Griechenland-Krise überlagert Auftritt des polnischen Präsidenten Komorowski hält in Berlin ein Plädoyer für Europa

Der Auftritt des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski an der Berliner Humboldt-Universität hatte sich am Freitag unter den Studenten noch nicht herumgesprochen. Eine junge Frau, gerade auf dem Weg in die Mensa, zuckte mit den Achseln: "Wer ist da? Nein, den kenne ich nicht." Die junge Gaststudentin aus Italien war auch noch nie in Polen.

Foto: dapd

Komorowski hält in Berlin ein Plädoyer für Europa

Berlin (dapd). Der Auftritt des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski an der Berliner Humboldt-Universität hatte sich am Freitag unter den Studenten noch nicht herumgesprochen. Eine junge Frau, gerade auf dem Weg in die Mensa, zuckte mit den Achseln: "Wer ist da? Nein, den kenne ich nicht." Die junge Gaststudentin aus Italien war auch noch nie in Polen. Das sei schon aus Zeitgründen nicht möglich, befand sie knapp und hetzte weiter, als müsste sie ihre Zeitnot noch demonstrieren. Ein junger Mann vor dem Audimax zeigte sich gut informiert. Er sei schon in Warschau und Wroclaw (Breslau) gewesen, aber mit dem Namen Komorowski konnte auch er nichts anfangen.

Gleich zwei ausländische Präsidenten in Berlin

Komorowski ist noch nicht so lange im Amt und sein eher unauffälliges Auftreten verursacht selten fette Schlagzeilen. Das mag die verbreitete Unkenntnis erklären. Zudem konkurrierte der polnische Präsident an diesem für Deutschland historisch bedeutsamen Tag, dem 17. Juni, mit dem deutlich bekannteren Amtskollegen aus Paris. Während Komorowski in seiner "Berliner Rede" pathetisch die Zukunft Europas beschwor, versuchten Nicolas Sarkozy und die deutsche Regierungschefin Angela Merkel (CDU) zwei Kilometer weiter im Kanzleramt die Griechenland-Krise einzudämmen. "Den Sarkozy kenne ich, der fällt auf", bemerkte dazu eine ältere Ordnerin vor der Tür des Hörsaals.

Polen ist nicht mehr Nein-Sager in der EU

Der Audimax der renommierten Berliner Humboldt-Universität passte in seiner Funktionalität zum Auftritt des polnischen Präsidenten, einem Vertreter der neuen Sachlichkeit in Polen. Lange scheint es her, dass der bei einem Flugzeugabsturz im April vergangenen Jahres umgekommene frühere Staatschef Lech Kaczynski eine fragwürdige Rolle als Nein-Sager der EU spielte. Komorowski und der polnische Premierminister Donald Tusk haben innerhalb kurzer Zeit in Europa Vertrauen aufgebaut in die Verlässlichkeit Polens.

So war es dem deutschen Präsidenten Christian Wulff sichtlich eine besondere Freude, seinen Freund aus Warschau über alle Maßen zu loben und sich selbst ein wenig mit im Glanze zu sonnen. "Ihnen, Herr Präsident, Dir, lieber Bronek, bin ich sehr dankbar, dass Du Dich bereit erklärt hast, die erste Berliner Rede in meiner Amtszeit zu halten. Das ist ein wunderbares Zeichen, wie nah sich die Nachbarn Deutschland und Polen heute sind", sagte Wulff.

Der 17. Juni und die Solidarnosc

Wulff schlug in seinem Vorwort sodann einen historischen Bogen vom Volksaufstand in der DDR 1953 zur Solidarnosc-Bewegung in Polen 1980. "Dass ein ehemals von Diktatoren politisch Verfolgter als Staatspräsident seines Landes am 17. Juni in Berlin mitten im demokratisch freiheitlichen Europa zu uns spricht: Das ist in der Tat ein starkes Zeichen für die Kraft der Freiheit und dafür, dass wir die Verdienste der Frauen und Männer der Solidarnosc und des 17. Juni 1953 in der ehemaligen DDR in besonderer Weise würdigen." Es war viel von Heldentum, Träumen und Freiheit die Rede an diesem sonnigen Tag in Berlin.

Raum für große Ideen

Dem Festredner, dessen Land am 1. Juli erstmals die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, war es überlassen, die Zukunft Europas zu skizzieren. Komorowski blieb allerdings relativ vage und konzentrierte sich darauf, Bedenken zu zerstreuen, die womöglich gerade in Berlin, Paris oder Athen aufkommen. "Wir möchten investieren in die Zukunft Europas", rief er den Gästen aus Polen und Deutschland zu und mahnte neuen Platz an "für große Ideen und Projekte" wie die Einigung Europas. Was die Erweiterung der EU angehe, müssten kulturell-zivilisatorische Aspekte berücksichtigt werden.

Komorowski erinnerte in seiner gut dreiviertelstündigen Rede auch an den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag, der am 17. Juni 1991 zwischen beiden Ländern geschlossen wurde. Dieser Vertrag habe eine große Bedeutung gehabt für die europäische Integration und sei das Fundament für das neue Europa. Das Leben im geeinten Europa, merkte der Präsident weiter an, sei heute besser als vor 20 Jahren. "Wir haben ein glücklicheres Europa." Die die deutsch-polnische Versöhnung habe dazu ebenso beigetragen wie zuvor die deutsch-französische Versöhnung. Ohne Versöhnung, ohne gegenseitige Rücksichtnahme, ohne Toleranz, so lautete die Botschaft des Präsidenten, lasse sich das europäische Haus nicht bauen.

dapd