Weltweite Solidaritätsaktion mit Stühlen geht auf documenta-Kunstwerk zurück Kassel mit Ai Weiwei besonders verbunden

Mit Stühlen haben sich am Sonntag auch in einigen Städten Deutschlands Menschen vor chinesische Repräsentanzen gesetzt - und so die Freilassung von Ai Weiwei gefordert. Der Künstler und Regierungskritiker war am 3. April am Pekinger Flughafen festgenommen geworden und ist seitdem verschwunden.

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Kassel mit Ai Weiwei besonders verbunden

Kassel (dapd). Mit Stühlen haben sich am Sonntag auch in einigen Städten Deutschlands Menschen vor chinesische Repräsentanzen gesetzt - und so die Freilassung von Ai Weiwei gefordert. Der Künstler und Regierungskritiker war am 3. April am Pekinger Flughafen festgenommen geworden und ist seitdem verschwunden. Unter dem Motto "1.001 Stühle für Ai Weiwei" wurde auf der Internetplattform Facebook für Sonntag weltweit zu Solidaritätsaktionen aufgerufen.

Die Idee geht auf Ai Weiweis Arbeit "Fairytale" ("Märchen") für die documenta 12 in Kassel zurück. Dort ist für Dienstag eine ähnliche Aktion geplant.

Zur documenta 12, im Sommer 2007, hatte der Künstler 1.001 Chinesen aus verschiedenen Regionen seines Landes nach Kassel eingeladen. In fünf Etappen kamen unter anderem Studenten, Arbeiter, Bauern, Lehrer, Musiker - Menschen mit sehr unterschiedlichen sozialen Hintergründen - in die documenta-Stadt. Zudem holte Ai Weiwei ebenso viele Stühle aus seiner Heimat nach Nordhessen.

Während sich die besonderen Gäste aus China unter die Bevölkerung und das internationale Kunstpublikum mischten, markierten die 1.001 Holzstühle aus der Qing-Dynastie das Werk in der Ausstellung. Ai Weiwei hatte die ein- bis vierhundert Jahre alten Stühle in Gruppen über die documenta-Standorte verteilen lassen. Die Nutzung der Sitzmöbel war ausdrücklich gewünscht.

Kontakt zu Ai Weiwei gepflegt

In Kassel avancierte Ai Weiwei mit seinen Arbeiten zum Publikumsliebling. Schon zum documenta-Start veröffentlichte die örtliche Zeitung einen Mini-Sprachkurs zur Begrüßung der chinesischen Gäste. Noch heute finden sich im Internet Fotos von Kasselern, die sich mit einigen der 1.001 Besuchern ablichten ließen.

Es kam zu Einladungen wie der eines örtlichen Tango-Salons, der die Chinesen zu einem Schnupperkurs mit Kasseler Tänzern zusammenbrachte. In der multikulturell geprägten Nordstadt, wo die Gäste in einem für sie hergerichteten ehemaligen Fabrikgebäude wohnten, fühlte sich ein Imbiss-Besitzer so mit ihnen verbunden, dass er zum Abschied mehrere Lammbraten spendierte.

Die Verbindung Kassels zu Ai Weiwei wurde auch nach der documenta gepflegt. Im Herbst 2010 besuchte der Künstler die Stadt, um den Bürgerpreis "Glas der Vernunft" entgegen zu nehmen. Die Jury beschrieb ihn als "Dolmetscher zwischen den westlichen und östlichen Kulturen" und würdigte sein kritisches Auftreten gegenüber dem chinesischen Staatssystem. Seit Ais Inhaftierung sammelt der Verein "Glas der Vernunft" im Internet Botschaften zur Unterstützung des Künstlers. Auch Kassels Oberbürgermeister Betram Hilgen (SPD) hat sich in die Liste "1.001 für Ai Weiwei" eingetragen.

Solidaritätsaktion mit Stühlen

Parallel zu den weltweiten Aktionen vor den chinesischen Botschaften, war auch in der documenta-Stadt bereits die Idee zu einer Solidaritätskundgebung mit Stühlen entstanden. Diese ist für den kommenden Dienstagabend, ab 19.00 Uhr, gegenüber der Kasseler Stadthalle angekündigt. Dazu aufgerufen hat das Sozio-Kultur-Zentrum Werkstatt Kassel, dessen Vereinsräume sich dort befinden.

"Wir haben überlegt, wie die Kundgebung eine würdevolle Angelegenheit werden kann", sagte Marco Krummenacher vom Organisatoren-Team zu der gewählten Form des Protests. "Wir fühlen uns verpflichtet, bei Menschenrechtsverletzungen etwas zu unternehmen", ergänzte Roland Goldack. Teilnehmer seien auch ohne Stuhl willkommen. Auf einer Wandzeitung könnten Botschaften hinterlassen werden, die das Kasseler Rathaus an die chinesische Führung weiterleiten soll.

dapd