Jetzt Schweinegrippe-Impfung?

Jetzt Schweinegrippe-Impfung?

PRO: Professor Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Marburg:

Das Risiko einer Schweinegrippe-Impfung ist meiner Ansicht nach sehr gering. Wenn heute von negativen Nebenwirkungen gesprochen wird, dann gilt das vor allem für die Einstichstelle. Hier wird es länger zu etwas schmerzhaften Schwellungen kommen. Dies gilt insbesondere, wenn Impfstoffe mit Wirkverstärkern benutzt werden. Das ist aber auch alles. Das Risiko, das man eingeht, wenn man sich nicht impfen lässt, ist indessen größer.

Dies gilt insbesondere für Risikopatienten, die etwa an einer Herz-Kreislauf-Krankheit, Lungenerkrankungen, an Zucker oder starkem Übergewicht leiden und durch sie schon geschwächt und anfälliger sind.

Aber auch Gesunde sollten vor einer Schweingrippe-Impfung nicht zurückschrecken. Dies gilt vor allem dann, wenn sie häufigen Kontakt mit Menschen haben. Dadurch erhöht sich nicht nur ihr eigenes Ansteckungsrisiko, auch sie selbst können vermehrt zum Risiko werden. Und nicht nur das: Wenn in einem Betrieb die halbe Belegschaft betroffen ist, kann dies auch Auswirkungen auf den Betriebsablauf haben oder gar bis zum Betriebsstillstand führen.

Selbst wenn wenige, die die Schweinegrippe bekommen, lebensgefährlich erkranken und die Krankheit gewöhnlich schon nach ein oder zwei Wochen überstanden ist, ergibt sich noch ein weiteres Risiko. Je mehr Erreger im Umlauf sind, je mehr Viren auf andere Viren stoßen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus dem bisherigen Schweinegrippe-Virus ein deutlich aggressiveres Virus entwickeln kann.

Auch oder gerade deshalb macht die Impfung Sinn.

CONTRA: Wolfgang Becker-Brüser, Arzt und Apotheker, Herausgeber des Informationsdienstes für Ärzte und Apotheker "arznei-telegramm":

Die Diskussion um die Schweinegrippe-Impfung wird emotionaler, seit in den Medien Tote gezählt werden, die in Deutschland an Schweinegrippe gestorben sein sollen. Insgesamt verläuft die Schweinegrippe aber milde, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass hierzulande jährlich 5.000 bis 12.000 Menschen an der "normalen" Wintergrippe sterben sollen.

Die Zahl der Erkrankungen an Schweinegrippe wird im Winter zunehmen. Es gibt aber seit Monaten keine Anzeichen dafür, dass die Infektion aggressiver wird. So kommt aus Ländern der südlichen Halbkugel wie Australien und Neuseeland, wo die Schweinegrippe bereits mit der Wintergrippe zusammengefallen ist, die Botschaft: Nur keine Panik. Es gab dort sogar weniger Tote als in den Vorjahren.

Der jetzt für die Massenimpfung verwendete wirkverstärkerhaltige Impfstoff Pandemrix ist sehr schlecht verträglich: Die Nebenwirkung Schüttelfrost ist z.B. mit 20 Prozent fünffach häufiger als bei einem Vergleichsimpfstoff ohne Wirkverstärker. Unbekannt ist das Ausmaß seltener schwerer und lebensbedrohlicher Nebenwirkungen. Pandemrix ist unzureichend erprobt: Für Schwangere, Kinder und chronisch Kranke gibt es keine oder nur unzureichende Daten.

Auf solcher Basis kann eine Massenimpfung mit Pandemrix nicht empfohlen werden. Da sind die jetzt – viel zu spät – bestellten 150.000 Impfdosen mit einem besser verträglichen Impfstoff ohne Wirkverstärker, der für Schwangere gedacht ist, viel zu wenig. Dieser Impfstoff wäre das Mittel der Wahl für alle Bundesbürger, die sich impfen lassen wollen.