Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland steigt. Paradox: Gleichzeitig bleiben im Handwerk tausende Lehrstellen unbesetzt. Wie das zusammenpasst – und welche Hilfen es gibt.

Nach der Schule in die Ausbildung – oder direkt ins Sozialsystem? Letzteres ist für viele Jugendliche in Deutschland Realität. Wer seine Ausbildung abbricht, gekündigt wird oder die Abschlussprüfung nicht besteht, hat es schwer, Arbeit zu finden. Dieter Holstein ist Berufsschullehrer an der Oskar-von-Miller-Berufsschule in Kassel und Abteilungsleiter für den Bereich Fort- und Weiterbildung. Er stellt bei seinen Schülern einen immer höheren Qualifizierungsbedarf fest: "Gerade das Text- und Leseverständnis von jungen Auszubildenden hat sich enorm verändert. Und das über alle Berufsgruppen hinweg."
Ausbildung erhöht Jobchancen
In Deutschland erhöht ein qualifizierender Berufsabschluss die Chance auf eine Anstellung in einem Betrieb. Doch die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen in Deutschland steigt: Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit erhöhte sich die Quote seit 2022 drastisch um 40 Prozent. Im Mai 2025 waren 257.607 junge Menschen unter 25 Jahren arbeitslos – das entspricht einer Quote von 5,3 Prozent. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt: Mehr als drei Viertel der arbeitslosen Jugendlichen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung.
Der Großteil von ihnen hat bereits Schwierigkeiten in der Schule. Was auf den ersten Blick wie ein Problem der Schulen wirkt, ist längst auch eine Herausforderung für das Handwerk und für seine Ausbildungsbetriebe. Denn wer eine Ausbildung beginnt, muss Arbeitsanweisungen verstehen, Sicherheitsvorschriften lesen und digitale Planungs- oder Zeiterfassungssysteme bedienen können – Anlagenmechaniker genauso wie Friseure oder Schreiner.
Wirtschaftslage wirkt sich aus
Die Jugendarbeitslosigkeit unterscheidet sich zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Laut IAB-Bericht stieg die Teilquote von arbeitslosen Jugendlichen ohne Berufsabschluss in Ostdeutschland von 4,3 Prozent im Jahr 2010 auf 6,1 Prozent im Jahr 2024, im Westen von 2,7 auf 3,6 Prozent. Die Teilquote der Jugendlichen mit Abschluss ging hingegen in beiden Landesteilen zwischen 2010 und 2024 zurück. Im Westen von 1,9 auf 1,1, im Osten von 5,0 auf 1,5 Prozent.
Holger Seibert, Autor des IAB-Berichts, erklärt das so: Neben einer insgesamt schwächeren ostdeutschen Wirtschaft, ist das Angebot an Ausbildungsplätzen in Relation zu den Schulabgängern geringer. Anteilig verlassen mehr Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden, weist außerdem auf die niedrigere Anzahl an Großstädten hin. Deswegen bestünden im Osten keine entsprechenden Märkte für Hilfskräfte, wie in anderen Regionen. "Doch Hauptgrund ist: Handwerk und Mittelstand benötigen in erster Linie qualifizierte Fachkräfte."
Widersprüche am Ausbildungsmarkt
Trotz der derzeitigen wirtschaftlichen Schwäche bietet der Ausbildungsmarkt Potenzial für die berufliche Zukunft junger Menschen. Gerade Handwerksbetriebe suchen händeringend nach Fachkräften. Laut Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hat die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen im Handwerk im Berichtsjahr 2023 mit 19.000 offenen Lehrstellen einen Höchstwert erreicht. Mit 12,6 Prozent ist dieser Mangel in Handwerksberufen höher als in anderen Branchen. In den Betrieben blieb demnach 2023 jeder siebte bis achte angebotene Ausbildungsplatz offen. Innerhalb des Handwerks waren Lehrstellen für Klempner, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk und Fleischer besonders häufig unbesetzt. Die hohe Zahl junger Menschen ohne Berufsabschluss steht hierzu im Widerspruch.
Holger Seibert weist im IAB-Kurzbericht auf einen beruflichen Mismatch hin: "Jugendliche haben oft andere Berufswünsche als die Ausbildungsbetriebe anbieten. Diese haben einen bestimmten Bedarf an Berufen – je nachdem, was sie herstellen." Das betriebliche Ausbildungsangebot und die Nachfrage junger Menschen effektiv zusammenzubringen, ist eine zentrale Herausforderung des Ausbildungsmarktes.
Folgen schulischer Defizite
Den größten Anteil in der Passungsproblematik machen laut IAB-Bericht schulische Defizite aus. "Diese Schwächen sind zum Teil coronabedingt, zum Teil stecken unterbrochene Bildungsbiografien, Fluchthintergrund oder nicht ausreichende Sprachkenntnisse dahinter", sagt Kirsten Kielbassa-Schnepp, Referatsleiterin im Bereich Berufliche Bildung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Vielfach fehle es an den Berufswahlkompetenzen, um einen zu den eigenen Interessen und Talenten passenden Ausbildungsberuf zu wählen.
Der Berufsbildungsbericht 2024 sieht vor allem die Lesekompetenz als Grundvoraussetzung für die berufliche Ausbildung. An dieser mangelt es in Deutschland seit Jahren. Internationale Vergleichsstudien wie PISA oder IGLU belegen, dass Kinder und Jugendliche hierzulande immer schlechter lesen und Texte verstehen. Je länger sie arbeitslos sind, desto schlechter lesen sie.
Lesen stärkt - auch das Handwerk
Lesekompetenz ist ein Schlüssel für Bildungserfolg und damit Voraussetzung für berufliche Perspektiven, auch für Handwerksberufe. Der Verlag Holzmann Medien, in dem die Deutsche Handwerks Zeitung erscheint, unterstützt die Stiftung Lesen und ruft zur Teilnahme am bundesweiten Vorlesetag auf.
Bei dieser Initiative der Stiftung Lesen, der Deutschen Bahn Stiftung und der Wochenzeitung "Die Zeit" können Handwerksbetriebe mit einfachen Aktionen den Nachwuchs fördern, zum Beispiel durch:
- (Vor-)Lese-Box verschenken
- Vorleseaktionen organisieren
- Mitarbeiter einbinden
Weitere Ideen und Informationen zum Vorlesetag am 21. November: >> Lesekrise bei Kindern: Ihr Betrieb kann gegensteuern
Dieter Holstein hat an seiner Schule die beiden Projekte "Fachsprache Plus" und "Erfolg durch Fachsprache" begleitet, gefördert durch die Eberhard-Schöck-Stiftung und das Erasmus+Programm der EU. Das von ihm entwickelte Konzept hilft, fachsprachliche Defizite junger Auszubildender zu erkennen und durch gezielte Qualifizierungsmaßnahmen zu decken. Holstein zufolge unterscheidet sich der Bedarf stark zwischen Berufen wie Heizungstechnik und KFZ-Mechatronik oder IT und Elektrotechnik. In vielen Handwerksberufen sind nach wie vor überdurchschnittlich viele Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau – und mit den größten Schwierigkeiten. Nicht nur Zugewanderte haben Schwierigkeiten in den Basiskompetenzen, sondern auch muttersprachlich Deutsche mit niedriger Schulbildung.
Betriebe machen Abstriche bei Qualifizierung
Zwischenzeitlich habe so manches Unternehmen bei der Einstellung von Jugendlichen Zugeständnisse bei der schulischen Leistung und dem Sprachniveau gemacht und mehr Wert auf soziale Kompetenzen wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit gelegt, bemerkt Kielbassa-Schnepp. Stellt sich dann heraus, dass die Fähigkeiten nicht genügen, gibt es seit 2024 die Möglichkeit, den Ausbildungsvertrag vorzeitig zu lösen, eine Einstiegsqualifizierung oder einen Schulabschluss nachzuholen und die Ausbildung anschließend im selben Betrieb fortzusetzen. Erfahrungen in Betrieben zeigen, dass ein Sprachniveau von mindestens B1 nötig ist, damit die Auszubildenden den Anforderungen gerecht werden können.
In der beruflichen Bildung verfolgen die Akteure verschiedene Ansätze, um die Situation zu verbessern. Berufsschulen intensivieren die Diagnose von Sprachkompetenzen. Handwerksorganisationen und Betriebe bieten vermehrt Förderangebote an. Dabei muss jeder Betrieb für sich entscheiden, ob eine interne Förderung wie das gemeinsame Bearbeiten von Aufgaben, ausreicht oder ob er externe Hilfe hinzu holt (Infos s. Kasten). "Wir bemerken bereits, dass eine schlechte schulische Bildung eine Herausforderung in den Prüfungen ist, und befürchten, dass die Auswirkungen stärker werden", sagt Kielbassa-Schnepp.
Hilfen für Betriebe und ihre Auszubildenden
Eine gezielte und individuelle Förderung können Betriebe im Berufsalltag oft nicht selbst leisten. Mit diesen Hilfen vom Bund und der Bundesagentur für Arbeit können Betriebe solche Auszubildenden unterstützen, die sich in der Schule schwertun:
- Assistierte Ausbildung (AsA) der Bundesagentur für Arbeit: Betriebe, die Sprachschwierigkeiten bei Auszubildenden feststellen, können externe Hilfe suchen, beispielsweise über die assistierte Ausbildung, einem Förderinstrument für Arbeitnehmer über die Bundesagentur für Arbeit. Sie wird von Trägern angeboten und kann ausbildungsbegleitend erfolgen, teilweise direkt an Berufsschulstandorten. Evaluationen durch die Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass Teilnehmende ihre Noten verbessern konnten.
- Berufsbezogene Deutschsprachförderung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Sie wird ausbildungsbegleitend angeboten. Die Betriebe können sich an Innungen oder Kammern wenden und nachfragen, ob in der Umgebung ein Berufssprachkurs des BAMF existiert. Im Jahr 2023 haben über 155.700 Personen an Berufssprachkursen teilgenommen, wovon über 2.000 Auszubildende von speziellen Kursen profitierten.
- VerAplus oder "Verbesserung von Ausbildungserfolgen" ist ein bundesweites Coachingprogramm des Senior Expert Service (SES), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Nach dem 1:1-Prinzip oder Tandem-Modell helfen ehrenamtliche Fachleute im Ruhestand jungen Menschen, denen die Ausbildung schwerfällt.