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Finanzielle Freiheit Jobausstieg meistern: Abfindungen klug nutzen

Restrukturierungsprogramme in Corona-Zeiten vernichten tausende Jobs, aber das hat nicht nur negative Seiten für Arbeitnehmer. Wer die Chance auf einen goldenen Handschlag nutzt und sein Vermögen strategisch strukturiert, kann finanzielle Freiheit gewinnen.

"Gefeuert" nach Jahrzehnten? Nicht wenigen Mitarbeitern kann dieses Schicksal in den nächsten Monaten drohen, nachdem ganze Branchen, wie Automobil, Luftfahrt oder Touristik, durch die Pandemie immer mehr unter Druck geraten. Wer geschickt verhandelt, kann sich aber eine Kündigung durch eine Abfindung versüßen lassen. Allerdings gilt es einiges zu beachten, damit ein zu schnell unterschriebener Aufhebungsvertrag oder hohe Steuern den Traum nicht zerplatzen lassen.

Abfindung: Strategisch vorgehen

"Die Höhe einer Abfindung ist in der Regel Verhandlungssache und kein Rechtsanspruch", erklärt Claus Walter, Vorsitzender der Geschäftsleitung Freiburger Vermögensmanagement. In den meisten Fällen muss der Arbeitgeber keinen finanziellen Ausgleich für den Jobverlust bieten. Aber um mögliche Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, sind Personalabteilungen oft gewillt, dieses Risiko für das Unternehmen durch eine einmalige Zahlung gegen Klageverzicht aus der Welt zu schaffen. Die Höhe ist im Normalfall weder nach oben noch nach unten in Stein gemeißelt. Eine grobe Orientierung bietet die Faustregel: Halber Bruttomonatslohn mal die Jahre des Beschäftigungsverhältnisses – also bei 6.000 Euro Gehalt und 20 Jahren wären das 50.000 Euro Abfindung, das kann jedoch je nach Branche sehr unterschiedlich sein.

Es spricht viel dafür, nicht die erstbeste gebotene Summe zu akzeptieren, sondern sich Rat bei einem Fachjuristen und beim Steuerberater für die Verhandlung einzuholen. Denn es gilt enge Fristen zu beachten, einen möglichen Anspruch auf Arbeitslosengeld nicht zu gefährden und bei der Gestaltung der Auszahlung das Finanzamt einzukalkulieren. Selbst wenn das alles geschafft ist, bleibt die Frage: Wohin mit dem Geld? "Zuallererst sollten die individuelle Vermögenssituation, die eigenen Pläne und das persönlich Chance-Risiko-Bedürfnis ermittelt werden", rät Vermögenverwalter Walter, "dann kann passend dazu ein strategischer Plan entwickelt werden." Eine ausgewogene Mischung verschiedener Anlageklassen, wie Aktien, Renten oder Edelmetalle, kann dann auch in Niedrigzinszeiten langfristig reale Erträge für ein Abfindungsdepot bringen.

Finanzielle Freiheit dank kluger Anlage

Ob das für einen frühzeiteigen Ruhestand ohne Einschränkungen des Lebensstandards reicht, hängt von der Gesamtsituation ab. "Wer eine Abfindungssumme aufteilt und klug anlegt, kann den Arbeitsplatzverlust zu einem gelungenen Jobausstieg machen", erklärt Ingo Fischer, Direktor Bayerische Vermögen aus München. Dabei gilt es, eine gute Balance zwischen schnell verfügbaren, sicheren Anlageformen und langfristig chancenreichen Investments zu wahren. Zudem ist es wichtig, die Vermögensstruktur im Blick zu behalten. Denn nach Jahren in einem gut dotierten Beschäftigungsverhältnis steht meist nicht nur die Abfindungssumme zur Verfügung.

Ansprüche aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge, angespartes Kapital sowie Immobilienbesitz gehören zu einer Gesamtbetrachtung dazu. "Stehen die Kinder auf eigenen finanziellen Beinen und sind längst von Daheim ausgezogen, kann es zum Beispiel auch eine Option sein, das selbstgenutzte Wohneigentum zu verkleinern", sagt Finanzfachmann Fischer. Eine pflegeleichte Wohnung ohne großen Garten kann im Ruhestand für manchen mehr Freiheit bieten als ein zu groß gewordenes Einfamilienhaus. Wenn eine Abfindung den frühzeitigen Ausstieg aus dem Job möglich macht, beginnt ein neuer Lebensabschnitt – eine gute Gelegenheit, die persönliche Vermögensstruktur anzupassen.

Musterfall für ein Abfindungsdepot

Ein langjährig angestellter Handwerksmeister (61 Jahre) wird im Rahmen eines Umstrukturierungsprogramms eine Abfindung in Höhe von 30.000 Euro nach Steuern bezahlt und er verabschiedet sich in den Ruhestand. Der Familienvater hat eine erwachsene Tochter, die nicht mehr daheim lebt und keine Unterstützung benötigt. Er und seine Frau leben in einem geerbten, mit viel Eigenleistung umgebauten, schuldenfreien Einfamilienhaus mit großem Grundstück im Wert von 570.000 Euro. Die Leistungen aus gesetzlicher Rente und privater Vorsorge will das Ehepaar für einen entspannten Ruhestand mit 1.250 Euro monatlich aufstocken. Angenommen das Ehepaar verkauft das für zwei Personen zu große Haus, um eine kleinere, pflegeleichte und altersgerechte Eigentumswohnung für 350.000 Euro zu erwerben. Das freie Kapital plus die Abfindungssumme teilen sie auf: Ein Viertel bleibt als kurzfristig verfügbares, aber nicht verzinstes Geld auf dem Giro, 25 Prozent werden in etwas länger orientierte Anleiheninvestments positioniert und die Hälfte langfristig in Aktien investiert:

  • Bargeld, Girokonto, Tages- und Festgeld: 62.500 Euro, 25 Prozent
  • Aktien/Aktienfonds: 125.000 Euro, 50 Prozent
  • Rentenfonds/Anleihen: 62.500 Euro, 25 Prozent

Entwickeln sich die Märkte ähnlich wie in der Vergangenheit (Giro 0,0 Prozent p.a./Anleihen 2,0 Prozent/Aktien 7,7 Prozent p.a.) würde diese Umstrukturierung finanzielle Freiheit bis weit über die statistische Lebenserwartung bedeuten. Unter folgendem Link kann individuell berechnet werden, in welchem Alter finanzielle Freiheit mit welcher Sparanstrengung erreicht werden kann und wie sich die Vermögensaufteilung hierauf auswirkt: https://www.v-check.de/content/finanzielle-freiheit.

Interview: "Abfindung vor Inflation und Negativzinsen schützen"

Ingo Fischer, Direktor Bayerische Vermögen AG aus München, erklärt, worauf geachtet werden muss, wenn große Summen den Jobausstieg ermöglichen sollen und wie die Balance zwischen Flexibilität, Sicherheit und Rendite gelingt.

DHZ: Was ist momentan ein typischer Abfindungsfall aus Ihrer Praxis?

Fischer: Zum Beispiel ein leitender Angestellter Ende 50 aus der Automobilbranche, dem im Zuge von betrieblichen Umstrukturierungen eine Abfindungslösung in Höhe von 150.000 Euro angeboten wird. Er unterschreibt einen Aufhebungsvertrag zum Jahresende und steht jetzt vor der Herausforderung, dass das Geld die nächsten Jahre den Verdienstausfall ausgleichen und zur Ruhestandsvorsorge beitragen soll.

DHZ: Was ist dabei die größte Herausforderung?

Fischer: Im Prinzip hätten Kunden immer gerne das magische Dreieck: Absolute Sicherheit, größtmögliche Flexibilität und hohe Rendite. Aber auf dem heutigen Niedrigzinsniveau ist alles auf einmal nicht mehr so leicht erfüllbar. Deswegen empfehlen wir den Teil der Abfindung, der in den nächsten zwei bis drei Jahren entnommen werden soll, kurzfristig verfügbar und schwankungsfrei anzulegen, auch wenn dafür auf Rendite verzichtet werden muss. Zusätzlich sollte man sich zur Sicherheit einen Notgroschen von zwei bis drei Nettogehältern zur Seite legen. Nur was darüber hinausgeht, kann mit längerer Perspektive chancenorientierter platziert werden.

DHZ: Warum die Abfindungssumme nicht gleich ganz auf dem Girokonto liegen lassen?

Fischer: Je länger die Nullzinsphase dauert, desto größer wird der Druck für Banken und Sparkassen den Kostendruck auch an Privatkunden weiterzugeben. Immer mehr Institute werden Negativzinsen für größere Guthaben einführen. Und es gibt noch ein zweites Gegenargument: Durch die Corona-Hilfen steigt die Staatsverschuldung und damit auch die Inflationsgefahr. Das heißt, das Geld auf dem Giro wird sowohl von Negativzinsen als auch Kaufkraftverlusten bedroht.

DHZ: Wie lässt sich die Gefahr von Inflation und Negativzinsen vermeiden?

Fischer: Letztendlich nur durch eine Anlage des erst in drei oder mehr Jahren benötigten Teils der Abfindung am Kapitalmarkt. Wir legen dabei besonderen Wert auf eine Kombination voneinander möglichst unabhängiger Anlagen, um Risiken durch Diversifikation zu reduzieren. Das heißt, wir investieren, sowohl in Aktien als auch Anleihen sowie Rohstoffe. Innerhalb der Assetklassen achten wir auf eine breite Streuung verschiedener Regionen, Branchen und Währungsräume, sowie ein zum Kunden passendes Chance-Risiko-Profil des ganzen Depots.

DHZ: Welcher Fehler sollte bei einem Abfindungsdepot vermieden werden?

Fischer: Es ist individuell ganz unterschiedlich, mit welchen Schwankungen Anleger leben können. Deswegen ist es sehr wichtig, nicht nur auf mögliche Rendite, sondern immer auch auf die Schwankungsrisiken zu schauen. Ein Beispiel: Wer bei einem Kurssturz wie durch Corona im März in Panik gerät, verkauft dann oft am Tiefpunkt. So bringen einem die langfristig guten Chancen von Aktien wenig und es macht mehr Sinn, dann auf mögliche Rendite der Abfindung zu verzichten und sicherheitsorientierter vorzugehen.

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