Aufgrund der guten Konjunkturprognosen haben Vertreter der Gewerkschaften und der SPD gefordert, die Arbeitnehmer am Aufschwung zu beteiligen. Dagegen warnte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt die Gewerkschaften vor zu hohen Lohnforderungen in den kommenden Tarifrunden.
Kein Grund für Lohnzurückhaltung
"Wir dürfen den derzeitigen Aufschwung auf gar keinen Fall belasten oder gefährden", sagte Hundt. Er gehe davon aus, dass die Arbeitslosigkeit schon in diesem Jahr die Marke von drei Millionen unterschreiten und in den kommenden beiden Jahren weiter sinken wird. Für die Firmen werde es dann zunehmend schwieriger, ausreichend Fachkräfte zu finden. Schon in diesem Jahr könnten die angebotenen Ausbildungsplätze nicht alle besetzt werden. Um den Fachkräftemangel zu lindern, müsse der Zuzug qualifizierter ausländischer Fachkräfte erleichtert werden, forderte Hund und plädierte für eine Einwanderungspolitik nach amerikanischem Vorbild. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte am Freitag in diesem Zusammenhang eine Art Begrüßungsgeld für Gastarbeiter angeregt.
Nach Berechnungen des Forschungsinstituts Kiel Economics sinkt die Zahl der Jobsuchenden bis 2014 auf 1,88 Millionen. Im Gegenzug würden die Bruttolöhne 2013 um 4,3 Prozent und 2014 um 4,9 Prozent steigen. Neben IZA-Direktor Schneider hält es demnach auch der ehemalige Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Karl-Heinz-Paqué (FDP), für "wahrscheinlich", dass es einen Schub bei den Löhnen gibt. Da auf dem Arbeitsmarkt weniger junge Erwerbstätige nachrückten als Ältere in den Ruhestand gingen, sei das Risiko anders als etwa in den 70er Jahren gering, dass die Aufschläge in großem Stil zu Jobverlusten
führen, sagte er.
Weiter hieß es, dass Fachkräfte wie Ingenieure schon heute in Deutschland fehlten. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) seien es im Juli 35 800 Ingenieure gewesen. Dem gegenüber seien weniger als 26 000 arbeitslos gewesen.
Am Freitag hatte der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) angesichts der sich erholenden Wirtschaft in der Süddeutschen Zeitung gefordert, "Abschlüsse in Richtung drei Prozent hinbekommen" zu müssen. Während die IG BAU einen "Nachschlag" verlangte, kündigte die IG Metall an, "für unsere Leute einen fairen Anteil herausholen" zu wollen. ver.di-Vize Margret Mönig-Raane sagte der Saarbrücker Zeitung vor dem Hintergrund ihres Beitrages in der Krise hätten die Beschäftigten einen "Anspruch darauf, am Aufschwung angemessen beteiligt zu werden". Unterstützung erhielten die Gewerkschaften von der SPD.
Auch der Wirtschafsweise Peter Bofinger forderte Lohnerhöhungen. "Wir brauchen kräftigere Lohnsteigerungen von mindestens drei Prozent", sagte er der "Rheinischen Post". Die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre habe dazu beigetragen, dass die Volkswirtschaften der Euro-Zone auseinander drifteten. Der Unterschied müsse durch höhere Lohnabschlüsse in Deutschland und niedrigere Abschlüsse in den weniger wettbewerbsstarken Ländern Südeuropas ausgeglichen werden. "Für die ausgeprägte Lohnzurückhaltung der letzten Jahre gab es keine Rechtfertigung", sagte Bofinger, der Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist.
ddp