Fachkräftemangel Kampf um die Schulabgänger

Weil mehr Jugendliche studieren wollen, ist das Gleichgewicht zwischen dualer und akademischer Ausbildung gefährdet. Jetzt rollen Gegenoffensiven an. Das Handwerk buhlt um Abiturienten und Studienabbrecher.

Karin Birk

Que sera, sera: Zwischen Hörsaal und Berufsausbildung müssen sich die Schüler einmal entscheiden. Nach dem jahrelangen Trend zur Akademisierung soll das Pendel jetzt wieder zurückschlagen. - © Bild: publicorange/Robert Kneschke/majesticca/Fotolia

Das Handwerk geht in die Offensive. "Ausbildung und Studium müssen gleichberechtige Alternativen werden", mahnt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer, nachdem im vergangenen Jahr erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik mehr Schulabgänger ein Studium begonnen haben als eine Ausbildung. "Wir tun viel, um gute Leute in die Betriebe zu holen", sagt Wollseifer.

Selbst der Wissenschaftsrat empfiehlt Abiturienten, öfter auch einen Ausbildungsberuf in Betracht zu ziehen. "Die Berufswahl darf nicht nach vordergründigen Image- und Prestige-Gesichtspunkten getroffen werden", sagte der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Wolfgang Marquardt, mit Blick auf das zunehmende Ungleichgewicht. Entscheidend sei deshalb, auch an Gymnasien eine systematische Berufs- und Studienorientierung zu etablieren, in der berufliche und akademische Ausbildungswege gleichberechtigt dargestellt werden sollen.

Wenn die Lehrstellen leer bleiben

Das Handwerk sieht das nicht anders. Man wolle verstärkt "Partnerschaften zwischen Gymnasien und Handwerksorganisationen anstreben", sagt Wollseifer. "Auch unsere Angebote der dualen Ausbildung sowie des dualen oder trialen Studiums müssen bekannt gemacht werden." Mit dem trialen Studium schließt der Nachwuchs in viereinhalb Jahren Ausbildung, Meister und Bachelor ab.

Die Gegenmaßnahmen sind deshalb so wichtig, weil das Handwerk gleich von zwei negativen Faktoren getroffen wird: Zum einen nimmt die Zahl der Schulabgänger aufgrund des demografischen Wandels immer weiter ab.

Und zweitens machen immer mehr Jugendliche Abitur oder Fachabitur und wollen dann studieren. Die Folge: "Ausbildungsplätze bleiben vielerorts unbesetzt", klagt Wollseifer. Allein im vergangenen Jahr waren es 15.000.

Neben den wirtschaftlichen Risiken für den Standort Deutschland sieht Wissenschaftler Marquardt auch das individuelle Risiko für den jungen Menschen: "Wir müssen die jungen Leute dahin bringen, wo sie sich am besten entfalten können", sagt er der Deutschen Handwerks Zeitung. Dies gelte umso mehr, da die Anforderungen sowohl in der dualen wie in der akademischen Ausbildung gewachsen seien. Nicht für jeden sei nach dem Abitur die Universität die beste Entscheidung. Dies zeigten nicht zuletzt die Abbrecherquoten.

Das Handwerk will daher noch stärker auf die Betroffenen zugehen und Perspektiven aufzeigen. Studienabbrechern müsse klar sein, dass sie über eine Lehre den Grundstein für eine unternehmerische Karriere legen können, sagte Wollseifer. Außerdem suchten rund 200.000 Handwerksbetriebe in den nächsten Jahren einen Nachfolger.

Wie Wollseifer hervorhebt, sind die finanziellen Perspektiven nach einer Berufsausbildung attraktiv. Erst kürzlich habe das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelt, dass Meister mit einem durchschnittlichen Lebensarbeitseinkommen von 1,9 Millionen Euro auf vergleichbarem Niveau mit Fachhochschulabsolventen mit rund 2,0 Millionen Euro liegen. "Diese Fakten sollte man kennen", sagte Wollseifer. Das Handwerk wolle deshalb den Kontakt zu Studienberatern weiter ausbauen.

Studienabbrecher starten eine Lehre

Engere Kooperationen zwischen Wirtschaft, Schulen und Hochschulen hält der Wissenschaftsrat ebenfalls für sinnvoll. Noch mehr Leistungen sollten angerechnet werden. "Dies gilt sowohl für Inhalte aus der dualen Ausbildung als auch für Studieninhalte", sagt Marquardt. Seiner Ansicht nach muss die Durchlässigkeit der Systeme in beide Richtungen stärker ausgebaut werden.

Erste Projekte des Handwerks bekommen bereits überregionale mediale Beachtung – wie etwa das "Karriereprogramm Handwerk" in Würzburg. Die Handwerkskammer für Unterfranken bringt Betriebe mit Studienabbrechern der Universität Würzburg und der beiden Fachhochschulen mit Erfolg zusammen. Dass die Studenten inzwischen Schlange stehen für eine Lehre, zeigt: Akzeptanz für die Berufsausbildung ist vorhanden.