Kein Spektakel um den Künstler

Carl Sigmund Luber übte sich in Bescheidenheit. Vielleicht blieb der erste Formgebungsberater und Gewerbeförderer der Handwerkskammer für München und Oberbayern deswegen lange unentdeckt.

Kein Spektakel um den Künstler

Wer kennt Carl Sigmund Luber? Dieser Mann hat nie viel Wirbel um seine Person gemacht. Deswegen hat man sich auch jahrzehntelang gefragt, wer eigentlich der Entwerfer der zahlreichen extravaganten Jugendstilkeramiken der Firma Johann von Schwarz, einer Fabrik für keramische Erzeugnisse in Nürnberg, gewesen ist. Erst 1979 fand man heraus: Es war Carl Sigmund Luber, zehn Jahre lang künstlerischer Direktor. Doch für die Handwerksorganisation viel interessanter: Luber etablierte wahrscheinlich die ers-te Formgebungsberatung und Gewerbeförderung einer Handwerkskammer.

Bislang war man davon ausgegangen, dass Formgebungsberatung in Bayern erst mit der Gründung der Handwerkspflege 1949 angeboten wurde. Die Forschungen von Professor Wolfgang König, dem ehemaligen Direktor des Seminars für Handwerkswesen an der Universität Göttingen, förderten aber zutage, dass die Geschichte der Gewerbeförderung im Handwerk umgeschrieben werden muss und in München vor mindestens 100 Jahren begann.

Luber wird am 1. März 1868 in München geboren. Als Sohn eines Bäckers soll er ebenfalls einen Handwerksberuf erlernen. Anfang der 1880er Jahre begibt er sich bei einem Steinmetz in die Lehre. Durch seinen Lehrherren kommt Luber mit Baumeistern und Künstlern in Kontakt, wodurch sein Interesse für das Kunsthandwerk geweckt wird. Nach seinen Wanderjahren besucht er ab 1886 für zwei Semester die Münchner Kunstgewerbeschule. 1887 schreibt er sich an der Münchner Kunstakademie ein, wo er die Bildhauerklasse besucht.

1895 heiratet Luber Therese Gürteler. Im selben Jahr nimmt Luber eine Stelle als Zeichenlehrer an der Steinschleifer-Gewerbeschule in Idar-Oberstein an. 1896 folgt er einem Angebot der Firma von Schwarz, zieht mit Therese nach Nürnberg und übernimmt dort den Posten des künstlerischen Direktors der Fayenceabteilung. Von nun an sind gut 30 Mitarbeiter damit beschäftigt, die Entwürfe Lubers auszuführen. Seine Werke werden von Kennern als „von erlesener Extravaganz“ bezeichnet. Er selbst gab sich wesentlich bescheidener: „Was G’scheits macht kein Spektakel.“

Lubers langjährigen Arbeitgebern bei der Firma von Schwarz ist die Kunstkeramik allerdings nie ein großes Anliegen, vielmehr ist sie ein Nebenprodukt der Firma. Als 1906 abrupt die Kunstkeramikherstellung eingestellt wird, muss auch Luber seine Arbeit niederlegen. In den folgenden Jahren versucht er sich erst bei der Nürnberger Prägeanstalt Lauer, wo Münzen und Medaillen hergestellt wurden. Dann wechselt er zur „Nürnberger Metall- und Lackierwaarenfabrik vorm. Gebr. Bing A.G.“, etabliert für Haushalts- und Spielwaren.

Eine neue Herausforderung sieht er in dem nun vorliegenden Angebot der Handwerkskammer in München: 1908 wird Luber als Leiter der kunstgewerblichen Abteilung des neu gegründeten Gewerbeförderungsinstitutes der Kammer eingestellt. Zu diesem Institut war es ein langer Weg. Einige Jahre verwendeten der damalige Präsident der Handwerkskammer, Max Nagler, und der Hauptgeschäftsführer Dr. Ferdinand Knoblauch darauf, die Gründung eines Gewerbeförderungsinstitutes herbeizuführen, bis die Gründung schließlich auf der Vollversammlung vom 2. April 1908 beschlossen wurde. Dafür wurden sogar Reisen nach Österreich und in die Schweiz unternommen, wo es ähnliche Einrichtungen offenbar bereits gab. Unter anderem aus dem Grund, dass Nagler und Knoblauch Informationen und Vorbilder im Ausland suchten und nicht in der Heimat, kann man darauf schließen, dass die Handwerkskammer in München die erste in Deutschland war, die auf so eine ausgeprägte Weise Gewerbeförderung betrieb.

Er wohnt in der Kammer

Für das am 25. September 1909 eröffnete Institut wird ein neues Gebäude in München erworben, in dem auch Luber Quartier bezieht. Er wohnt von nun an mit seiner Familie im Dachgeschoss der Damenstiftstraße 5, sein Atelier befindet sich nur ein Stockwerk tiefer. Am 1. Juli 1908 hatte er seine Tätigkeit bei der Handwerkskammer noch als Inspektor, also Leiter des „Zeichenbüros“, begonnen. Kurze Zeit später wird es in „kunstgewerbliche Abteilung“ umbenannt. Luber hat zahlreiche Aufgaben. Er übernimmt die Ausführung von künstlerischen Aufträgen aus der Wirtschaft ebenso wie den Aufbau und die Leitung des kunstgewerblichen Teils der Institutsbibliothek. Außerdem fungiert Luber als Berater für Handwerker in künstlerischen Fragen, da die Kunstgewerbeabteilung auch als Auskunfts- und Beratungsstelle gedacht ist. Gleichzeitig ist Luber Lehrkraft, er unterrichtet zum Beispiel Stilkunde in den Schreinerkursen. Für die Ausführung dieser Tätigkeiten erhält Luber 4.000 Mark Jahresgehalt, für damalige Verhältnisse ein gutes Einkommen. Luber gefiel seine Arbeit so gut, dass er bis zu seiner Pensionierung 1933 bei der Kammer blieb und damit 25 Jahre lang die Kunstgewerbeförderung leitete. Ein Jahr später starb Carl Sigmund Luber.

Nach dem 1. Weltkrieg musste die Handwerkskammer zwar die Arbeit des Gewerbeförderungsinstitutes wegen der prekären finanziellen Lage einschränken, die Kunstgewerbeabteilung blieb davon aber so gut wie nicht betroffen. Auf der Feier zum 25. Jubiläum 1925 machte die Kammer deutlich, dass 1909 „ganz besonderer Wert auf die Einrichtung der kunstgewerblichen Abteilung mit Zeichenbüro“ gelegt worden war und diese Abteilung noch immer einen hohen Stellenwert besaß.