Betriebliche Gesundheitsvorsorge wird im Handwerk oft vernachlässigt. Dabei sind viele Maßnahmen nicht nur effektiv, sondern auch oft kostengünstiger als vermutet
Von Sabine Hildebrandt-Woeckel
Jede Menge Nachholbedarf
Angefangen hat es eigentlich eher nebenbei. Im Rahmen der ISO-Zertifizierung brauchte die Schreinerei Daxenberger 2003 eine Erste-Hilfe-Nachschulung und wandte sich an die AOK. Ein Gesundheitsberater kam in den Betrieb, verschaffte sich einen Überblick und bot gleich weitere Schulungen an. „Seitdem“, erzählt Heidi Daxenberger, „finden bei uns immer wieder Gesundheitsmaßnahmen statt.“ Mal lernen die 65 Mitarbeiter, wie Hebetätigkeiten richtig verrichtet werden, ein anderes Mal steht Rückenschule auf dem Programm.
Kleinbetriebe sind Ausnahme
Inzwischen, erläutert Daxenberger, gehören diese Maßnahmen ganz selbstverständlich in den Betriebsalltag. Mal in der Freizeit, mal während der Arbeitszeit, aber regelmäßig beschäftigen sich die Beschäftigten damit, wie sie trotz schwerer Belastungen gesund bleiben können. Gleichzeitig werden auch die Arbeitsabläufe und die technische Ausstattung immer wieder überprüft. Doch damit, stellt Werner Winter, Berater für betriebliches Gesundheitsmanagement bei der AOK Bayern, klar, gehört der in Seeon ansässige Familienbetrieb noch eher zu den Ausnahmen.
Schon allgemein gilt, dass kleine und mittelständische Betriebe großen Nachholbedarf im betrieblichen Gesundheitsmanagement haben. Das Handwerk bildet das Schlusslicht, wie im vergangenen Jahr eine Untersuchung von Skolamed zeigte. Der in Königswinter ansässige Gesundheitsdienstleister analysierte Unternehmen ganz unterschiedlicher Größe. Vorn lagen Energieversorger und Banken, hinten Handel und Handwerk.
Viele Betriebsinhaber, weiß AOK-Experte Winter, machen sich einfach nicht klar, welchen wirtschaftlichen Stellenwert das betriebliche Gesundheitsmanagement „heute schon hat und in Zukunft verstärkt haben wird“. Nicht nur die psychische Belastung vieler Arbeitnehmer steigt, auch die demografische Entwicklung schlägt verstärkt zu Buche. Weil junge Fachkräfte nicht in genügender Zahl nachkommen, werden zukünftig auch schwerste Arbeiten bei älteren Kollegen hängen bleiben. Ohne systematische Vorsorge ist dies bei so belastenden Tätigkeiten, wie sie beispielsweise Friseure, Dachdecker, Gerüst- oder Straßenbauer ausüben, aber gar nicht umsetzbar. Oft, so Winters Praxiserfahrung, liegt es allerdings gar nicht am grundsätzlichen Unwillen der Betriebsinhaber, sondern an der Angst vor hohen Kosten und vor allem an massiv vorhandenen Informationsdefiziten. „Die wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen.“ Dabei ist das mittlerweile gar nicht mehr so schwer. Fast alle Krankenkassen beschäftigen eigene Gesundheitsberater. Daneben vermitteln auch die Berufsgenossenschaften, die Ämter für Arbeitsschutz und die Handwerkskammern geeignete Experten. Und zusätzlich gibt es private Dienstleister wie Skolamed oder die IAS-Stiftung, die sich des Themas annehmen.
Staat fördert Investitionen
Bislang, erläutert Marion Möcke, bei IAS für das Geschäftsfeld KMU zuständig, kommen zwar noch wenige Anfragen aus dem Handwerk. Die passenden Screeningwerkzeuge, mit denen sich eruieren lässt, wie hoch das Gesundheitsrisiko in einem bestimmten Betrieb ist, sind jedoch längst bei allen Anbietern vorhanden.
Und auch die Kosten sind in der Regel nicht so unüberschaubar, wie viele Betriebsinhaber befürchten. Zum einen unterstützt der Staat Investitionen in die Gesundheit der Mitarbeiter. 500 Euro pro Jahr und Beschäftigten können steuerlich abgesetzt werden. Zum anderen werden viele Schulungsmaßnahmen sogar von den Kassen direkt übernommen. Voraussetzung ist nur, dass sie gewisse Qualitätsstandards erfüllen und im GKV-Leitfaden gelistet sind. Und: Dass sie im Vorfeld abgestimmt werden. Immer wieder, erläutert Rainer Bleek, Leiter des Zentrums für Gesundheitsförderung bei der Vereinigten IKK, erlebe er, dass Betriebe zunächst eigenständig Maßnahmen anleiern und dann die Kostenübernahme anfragen. „Das geht jedoch nicht.“
Denn entscheidend für den Erfolg, so Bleek weiter, ist es, dass alle Maßnahmen aufeinander abgestimmt sind und dass sie speziell auf den betroffenen Betrieb zugeschnitten werden. Das bedeutet: Am Anfang muss immer eine Analyse der Istsituation stehen. Und: Diese muss vor Ort erfolgen und alle einbeziehen (siehe auch Kasten: „So gehen Sie vor“). Später sollte der Prozess weiter begleitet werden. Die Vereinigte IKK belohnt kontinuierliches Gesundheitsmanagement mit einem Bonus. Andere Kassen arbeiten ähnlich.
Entscheidend außerdem: Alle Bereiche müssen auf den Prüfstand. Tendenziell, weiß Bleek, neigen Betriebsinhaber dazu, sich sehr schnell auf die Mitarbeiter und allein auf verhaltenspräventive Maßnahmen zu konzentrieren. Doch alleine dadurch, den Beschäftigten bessere Hebe- und Tragetechniken beizubringen, ist das Problem noch nicht gelöst. Mindestens ebenso wichtig ist es auch, die technische Ausstattung anzupassen, die Arbeitsabläufe gesamt und die Kommunikationsstrukturen zu überprüfen. Gleich mehrere Studien haben gezeigt, dass Veränderungen am nachhaltigsten sind, je mehr Aspekte berücksichtigt wurden.
Wobei auch dies nicht mit exorbitanten Kosten verbunden sein muss. Oft sind kleine Veränderungen, die aber dennoch große Entlastungen bringen, beispielsweise die Lagerung von Maschinen auf fahrbaren Wägen oder die Erhöhung von Arbeitstischen.
Der Chef ist Vorbild
Am wichtigsten, so noch einmal Marion Möcke von IAS, sei es jedoch, dass der Betriebsinhaber selbst in die Veränderungen einbezogen und von den positiven Auswirkungen überzeugt sei. Wobei das eine oft das andere bedingt. „Achtet ein Chef auf die eigene Gesundheit, hat er nicht nur eine Vorbildfunktion, er erlebt auch selbst die positiven Auswirkungen und ist leichter bereit, in Gesundheitsvorsorge zu investieren.“
Auch in der Schreinerei Daxenberger hat man dies längst erkannt. Nicht nur, dass die Chefs selbst an allen Maßnahmen teilnehmen. In ein paar Wochen wird es zum ersten Mal eine Präventionsmaßnahme allein für die Führungsebene geben. Ein Ganztagesseminar zur Vorbeugung des Burn-out-Syndroms. „Nicht, dass das im Moment ein Problem bei uns wäre“, sagt Heidi Daxenberger, „aber es soll eben auch keines werden.“