Lebenswege König Bansah: Meister und Monarch

Céphas Bansah lebt in zwei Welten. In der einen führt er eine Autowerkstatt in einem Gewerbegebiet in Ludwigshafen, in der anderen ein ganzes Volk in Afrika. Hier repariert er Brems­schläuche und Zylinderköpfe, dort baut er Brunnen, Brücken und Schulen. In Deutschland ist er Kfz- und Landmaschinenmechanikermeister, in Ghana König der Ewe. Und das sind noch längst nicht alle Talente dieses Tausendsassas.

Céphas Bansah in seiner Kfz-Werkstatt
Céphas Bansah in seiner Kfz-Werkstatt. Seit 1983 arbeitet der Ghanaer als selbstständiger Handwerksmeister. - © Ulrich Steudel

Der König empfängt im blauen Overall, an den Händen klebt Bremsflüssigkeit. Obwohl schon 73 Jahre alt, kann Togbui Ngoryifia Céphas Kosi Bansah, so sein vollständiger Name, einfach nicht aufhören. "So lange ich arbeite, bin ich am Leben", ruft der Handwerksmeister, der 1970 über ein Jugendaustauschprogramm in die Bundesrepublik kam. Auf die Deutschen lässt er nichts kommen. Alles gute Handwerker, freundliche Menschen.

14 Lehrlinge ausgebildet

Céphas Bansah wurde schnell heimisch in seiner neuen Heimat, lernte die Sprache, absolvierte erfolgreich seine Lehre als Landmaschinenmechaniker, fand Freunde. Nach den damals noch fünf obligatorischen Gesellenjahren schickte ihn sein Chef auf die Meisterschule, später folgte auf den Landmaschinenmechaniker- noch der Kfz-Meister.

1983 gründete er seinen eigenen Betrieb, bildete über die Jahre hinweg 14 Lehrlinge aus und beschäftigte meist zwei Gesellen. Céphas Bansah – ein Beispiel gelungener Integration in Deutschland und zugleich anerkannte Autorität beim Volk seiner Ahnen.

Die rund drei Millionen Ewe leben verteilt über Ghana, Togo, Benin und Nigeria, reichlich 200.000 von ihnen in der Volta-Region um Bansahs Heimatstadt Hohoe (sprich Hochweh). Früher gehörte das Gebiet zum Togoland, der kleinsten unter den deutschen Kolonien auf dem schwarzen Kontinent. "Weil die Deutschen ihren Lebensstil beibehalten wollten, haben sie Bäcker, Metzger, Tischler und Schuhmacher ausgebildet. So wurden die Ewe zu den besten Handwerkern Afrikas", weiß Céphas Bansah aus den Erzählungen seines Großvaters und Vorgängers auf dem Thron. Der ehemalige König wollte unbedingt, dass einer seiner Enkel zur Ausbildung nach Deutschland geht.

König Bansah
Céphas Bansah im königlichen Ornat. - © Christina Cyzbik

Ewe und Kurpfälzer

22 Jahre alt war Céphas Bansah, als er nach Abschluss der Technikerschule in Ghana am Frankfurter Flughafen ankam – überwältigt von den neuen Eindrücken und nicht ahnend, dass dieses fremde Land zu seinem Lebensmittelpunkt werden würde. Aus dem jungen Ewe wurde schon bald ein Kurpfälzer, der nicht nur im Beruf seinen Mann stand. Als Boxer schaffte es Bansah bis zum Südwestmeister im Fliegengewicht.

Die Verbindung in seine alte Heimat ließ er aber nie abreißen. Zusammen mit seinen deutschen Freunden sammelte er Medikamente, die sie auf abenteuerlichen Wegen mit alten Autos nach Hohoe brachten. „Über Genua sind wir mit der Fähre nach Tunesien und weiter über Algerien, Niger, Benin und Togo nach Ghana gefahren. In der Sahara hatten wir manchmal bis zu 70 Grad im Auto“, erinnert sich Bansah an die Strapazen der Reisen, die ihm offenbar ein hohes Ansehen bei seinem Volk be­scherten.

Nachdem Ende der 1980er-Jahre sein Großvater gestorben war, suchte der Ältestenrat der Ewe nach einem Nachfolger. Bansahs Vater kam als Linkshänder nicht in Betracht, da die linke Hand bei seinem Volk als unrein gilt. Und auch unter seinen 74 Kindern wurden die Weisen des Stammes lange nicht fündig, bis das Gespräch auf Céphas fiel. Aber kann ein Mann aus dem gut 6.000 Kilometer entfernten Ludwigshafen ein guter König für ein Volk in Westafrika sein?

Voodoo-Rituale vor der Krönungszeremonie

"Ich wollte nicht zurück, weil ich mir sicher war, von Deutschland aus meinem Volk besser helfen zu können", sagt Bansah. Die Installation des ersten Faxgerätes in Hohoe habe die Zweifler im Ältestenrat schließlich überzeugt, ihn zur Krönungs­zeremonie einzuladen. Auf Bansah wartete die schwerste Prüfung seines Lebens. Denn König kann nur werden, wer eine achttägige Quarantäne mit zahlreichen Voodoo-Ritualen übersteht. Isoliert in einer Hütte musste der Thron-Anwärter durch das warme Blut frisch geschlachteter Schafe waten, Schamanen schnitten ihm am ganzen Körper die Haut auf und rieben Kräuter in die Wunden. "Das schmerzt unheimlich, aber es soll den König stark, selbstbewusst und angstfrei machen", sagt Bansah, der schließlich zum König von Hohoe Gbi Traditional Ghana gekrönt wurde. Eine Persönlichkeit, die im demokratischen Ghana zwar keine Machtbefugnisse hat, wohl aber von ihrem Volk als spiritueller Führer anerkannt wird.

30 Jahre später sind die Früchte der Regentschaft von König Bansah in der Volta-Region nicht zu übersehen. Die Kindersterblichkeit ist zurückgegangen, weil es dank deutscher Hilfe sauberes Trinkwasser gibt. Sechs neue Brunnen bieten den Bewohnern von sechs Dörfern erstmals eine saubere Wasserquelle. Vier Brücken über den Dayi-Fluss, in dem immer wieder Frauen ertrunken waren, weil sie nach der Feldarbeit mit schweren Lasten auf dem Kopf über Baumstämme balancieren mussten, erhöhen die Sicherheit. Drei Schulen verbessern die Bildungschancen, bald wird eine Lehrwerkstatt für handwerkliche Berufe fertig. In Notsituationen oder bei Krankheit können die Ewe sich an ihren König in Deutschland wenden und auf Hilfe hoffen. So wurden zum Beispiel über Spenden Operationen oder Medikamente finanziert, die sich die Ewe nicht leisten können.

Interesse für sein Volk geweckt

König Bansah beim Agbogboza-Festival in Togo
Céphas und Gabriele Bansah (vordere Reihe 2. und 3. v.l.) beim Agbogboza-Festival, zu dem sich alle Gruppen der Ewe jährlich in Togo treffen. Ihre Könige ­haben Céphas Bansah 2013 zum spirituellen Führer aller drei Millionen Ewe gewählt, die verteilt über mehrere Länder leben. - © privat

Denn das wohl größte Talent des Königs mit angeschlossener Kfz-Werkstatt ist seine Gabe, andere Menschen für seine Ideen und Projekte zu begeistern. Schon bei der Krönungszeremonie 1992 in Ghana war ein Kamerateam des ZDF vor Ort. Mit Fernsehauftritten bei Boulevard Bio oder in der Talkshow von Margarethe Schreinemakers weckte Céphas Bansah das Interesse für sein Volk. Später stand er selbst als Schlagersänger auf der Bühne, begeisterte mit seinem Song „African Party“ das Publikum, tanzte mit dem Fernsehballett bei der Carmen Nebel Show und absolvierte Live-Auftritte im ganzen Land.

Céphas Bansah war Weinkönig von Trittenheim an der Mosel und Fotomodel für das Vice-Magazin. Das alles beflügelte die Spendenbereitschaft für seine Hilfsprojekte. "Wenn es darum geht, anderen Menschen zu helfen, sind die Deutschen die Nummer eins in der Welt. Die Leute hier sind so lieb", schwärmt Bansah und weiß doch, dass er nicht für alle spricht.

Im Visier des NSU

So hatte die Terrorzelle des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Céphas Bansah ins Visier genommen. Sein Name und Fragmente seiner Adresse standen auf einem halbverkohlten Zettel, den Fahnder in der von Beate Zschäpe in Brand gesetzten Wohnung in Zwickau gefunden hatten. Der Schock saß tief. Rückhalt fand der König in der Familie – bei seiner Frau Gabriele und den beiden Kindern aus erster Ehe, Katharina und Carlo. „Wir waren damals sehr besorgt, haben jeden Abend die Jalousien heruntergelassen“, sagt Gabriele Bansah, die ihren Mann bei all seinen Projekten unterstützt und von den Ewe als Queen Mother anerkannt wird. Die Königin hält dem König den Rücken frei, organisiert seine Termine, hält Kontakt zu den Unterstützern.

Sechs- bis achtmal pro Jahr reisen die beiden in der Regel nach Afrika, suchen den persönlichen Kontakt zu ihrem Volk, das Céphas Bansah sonst via Smartphone regiert. Jeden Tag gibt er Ratschläge, schlichtet Streit, kümmert sich um Hilfe – alles neben seiner Arbeit in der Kfz-Werkstatt. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie war das Königspaar nicht mehr in Ghana. Aber noch dieses Jahr wollen sie wieder in Hohoe nach dem Rechten schauen. Und wie immer werden sie nicht mit leeren Händen kommen.

Den Film "König Bansah und seine Tochter" finden Sie in der ZDF-Media­thek. Die Autobiografie "König Bansah" ist im Gerhard Hess Verlag erschienen, ISBN 978-3-87336-6367. Direktbezug mit persönlicher Widmung über www.koenig-bansah.de. Dort finden Sie auch Hinweise zu Spenden und Hilfsprojekten.