Viele Handwerksbetriebe spüren sie schon: Fachkräfte-Engpässe. Warum sie aber nicht das Ende der Geschichte sind, erläutert Jörg Thomä, Forscher am Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk in Göttingen im DHZ-Interview.
Mirabell Schmidt

DHZ: Herr Thomä, Sie haben einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel: "Fachkräftemangel – Mythos oder Realität?" Wie ist die Lage im Handwerk?
Jörg Th omä: Als Volkswirt scheue ich das Wort Fachkräftemangel. Ich spreche eher von Fachkräfte-Engpässen. Das Handwerk ist davon im Vergleich zum Handel oder zur Industrie
relativ stark betroffen.
DHZ: Warum ist das so?
Th omä: Das Handwerk hat seit jeher eher eine schwache Position im Arbeitsmarkt. Es wird als weniger attraktiv wahrgenommen. In den vergangenen 50 Jahren konnten die Betriebe das kompensieren, indem sie verstärkt ausgebildet haben. Daher haben sie demografische Veränderungen auch immer früher als andere gespürt. Nun aber ist der Ausbildungsmarkt defizitär.
Betriebe haben noch Spielraum
DHZ: Kann darin auch eine Chance liegen, frühzeitig zu reagieren?
Th omä: Es geht jetzt um die Sensibilisierung der Betriebe. Es gibt noch viel Spielraum. Aus ökonomischer Sicht herrscht erst Fachkräftemangel, wenn es dauerhaft Engpässe gibt, alle Rekrutierungsmöglichkeiten aber ausgeschöpft sind.
DHZ: Das Handwerk muss sich anders aufstellen?
Th omä: Sicherlich. Die Imagekampagne leistet dazu bereits einen wichtigen Beitrag. Das Handwerk muss sich im Wettbewerb um Fachkräfte besser verkaufen. Es braucht neue Personalstrategien.
DHZ: Welche Rolle spielt der Akademisierungstrend?
Th omä: Das muss man auf zwei Ebenen betrachten. Zum einen ist es ein gesamtgesellschaftlicher Trend, bei dem die duale Ausbildung gefährdet ist, ins Hintertreffen zu gelangen. Doch auch innerhalb des dualen Systems steht das Handwerk vergleichsweise schlecht da. Das verursacht eine doppelte Betroffenheit.
Systeme besser verknüpfen
DHZ: Was also tun?
Th omä: Beide Systeme müssen besser verknüpft und durchlässiger werden. Da ist man inzwischen dabei. Das Handwerk muss aber noch offensiver dabei vorgehen, Studienabbrecher zu rekrutieren. Das ist eine große Herausforderung, doch es bleibt nichts anderes übrig.
DHZ: Viele Arbeitskräfte wandern in die Industrie ab ...
Th omä: Der finanzielle Spielraum ist gerade für kleine Betriebe gering, doch über kurz oder lang müssen sie sich die Frage stellen, in welchen Bereichen es möglich ist, mehr Lohn zu zahlen. Das Handwerk hat aber viele nicht monetäre Vorteile, vor allem emotionale Faktoren, die noch besser kommuniziert werden müssen.
"Fachkräfte-Engpässe sind behebbar"
DHZ: Sie schreiben: Der Markt passt sich langfristig dem Arbeitskräfteangebot an. Wird die Wirtschaftsleistung in Deutschland schrumpfen?
Th omä: Eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums ist zu erwarten. Es wird aber oft nicht beachtet, dass die Unternehmen auf den Rückgang des Arbeitskräfteangebots reagieren und sich aus demografischem Wandel nicht automatisch Fachkräftemangel ergibt. Die Frage für das Handwerk ist nun: Wie gut schafft man es, sich zu positionieren?
DHZ: Wie geht es künftig also weiter?
Th omä: Wenn es so weitergeht wie bisher, werden sich die Engpässe im Handwerk zunächst weiter verschärfen. Das ist aber nicht das Ende der Geschichte. Fachkräfteengpässe sind behebbar, es geht jetzt um Reaktion. Ob Fachkräftemangel im Handwerk letztendlich ein Mythos ist oder Realität wird, ist noch nicht beantwortet.