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Bankkarte und Smartphone im Handel Kontaktloses Bezahlen könnte Bargeld verdrängen

Kontaktloses Bezahlen wird in der Corona-Krise immer beliebter. Mancher Handwerksbetrieb verzeichnet einen sprunghafen Anstieg der Bezahlmethode. Experten glauben, dass Bargeld zum Auslaufmodell werden könnte.

Bäckermeister und Betriebsinhaber Jürgen Hinkelmann hat vor zwei Jahren das kontaktlose Bezahlen in seinem Unternehmen eingeführt. Seitdem können die Kunden der Bäckermeister Grobe GmbH nicht nur mit Bargeld, sondern wahlweise auch kontaktlos per Karte oder Smartphone ihre Brötchen bezahlen. Bis Februar dieses Jahres nutzten nur wenige Kunden diesen Service. 90 Prozent bevorzugten Bargeld. Mit der Corona-Krise ist die Zahl jedoch sprunghaft angestiegen. "Der Anteil hat sich binnen eines Monats verdreifacht. Inzwischen zahlt etwa jeder dritte Kunde kontaktlos", sagt Hinkelmann.

Gewöhnungseffekt bemerkbar

Der Bäckermeister ist überzeugt, dass sich immer mehr Menschen an das kontaktlose Bezahlen gewöhnen werden, je länger die Corona-Krise anhält und Bargeld aus Angst vor Infektionen gemieden wird. Vor allem der Komfort spricht aus seiner Sicht für das kontaktlose Bezahlen. Der Kunde muss die Karte oder das Smartphone nur kurz über das Kassengerät halten und kann nach wenigen Sekunden das Geschäft verlassen. Die Suche nach den passenden Münzen oder das Warten auf das Rückgeld des Kassierers entfällt.

Dabei beobachtet der Bäckermeister, dass die Beliebtheit der neuen Bezahlmethode nicht nur bei den jüngeren Menschen zunimmt, sondern über alle Altersgruppen hinweg. "Wir haben genauso über 70-Jährige, die das kontaktlose Bezahlen nutzen", sagt Hinkelmann. Auch für die Bäckerei bringe das kontaktlose Bezahlen Vorteile. "Es gibt uns ein Stückchen mehr Sicherheit. Wir müssen weniger Geld lagern und sparen uns Arbeit mit dem Zählen und dem Transport. Und auch die Kassendifferenzen werden kleiner."

Eine starke Nachfrage nach kontaktlosem Bezahlen beobachtet auch Peter Otten, Bäckermeister und Geschäftsführer der Merzenich-Bäckereien GmbH. Schon 2014 hat die Bäckerei mit der Installation in den ersten Filialen begonnen und inzwischen alle Filialen mit NFC-Technik ausgerüstet. "Für uns war es am Anfang der reine Servicegedanke, der uns zu diesem Schritt bewegt hat. Uns war bewusst, dass es eine Weile dauern wird, bis sich die Investition rechnet. Mittlerweile haben wir mehr Erfahrung und können sagen, dass der Bon bei kontaktlosem Bezahlen deutlich höher ist und es sehr selten vorkommt, dass ein Kunde zum Beispiel nur ein Brötchen einkauft, wo dann die Gebühren den Einkauf übersteigen würden", sagt Otten. In einigen seiner Filialen entfallen auf das kontaktlose Bezahlen inzwischen bis zu 80 Prozent aller Einkäufe. Vor der Corona-Krise waren es hingegen nur um die zehn Prozent.

Julian Grigo, Experte für Banking und Finance beim Digitalverband Bitkom, ist überzeugt, dass das kontaktlose Bezahlen dem Bargeld "in vielerlei Hinsicht überlegen ist". Neben dem Komfort für Kunde und Händler sei auch das Thema Sicherheit ein ganz wichtiger Aspekt. Bei einem Einbruch in den Betrieb oder einem Diebstahl der Brieftasche des Kunden, könne Bargeld sofort entwendet werden. "Die Karte bietet schon deutlich mehr Sicherheit, die von der Verschlüsselung auf dem Smartphone noch übertroffen wird", sagt Grigo. Der Fachmann erklärt, dass ein Krimineller nicht nur die Smartphone-Sperre, sondern zusätzlich die Verschlüsselung der entsprechenden Bezahl-App knacken muss, um an die dort hinterlegten Kartendaten zu kommen. Das sei in der Praxis ein schwieriges Unterfangen.

Wie funktioniert kontaktloses Bezahlen?

Damit Handwerksbetriebe ihren Kunden kontaktloses Bezahlen anbieten können, benötigen sie eine Kasse mit einem NFC-fähigen Lesegerät. NFC steht für Near Field Communication (Nahfeldkommunikation) und ist ein internationaler Übertragungsstandard von Daten mittels elektromagnetischer Induktion. Auch der Kunde muss über eine NFC-fähige Bezahlkarte oder ein entsprechend ausgestattetes Smartphone oder eine Smartwatch verfügen. Der Kunde hält die Karte mit geringem Abstand über das Lesegerät, um die Zahlung auszuführen. Im Zuge der Corona-Krise wurde das ­Limit für kontaktloses Bezahlen im deutschen Handel von 25 auf 50 Euro je Einkauf erhöht. Laut Zahlen der Deutschen Kreditwirtschaft sind gut 75 Millionen von insgesamt über 100 Millionen Girokarten in Deutschland für das kontaktlose Bezahlen freigeschaltet. Daneben sind NFC-fähige ­Kreditkarten und Smartphone-Bezahldienste wie Apple Pay und Google Pay weit verbreitet.

Grigo ist überzeugt, dass sich durch die Corona-Krise der Trend zum kontaktlosen Bezahlen in Deutschland lediglich beschleunigt hat. "Die Leute sehen jetzt in den Geschäften, dass viele Kunden kontaktlos bezahlen und interessieren sich plötzlich auch für das Thema. Man spricht hier vom so genannten Modelllernen", erklärt Grigo. Für die Zukunft erwartet der Finanzexperte, dass sich das kontaktlose Bezahlen nicht nur durchsetzen wird, sondern das Bargeld als wichtigste Bezahlmethode im stationären Handel ablösen kann. "Ich denke, wir werden eine ähnliche Entwicklung sehen wie etwa in Schweden. Nur mit ein paar Jahren Verzug." In dem skandinavischen Land ist der Verzicht auf Bargeld heute schon größtenteils gelebte Realität. Bis 2030 soll dort komplett auf bargeldloses Bezahlen umgestellt werden.

Gebühren gesunken

Ein wichtiger Grundstein für das flächendeckende kontaktlose Bezahlen wurde aus Sicht des Bitkom-Experten mit den inzwischen gesunkenen und begrenzten Gebühren für den Handel gelegt. Dem stimmt Bäckermeister Jürgen Hinkelmann zu. "Die Gebühren, die wir an die Zahlungsanbieter abführen müssen, sind im Vergleich zu anderen Kostenstellen im Unternehmen ein eher kleiner Posten", sagt Hinkelmann. Außerdem müsse berücksichtigt werden, dass auch bei Lagerung, Zählung und Transport von Bargeld Kosten für den Betrieb entstehen.

Bislang zahlt die Bäckerei eine monatliche Gerätemiete zuzüglich einer Pauschale, die sich nach dem Umsatz je Kasse richtet. Im Zuge der Corona-Krise wird die Bäckerei jedoch auf ein anderes Gebührenmodell umstellen. "Durch die stark gestiegene Nachfrage nach dem kontaktlosen Bezahlen mussten wir für März plötzlich viel mehr Gebühren bezahlen, weil wir die vertraglich festgelegten Umsatzgrenzen je Kasse überschritten haben." Künftig zahlt die Bäckerei eine Grundgebühr zuzüglich eines prozentualen Anteiles von jeder Kassenbuchung.

Hinkelmann ist von der Zukunft des kontaktlosen Bezahlens überzeugt. "Das ist der Zug der Zeit. Das wird nicht mehr weggehen", sagt der Bäckermeister. Er sieht auch seine Kollegen in der Pflicht, sich mit dem Thema zu beschäftigten. "Wir sollten uns als eine moderne Branche präsentieren, die ihren Kunden komfortable Services bietet", sagt Hinkelmann.

Serviceleistung für die Kunden

Bestätigung bekommt Hinkelmann von Verbandsseite. "Die Handwerksbäcker haben ihr Ohr an den Kundinnen und Kunden und richten sich auch bei Bezahlverfahren nach deren Wünschen. Wie in anderen Bereichen auch beschleunigt Corona hier nur einen Trend, der zuvor schon vorhanden war. Wenn Bäckereien mit dem Gedanken spielen, neuartige Bezahlvarianten einzuführen, ist jetzt jedenfalls ein guter Zeitpunkt", sagt Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks.

Der Einschätzung schließt sich der Deutsche Fleischer-Verband an. "Mit dem zusätzlichen Komfort des kontaktlosen Bezahlens können die Metzgereien bei den Kunden punkten. Und wenn der Kundenwunsch da ist, gibt es keine Alternative als sich darauf einzustellen", sagt Michael Durst, Vizepräsident des Deutschen ­Fleischer-Verbandes. Er betont jedoch zugleich, dass die Bezahlmethode auch in Zukunft nicht zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden wird. "Am Ende zählt für den Kunden immer noch die persönliche Beratung und die Qualität der Produkte."

Motor für die Digitalisierung

Über Jahre wurde die Digitalisierung in Deutschland verschleppt. Es wurde lieber ausführlich über Chancen und Risiken debattiert, statt neue Technologien in der Breite zu erproben. Die Mahner schienen dabei in der Überzahl. Andere Länder haben sich derweil für das Prinzip ­„Learning by Doing“ entschieden. Digitale Prozesse gehören etwa in Skandinavien längst zum Alltag dazu. Das kontaktlose Bezahlen ist nur ein Beispiel von vielen. Erst durch ein tiefgreifendes Ereignis wie die Corona-Krise haben sich nun auch viele deutsche Politiker, Behörden und Unternehmen einer schnellen Digitalisierung verschrieben. Gezwungenermaßen. Denn ohne eine digitale Offensive hätten die Ausgangsbeschränkungen die deutsche Wirtschaft noch deutlich stärker heruntergefahren. Viele Betriebe konnten nur dank der Einführung und Beschleunigung digitaler Prozesse einen Teil ihres Geschäfts aufrechterhalten.

Steffen Guthardt

Die zurückliegenden Wochen haben gezeigt, dass viele Bedenken unbegründet sind. Digitalisierung ist machbar, sofern sie gewollt ist. Überall dort, wo es möglich ist, haben Betriebe ihre Mitarbeiter ins Homeoffice entsendet. Kurzerhand wurden mobile Arbeitsgeräte angeschafft, moderne Softwarelösungen integriert und Serverkapazitäten erweitert. Auch die Behörden präsentieren sich plötzlich technisch agil. Finanzhilfen lassen sich in der Corona-Krise schnell, digital und unbürokratisch beantragen. Und das soll erst der Anfang sein. Die Regierung spricht bereits von einer E-Government-Offensive. Nun gilt es, diese Dynamik auch nach der Krise zu bewahren.

steffen.guthardt@holzmann-medien.de

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