Den Amateuren drückt im Pokal jeder Fußballfan die Daumen – wenn der Underdog nicht gerade gegen seinen Lieblingsverein kickt. Lange Gesichter gab es diesmal zum Auftakt des K.o.-Wettbewerbs beim Anhang des Aufsteigers Mainz 05 und von Hannover 96. Kolumne zum DFB-Pokal von Stefan Galler
Kaiserlicher Geschichtsunterricht, schwäbischer Arbeitsmarkt und des Schleifers neue Opfer
Meisterbetrieb: Pappnasen und offene Fässer
Beide brachten das Kunststück fertig, gegen Viertligisten einen 1:0-Vorsprung zu verdaddeln. Für den Karnevalsverein war am Freitag im hohen Norden Aschermittwoch: Das Match in Lübeck war eine Stunde lang grottenfad, dann gelang dem Außenseiter das 1:1 und es kam Leben in die Bude. Die Nordlichter hatten dagegen die Pappnasen auf, es wurde gefeiert ohne Ende. Und Mainz-Coach Jörn Andersen verlor nicht nur das Match, sondern auch seinen Job.
Feiern könnten nicht nur die Lübecker. Es ist ja bekanntlich auch eine Spezialität von Mario Basler. Der frühere Profi mit Hang zum unprofessionellen Lebensstil ist mittlerweile für die sportlichen Geschicke von Eintracht Trier verantwortlich. Und Baslers Buben hauten am Sonntag Hannover mit 3:1 aus dem Wettbewerb, nachdem der Eintracht-Trainer im Vorfeld gewohnt markige Sprüche geklopft hatte: Hannover sei so farblos wie Wasser, sagte Basler. Ein Glück, dass er nach dem Pokalcoup dieses Getränk im Kühlschrank lassen konnte. Wie hatte er vorher getönt: "Wenn Hannover am Sonntag aus dem Pokal fliegt, mache ich ein Fass auf."
Gesellenstück: Kaiser Franz und der Fußball-Napoléon
Die Bayern haben ihre Pokalaufgabe gelöst, sich jedoch beim 3:1 gegen den Sechstligisten Neckarelz nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Dennoch scheint das Trainerproblem der letzten Saison behoben zu sein, Louis van Gaal wirkt, als wisse er im Gegensatz zu Klinsmann, worum es beim Fußball geht. Das Torwartproblem dagegen scheint noch immer akut, beim Test gegen Milan patzte Jörg Butt, im Pokal gegen die Amateure verschuldete Michael Rensing das zwischenzeitliche 1:2.
Das bestimmende Thema an der Säbener Straße war den ganzen Sommer über jedoch die Wechselposse um Franck Ribéry. Real Madrid hätte ihn gerne gekauft, doch Uli Hoeneß wollte ihn nur für sehr viel Geld hergeben, wie er in seinem legendären Vergleich mit der Schlossallee im Monopoly-Spiel verdeutlichte. Letztlich gaben die Spanier auf, alles schien friedlich, doch dann trat Franz Beckenbauer auf den Plan. Er hätte dafür plädiert, den Begehrten ziehen zu lassen, sagte der Fußball-Kaiser, schließlich sei Ribéry ein Franzose, "dem ist Bayern wurscht".
Dabei hätte Beckenbauer ein Blick in die Geschichtsbücher gezeigt, dass es durchaus Franzosen gab, denen der schöne Freistaat nicht gänzlich am Allerwertesten vorbeiging. So hat ein gewisser Napoléon Bonaparte gemeinsam mit den Bayern einst die Österreicher vermöbelt. Bayern wurde Königreich und Kaiser Franz II. – übrigens mit Beckenbauer weder verwandt, noch verschwägert – löste das Deutsche Reich auf. Ziemlich große Konsequenzen aus einer bajuwarisch-französischen Liaison. Das ist nur damit vergleichbar, dass der FCB mit Ribéry die Champions League holt. Das wär dem Kaiser bestimmt nicht wurscht.
Erstes Lehrjahr: Stürmersuche mit Hindernissen
Eine ganz bittere Situation: Das Bankkonto prall gefüllt und jede Menge Wünsche im Hinterstübchen – nur leider lässt sich keiner von all den Träumen realisieren. Beim VfB Stuttgart war genau das in der Sommerpause der Fall. Die rund 35 Millionen Euro aus dem Verkauf von Mario Gomez nach München sollten in einen neuen Stürmer investiert werden – aber keiner wollte ins Ländle kommen. Serbe Jovanovic von Standard Lüttich verzockte sich, Demba Ba aus Hoffenheim fiel beim medizinischen Test durch. Der Holländer Jan-Klaas Huntelaar hielt die Schwaben wochenlang hin, dann beendete VfB-Sportdirektor Horst Heldt das unwürdige Spiel. Auch Vagner Love, Brasilianer in Diensten von ZSKA Moskau und von der Boulevard-Presse wegen eines schlüpfrigen Videos mit ihm, das im Internet kursiert, als "Sex-Bomber“ tituliert, kam nicht. Ebenso wenig wie der Spanier Alvaro Negredo, die "Bestie von Vallecas".
Es sah schon so aus, als würde Heldt auf seinen Millionen sitzen bleiben, Am Ende wurde dann in osteuropäische Beine investiert: Weißrusse Aleksandar Hleb kehrt aus Barcelona zu den Stuttgartern zurück, für zwei Millionen Euro Leihgebühr. Und der Russe Pawel Pogrebnjak wurde für rund zehn Millionen Euro von Zenit St. Petersburg losgeeist. Womit Heldt zum Schwaben des Monats gekürt werden dürfte: Von den Gomez-Millionen bleibt ein Großteil in der Kasse und man hat die Offensive dennoch auf Vordermann gebracht. Sparsame Unternehmer wissen eben ganz genau, dass Arbeitskräfte aus Osteuropa günstiger sind.
Zwei linke Hände: Harte Hand in Königsblau
51 Jahre warten die Fans des FC Schalke 04 auf die Schale – was lag näher, als den Meistermacher schlechthin nach Gelsenkirchen zu holen – Felix Magath, dreimal Champion in den letzten vier Jahren, soll Königsblau an die Spitze führen. Weil die Erfolgsformel des Trainers vor allem auf Disziplin gründet und er nicht zuletzt in Personalfragen gnadenlos konsequent ist, gibt es auch schon die ersten Opfer im Kader zu beklagen. So wird Albert Streit vermutlich der bestbezahlte Fußballgucker der Republik. Er verdient 2,2 Millionen Euro im Jahr, wird von Magath jedoch nicht gebraucht. Anstatt sich anderen Klubs anzubieten, hat der Mittelfeldmann schon angekündigt, seinen Vertrag auszusitzen. Macht bis 2012 schlappe 6,6 Millionen – für nichts. Besonders schön ist der Fall Jefferson Farfan, den der Trainer beim 4:0-Pokalerfolg gegen die Amateure aus Windeck 90 Minuten auf der Bank schmoren ließ. Die Begründung in typischer Magath-Manier: "Er hat sich gestern beim Biertrinken krankgemeldet", sagte der S04-Coach. Auch Ivan Rakitic hat schon einiges abbekommen, im Training wurde er Opfer eines dreiminütigen Wutanfalls von Magath, nach seinem Elfmeter-Fehlschuss im Pokal flippte der Übungsleiter ein weiteres Mal aus. Magath auf Schalke, das kostet Nerven – den Trainer ebenso wie seine Spieler.