Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Konjunkturerwartungen so tief wie noch nie

Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft trüben sich zunehmend ein. Doch damit nicht genug: Während der Euro auf ein neues Allzeithoch kletterte, brach der deutsche Aktienmarkt ein.

Der hohe Ölpreis ist mit ein Grund für die schlechten Konjunkturaussichten. Foto: ddp

Konjunkturerwartungen so tief wie noch nie

Die mittelfristigen Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren sanken im Juli weiter. Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) monatlich erhobene ZEW-Index fiel auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1991.

Der ZEW-Index, der als wichtiger Konjunkturindikator für die deutsche Wirtschaft gilt, fiel den Angaben zufolge auf minus 63,9 von minus 52,4 Punkten im Juni und damit deutlich stärker als erwartet. Ökonomen hatten einen Rückgang auf minus 56,0 Punkte vorhergesagt. Der niedrige Stand spiegele die erhöhten weltweiten Konjunkturrisiken wider, teilten die ZEW-Experten mit.

Belastungen ür Unternehmen werden größer

Der hohe Ölpreis, der starke Euro, die Krise in den USA, die Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank und eine schwache inländische Konsumnachfrage dürften die deutschen Unternehmen in den kommenden sechs Monaten belasten. "Die aktuellen Vorfälle bei den US-Hypothekenfinanzierern zeigen, dass die Finanzkrise noch lange nicht ausgestanden ist. Verständlicherweise verstärkt dies die Sorgen der Finanzmarktexperten um die konjunkturelle Entwicklung für das nächste Jahr in Deutschland", sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. "Presseberichte, nach denen die Quartalswachstumsrate im zweiten Quartal negativ ausfällt, mögen die Stimmung zusätzlich belastet haben", fügte er hinzu.

Auch der der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) befürchtet eine Wachstumsschwäche. Zwar sei nach einem Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent 2007 für dieses Jahr dank noch gut gefüllter Auftragsbücher mit einem Wachstum von etwa zwei Prozent zu rechnen, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf. Allerdings werde die Mischung aus einer nachlassenden Weltkonjunktur, den Konsequenzen der US-Finanzkrise, den gestiegenen Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreisen und einem starken Euro die Aussichten eintrüben. "Für 2009 sehen wir ein deutliches Wachstumstief heraufziehen", sagte er.

Der Wirtschaftsweise Bert Rürup bewertet den starken Rückgang des ZEW-Index' relativ gelassen. "Mich überrascht die Entwicklung des ZEW-Indikators nicht", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung dem "Handelsblatt". "Das Barometer reflektiert die Stimmung an den Börsen und ist hoch volatil, mit realer Ökonomie hat der Indikator wenig zu tun", sagte er. Wenn es nach dem ZEW-Index ginge, habe die deutsche Wirtschaft bereits 2006 in einer tiefen Rezession gesteckt.

Euro profitiert vom schwachen Dollar

Der Euro profitierte indes von einem durch die Finanzkrise erneut geschwächten Dollar und erreichte ein neues Allzeithoch bei 1,6039 Dollar, was Experten allerdings als Belastung vor allem für den deutschen Export sehen. An der Börse fiel der Leitindex DAX zwischenzeitlich um deutlich mehr als zweieinhalb Prozent auf einen Jahrestiefststand von 6.006 Punkten.

Ralf Beunink/ddp