Feuerbacher Kinderwerkstatt Kleine Schreiner, großes Handwerk

In der Holzwerkstatt der Feuerbacher Kinderwerkstätten tasten sich Kinder ans handwerkliche Arbeiten heran. Die Nachwuchs-Schreiner Fabian und Leon haben schon große Projekte zu Ende gebracht.

Mirabell Schmidt

Die kleinen Handwerker in der Feuerbacher Kinderwerkstatt sind mit Spaß bei der Sache. - © Foto: M. Schmidt

"Puh", stöhnt Leon und schüttelt ein paar Mal die rechte Hand aus. Dann macht er sich wieder an die Arbeit. Er feilt an einem kleinen Stück Holz, das in der Werkbank eingespannt ist. Die Sägespäne rieseln auf den Boden, das Holz nimmt langsam Form an. Es soll eine Figur für den Tischfußball werden, den der Achtjährige gerade in der Holzwerkstatt baut. Fabian, der am Werktisch daneben steht, bekommt davon gar nichts mit. Er bastelt an einem Schild mit der Aufschrift "Mama", das er seiner Mutter zum Geburtstag schenken möchte. Dafür hat er bereits alle Buchstaben aus dem Holz ausgesägt. Nun bekommen sie den Feinschliff.


Sieben Kinder sind heute in der Holzwerkstatt in Stuttgart, die vom Verein Feuerbacher Kinderwerkstatt für Handwerk, Kunst und Fantasie ­betrieben wird.
Insgesamt drei solcher Werkstätten gibt es in der baden-­württem­ber­gischen Landeshauptstadt. Einmal in der Woche treffen sich die kleinen Handwerker dort nach der Schule, um unter der Anleitung von künstlerisch oder handwerklich aus­gebildeten Kursleitern eineinhalb Stunden lang zu ­werkeln.


Ans Handwerk heranführen


In der großen Werkstatt in Stuttgart-Feuerbach gibt es zwei Werkbänke, an denen die Kinder arbeiten. Der sechsjährigen Hannah, dem Küken der Gruppe, gehen sie noch beinahe bis zur Schulter. Hinten im Raum stehen die Werkzeuge für die Großen – elektrische Sägen und Schleifmaschinen. Seit 1973 gibt es die Feuerbacher Kinderwerkstatt, damals noch unter dem Dach des Christlichen Jugendwerks Deutschland. Seit 1994 ist sie ein gemeinnütziger Verein. Mit den Kursen wollen die Träger Kinder ans handwerkliche Arbeiten heranführen und ihnen einen nachhaltigen Umgang mit Materialien beibringen.

Doch nicht nur Kinder dürfen die Kurse besuchen. Auch für Jugendliche und Erwachsene gibt es Angebote, wie verschiedene Themenkurse oder die Textilwerkstatt. Die ganz Kleinen (ab drei Jahren) dürfen in der Sinneswerkstatt erste Kunstwerke kreieren. Semesterkurse finden wöchentlich statt, wie hier in der Holzwerkstatt. Fabian, Leon, Hannah, Alex, Marten, Felix und Jan feilen, sägen und malen.


Immer wieder rennt einer von ihnen der Kursleiterin Susanne Avelini hinterher, die zwischen den Kindern hin- und herturnt und ihnen hilft: "Susanne, ­Susanne, kann ich jetzt malen, sonst ist mir langweilig", ruft Hannah, die für ihren Onkel, der in die Schweiz zieht, ­eine Schweizer-Käse-Schatulle baut. Die soll jetzt gelb werden. Fabian ist mit neun Jahren der Älteste der Gruppe und arbeitet schon recht selbstständig.


Avelini eilt zur elektrischen Säge, die hinten rechts in der Ecke steht. Fabian wartet schon mit einem Brett, das er für sein Schild zuschneiden möchte. Die Säge überragt ihn noch um ein paar Zentimeter. "Steig mal auf die Kiste, ob du die noch brauchst", sagt die Kursleiterin zu ihm. Fabian stellt sich darauf, so ist es besser.


Die Kinder entscheiden selbst


Er darf heute das erste Mal an die ­Maschine. Avelini schaltet sie an und nimmt Fabians Hände. Gemeinsam schieben sie das Holz in Richtung Sägeblatt. Leon hört kurz mit dem Feilen auf und schaut ihnen gespannt zu. Er ist das fünfte Jahr im Kurs dabei und durfte kürzlich auch schon mit der ­Maschine sägen. Der Achtjährige hat bereits einige große Projekte ab­geschlossen. Vor dem Tischfußball baute der Nachwuchshandwerker einen Herd für seine kleine Schwester. Ganz aus Holz, sogar mit Drehknöpfen und Backblechen aus­gestattet.

Die Kinder denken sich selbst aus, was sie bauen möchten. Manchmal holen sie sich Ideen aus ­Büchern, manchmal schauen sie es sich bei anderen ab. ­Avelini, die Bildhauerin ist, zeichnet ­ihnen Skizzen, damit sie ungefähr ­wissen, wie sie vorgehen müssen. Wenn die Kinder Fragen haben, hilft die Kursleiterin ihnen geduldig, doch meist entscheiden die kleinen Schreiner selbst.


Fabian packt seine Buchstaben und das Brett, das er gerade ausgesägt hat, und geht damit um die Ecke zum Mal-Tisch. Er holt sich Farbe und Pinsel, zieht sich einen Malkittel an und legt los. Der Hintergrund wird weiß, die Buchstaben malt er bunt an. Er will heute noch fertig werden. Denn für das Schild hat er extra die Tischtennisplatte liegen lassen, die er noch vor den Sommerferien zu bauen angefangen hatte. Die meisten Kinder bleiben der Holzwerkstatt jahrelang treu und werden mit der Zeit immer selbstständiger.


Unterstützung vom Jugendamt


Die Materialien, die sie für ihre ­Werke brauchen, werden durch die Kurs­gebühren und Subventionen vom Stuttgarter Jugendamt finanziert. Für den Kurs in der Holzwerkstatt, in
der Leon und ­Fabian heute sind, zahlen die Eltern pro Semester 159 Euro.

"Wir müssen jetzt aufräumen", sagt Avelini zu den Kindern. "Kann ich meine Buchstaben noch schnell aufkleben, Susanne?", fragt Fabian. Bevor die Kursleiterin antworten kann, fängt er damit an. Hannah hantiert währenddessen schon mit dem großen Staub­sauger, dessen Rohr ­größer ist als sie selbst. Auch die anderen fangen nun an aufzuräumen. Sie kehren die Sägespäne auf und waschen Pinsel aus. ­Leon packt seine acht ausgefeilten ­Figuren in seine Kiste – beim nächsten Mal macht er sie fertig.