Kommentar Kernkraft – quo vadis?

Die Atomkatastrophe in Japan liefert uns Deutschen genug Gründe, über den künftigen Kurs in der Energieversorgung nachzudenken. Ein deutscher Alleingang nützt jedoch nicht. Das Thema Kernenergie gehört auf die internationale Agenda. Kommentar von Lothar Semper

Kernkraft – quo vadis?

Man steht fassungslos vor den Meldungen, die aus Japan kommen und von Stunde zu Stunde an Dramatik zunehmen. Das Land wird wohl auf Dauer nicht nur mit den ersten kriegerischen Atombomenabwürfen im Jahre 1945 in die Geschichte eingehen, sondern nun auch mit einem der schlimmsten Reaktorunfälle, seit die Menschheit die Kernkraft zur Stromgewinnung nutzt.

Die Experten werden sich lange streiten, ob das Unglück nun mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie und deren Technik an sich zu tun hat, oder ob es schlichtweg daran gelegen hat, dass niemand damit rechnen konnte oder wollte, dass ein gigantisches Erdbeben und ein verheerender Tsunami nahezu gleichzeitig ihre unvorstellbar zerstörerische Kraft entfaltet haben. Es ist wohl eher letzteres anzunehmen.

Gratwanderung zwischen Information und Verunsicherung

Eine Anmerkung allerdings auch noch zu den Experten: Was uns die Medien in diesen Tagen als echte oder selbst ernannte Experten präsentieren und wie treffsicher diese – ohne je vor Ort gewesen zu sein – eine Ferndiagnose abgeben können, das verwundert und verärgert manchmal doch auch. Die Grenze zwischen Wahrheit und Sensation ist genau so eine Gratwanderung wie die zwischen echter Information und Verunsicherung. Die Folge sieht man daran, dass anscheinend schon bei mancher Apotheke die Vorräte an Jodtabletten aufgebraucht sind.

Demgegenüber steht eine uns Deutschen schon fast verstörende stoische Gelassenheit, mit der die japanische Bevölkerung – zumindest nach Medienberichten – das bisher Unvorstellbare hinnimmt. Man stelle sich die Hysterie und Panik vor, die uns alle hier bei einem vergleichbaren Unglück erfassen würde. Einen Teil bekommen wir ja jetzt schon ab. Nachdem vier Fünftel der Bevölkerung aktuell die Nutzung der Kernenergie ablehnen, zieht auch die Politik die Reißleine. Es wäre sicherlich zu kurz gesprungen, dies nur vor dem Hintergrund antehender Landtagswahlen zu sehen.

Grund, über den künftigen Kurs der Energieversorgung nachzudenken, gibt es derzeit sicherlich genug. Aber es wird Deutschland wenig nützen, wenn es jetzt einen Alleingang wagt. Klar ist: Was nicht sicher ist, gehört ohne Wenn und Aber sofort vom Netz. Aber bisher durften wir hoffentlich davon ausgehen, dass Versorger wie Politik ihrer Verantwortung bei der Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke nachgekommen sind. Und was gestern als sicher bezeichnet werden konnte, wird dann nicht über Nacht unsicher.

Thema Kernenergie muss auf die internationale Agenda

Wenn, dann gehört das Thema Kernenergie auf die internationale Agenda. EU-Energiekommissar Oettinger wird nun besonders gefordert sein. Aber noch sehr zweifelhaft ist, ob Staaten wie China und Indien einem Atomausstiegskurs folgen werden. Der Energiehunger solcher aufstrebenden Nationen will gestillt werden. Es wäre Aufgabe der entwickelten Staaten, ihnen dafür eine Alternative aufzuzeigen.

Doch wo wir diese auf die Schnelle hernehmen sollen, diese Antwort fehlt noch! Wenn sich die Menschheit – statt sich immer wieder den Schädel einzuhauen – gemeinsam damit beschäftigen würde, dann würde ihr sicherlich auch dazu eine Lösung einfallen!