Wärmewende Kalte Nahwärme: Die Heizung unter der Grasnarbe

Der oberfränkische SHK-Betrieb Steinhäuser erschließt oberflächennahe Geothermie-Felder. Die 22 bisher installierten Großanlagen versorgen 7.700 Haushalte mit Nahwärme und sparen dabei 3.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ein.

Großflächige bodennahe Geothermie
Das Handwerksunternehmen Steinhäuser hat bislang 22 Großanlagen gebaut. Sie versorgen 7.700 Haushalte mit Nahwärme. Das spart 3.000 Tonnen CO2 pro Jahr ein. - © Steinhäuser

"Die Regulatorik ist der größte Hemmschuh für die Energiewende", sagt Harry Steinhäuser. Der 61-jährige Heizungsbaumeister aus Bischberg-Trosdorf bei Bamberg ist Spezialist für großflächige bodennahe Geothermie, auch "Kalte Nahwärme" genannt.  Sein Unternehmen zeichnet dafür verantwortlich, dass inzwischen 7.700 Wohneinheiten mit Wärme aus 1,5 bis drei Metern Tiefe versorgt werden. Bis zu fünf solcher Großprojekte auf bis zu 12.000 Quadratmetern Freifläche realisiert das Handwerks­unternehmen Steinhäuser mittlerweile pro Jahr – und das bundesweit.

Mit einem patentierten Boden-Klima-Tauscher, der üblicherweise in maximal drei Metern Tiefe (in Ausnahmefällen bis fünf Meter) die Erdwärme bei fünf bis 15 Grad aufnimmt, kam für Harry Steinhäuser 2016 der Durchbruch. Seinen Betrieb hat er 1999 gegründet. "Bis dahin habe ich mir das Maul fusselig geredet, um Investoren und Bauherren von meiner CO₂-neutralen Lösung zu überzeugen", sagt Steinhäuser. Sein Betrieb wird seit Jahren ohne jede Form von Werbung bundesweit weiterempfohlen.

Testfeld für "Kalte Nahwärme" in Bamberg

Meist sind Stadtwerke seine Auftraggeber. In Bad Nauheim erschloss Steinhäuser 2019 ein neues Wohnquartier mit 400 Wohneinheiten und 13 Kilo­metern Rohrleitungen. Und in Paderborn eine Ex-US-Kaserne, die für privaten Wohnungsbau umgewidmet wurde. Nun werden die 800 Bewohner mittels vorgeschalteten Wärmepumpen mit 55 Grad heißem Wasser und 35 Grad Wärme versorgt wird. Seit Mai 2022 läuft zudem in Bamberg ein wissenschaftlich begleitetes Testfeld mit vertikal und horizontal im Boden ver­­legten Kollektoren. Das Ziel: Die effizientesten Verfahren identifizieren.

Geothermie-Pionier Harry Steinhäuser
Geothermie-Pionier Harry Steinhäuser - © Steinhäuser

Während herkömmliche Geothermie aufwändig bis 400 Meter in die Tiefe bohrt und Nahwärme normalerweise in isolierten Rohren bis zu 80 Grad heißes Wasser transportiert, ist die "Kalte Nahwärme" viel un­­spektakulärer und damit kostengünstiger: Erdschlitzfräsen schaffen bis zu 3,2 Meter tiefe und 20 Zentimeter schmale Bodenspalten, in die vertikal fünf bis zwölf Meter lange Kollektoren eingelassen werden. Alternativ werden die Module horizontal in zwei Ebenen vergraben, untereinander verbunden und mit einer um­­weltfreundlichen Trägerflüssigkeit befüllt. Diese nimmt die Wärme aus dem Boden auf und führt sie zum Ge­­bäude, wo die Temperatur mit Wärme­­pumpe und -tauscher auf 35 oder
55 Grad verdichtet wird.

Der Vorteil: Freiflächen können an­­schließend wieder landwirtschaftlich genutzt werden; es gibt weder optische noch akustische Belastungen und die Röhren müssen nicht isoliert werden, was Material und Kosten spart. Steinhäuser: "Wir rechnen mit acht bis zehn Modulen je Wohneinheit und vermeiden im Beispiel von Bad Nauheim 750 Tonnen CO₂ pro Jahr." Zum Vergleich: Binnen 30 Minuten ist ein Kollektor verlegt und binnen drei Stunden produziert.

Flexibel durch Eigenfertigung

Auch die Herstellung der Kollektoren, für die der Handwerker zuvor je nach Großauftrag für bis zu 500.000 Euro Material einkaufen muss, übernimmt der Sanitärbetrieb selbst. "Ohne die Eigenfertigung wären wir nicht flexibel genug, unser Heizsystem jeder Topographie, Bodenbeschaffenheit und Flächenverfügbarkeit individuell anzupassen," sagt der 61-Jährige, der in eigener Werkstatt bis zu 1000 Quadratmeter Kollektorfläche pro Tag herstellen kann. Neben ihm plant eine Ingenieurin die Anlagen, zwei Männer produzieren die Module und vier arbeiten in der Installation.

Insgesamt beschäftigt die GmbH, die 2022 vier Millionen Euro um­setzte, 30 Mitarbeiter. 2023 und 2024 dürfte der Umsatz um je 25 Prozent steigen, was der Chef vor allem durch interne Effizienzsteigerung erzielen möchte. Noch entfallen 40 Prozent des Umsatzes auf klassisches Sanitärgeschäft im privaten Wohnungsbau bis hin zu Badsanierungen im lokalen Umfeld. Steinhäuser, der seinen Beitrag zum Erreichen der Pariser Klimaziele leisten möchte: "In 22 Großprojekten haben wir bislang 145.000 Quadratmeter Kollektorfläche im Boden verlegt und sparen somit 3.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ein." Damit die Erfolgsstory weitergeht, wird ein junger Meister den Betrieb eines Tages fortführen.

Ganztagskraft für Förderanträge

Geothermie-Kunden sind immer Stadtwerke, in deren Besitz die An­­lagen bleiben und die die Tiefbauarbeiten vergeben. Sie übernehmen auch Wartung und Instandhaltung. Die angeschlossenen Verbraucher zahlen einen Fixpreis auf die Kilowattstunde, der oft zehn Jahre garantiert ist. Größtes Problem, so Steinhäuser, ist die bundesweite Regulatorik. Bis zu 30 Genehmigungen muss er bei Behörden einholen, wenn ein bodennahes Geothermie-Feld ge­plant ist. Allein für die Förderanträge hat er mittlerweile eine Ganztagskraft be­schäftigt. Da hilft auch wenig, dass er seit 2012 mehrere Innovations-, Zukunfts- und Bundespreise eingeheimst hat.