Weniger Herz-Kreislauferkrankungen, dafür mehr Depressionen: Die Krankenhäuser in Deutschland müssen zunehmend Patienten mit psychischen Störungen aufnehmen. In den vergangenen zehn Jahren verdoppelte sich die Zahl derer, die mit einer Depression in die Klinik eingeliefert wurden, wie die Barmer GEK am Dienstag in Berlin mitteilte.
Kliniken behandeln immer mehr psychische Störungen
Berlin (dapd). Weniger Herz-Kreislauferkrankungen, dafür mehr Depressionen: Die Krankenhäuser in Deutschland müssen zunehmend Patienten mit psychischen Störungen aufnehmen. In den vergangenen zehn Jahren verdoppelte sich die Zahl derer, die mit einer Depression in die Klinik eingeliefert wurden, wie die Barmer GEK am Dienstag in Berlin mitteilte. Die Zahl psychischer Störungen insgesamt nahm innerhalb von 20 Jahren um 129 Prozent zu. Die Verweildauer sank, die Zahl der Fälle stieg. Die Opposition schob der Regierung die Schuld zu.
Laut Barmer GEK wurden wegen Depressionen vor zehn Jahren statistisch gesehen noch 1,1 Fälle auf tausend Versicherte ins Krankenhaus aufgenommen. Im vergangenen Jahr lag der Wert bei 2,3 Fällen. Waren 1990 noch rund 3,7 von tausend Versicherten von psychischen Störungen insgesamt betroffen, so waren es 2010 bereits 8,5 Patienten.
Kürzer im Krankenhaus
Die durchschnittliche Verweildauer reduzierte sich erheblich, wie aus dem "Krankenhausreport 2011" der Barmer GEK weiter hervorgeht. Ein Krankenhausaufenthalt war demnach 2010 um gut ein Drittel kürzer als noch 1990: Es gab einen Rückgang von 13,4 auf 8,3 Tage.
Einen großen Anteil daran haben vormals "klassische" Diagnosen wie die Herz-Kreislauferkrankungen, die seit 20 Jahren abnehmen, seit 1999 gar um 43 Prozent. Auch der Anteil von Verletzungen oder Krankheiten des Verdauungssystems ging zurück. Die Verweildauer wegen psychischer Störungen schoss hingegen um 57 Prozent nach oben.
Außerdem stieg die Einweisungshäufigkeit. Hier nähert sich der Wert den Angaben zufolge wieder dem Höchststand der vergangenen 20 Jahre an: Den gab es 2002 mit 189 Behandlungsfällen auf 1.000 Versicherungsjahre. Aktuell liegt er bei 187 Fällen. Im Jahr 1990 wurden 160 Fälle verzeichnet.
Psychische Störung als Volkskrankheit?
Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kasse, Rolf-Ulrich Schlenker, mahnte, psychische Krankheiten müssten angesichts dieser Zunahme unter den Sammelbegriff Volkskrankheiten fallen. Darunter werden gemeinhin Krankheiten gefasst, die große Teile der Bevölkerung betreffen, unter anderem Diabetes, Bluthochdruck und Rheuma. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass der wissenschaftlich kaum definierte Begriff Volkskrankheiten gerne zu Marketingzwecken missbraucht wird.
Der Obmann der Linksfraktion im Bundestags-Gesundheitsausschuss, Harald Weinberg, kritisierte, das Leid psychisch kranker Menschen werde "durch die verfahrene Krankenhauspolitik der letzten Jahre drastisch verschärft". Psychische Krankheiten seien nicht berechenbar und nicht planbar. "Die Bundesregierung muss die Standardisierung der Behandlung durch Fallpauschalen, wie sie seit 2009 Schritt für Schritt umgesetzt wird, zurücknehmen", sagte Weinberg.
Die Sprecherin für Prävention und Patientenrechte der Grünen-Fraktion, Maria Klein-Schmeink, forderte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zu einer Reaktion auf. In vielen Regionen müssten psychisch Kranke drei bis sechs Monate auf ein Erstgespräch für eine Psychotherapie warten. "Die Folge davon sind steigende Krankenhaustage von Menschen mit einer psychischen Störung und lange Fehlzeiten am Arbeitsplatz", sagte sie. Die Mängel in der ambulanten Versorgung müssten behoben werden.
dapd
