich die gigantische Schwanzflosse nach oben. Nach rund zehn Minuten wiederholt sich das Schauspiel.
Zurück bleiben staunende Menschen, von der schroffen Wildnis der Gaspesie geerdet und vielleicht auch ein bisschen sensibilisiert für die Verletzlichkeit der Natur.