Selbstverwaltung Jede dritte Innung hat aufgegeben

Seit 1996 ist die Zahl der Innungen um 35 Prozent zurückgegangen. Eine neue Studie zeigt: Alle Gewerke sind betroffen. Was bedeutet das für Tarifverträge und Arbeitsbedingungen?

Die Innungen schrumpfen dramatisch. Gleichzeitig sinken die Mitgliederzahlen. Eine Studie zeigt, warum das die Tarifbindung gefährdet. - © Ralf Kalytta/stock.adobe.com

Innungen sind ein wichtiger Pfeiler der Handwerksorganisation. Doch ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. "Dabei sind alle Gewerbegruppen vom Rückgang betroffen", erklärte Prof. Detlef Sack von der Bergischen Universität Wuppertal jüngst bei Vorstellung der Studie "Innungen im Wandel" im Haus des Handwerks in Berlin. Insgesamt sei die Zahl der Innungen zwischen 1996 und 2024 von 6.674 auf 4.311 geschrumpft. Ein Rückgang von 35 Prozent.

Gegenmaßnahmen vor Ort finden

Für Stefan Körzell, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), müssen diese Zahlen Ansporn sein. "Es ist wichtig, dass wir nicht den Kopf in den Sand stecken", sagte er. Auch Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Unternehmerverbands Deutsches Handwerk (UDH), weiß um die Bedeutung der Selbstverwaltung vor Ort. Allerdings müssten die Antworten darauf in den einzelnen Regionen und Gewerken gefunden werden und dürften nicht von oben verordnet werden. "Es gibt nicht die eine Antwort, es gibt viele Antworten", sagte er.

Studienbasis: Interviews mit Haupt- und Ehrenamtlichen

Als "Ausweis gelebter Sozialpartnerschaft" bezeichnete er die Unterstützung der Studie durch die Handwerksorganisation. Befragt wurden in der Studie etwas mehr als 1.000 Haupt- und Ehrenamtliche im Handwerk. Interviewt wurden außerdem rund 100 Vertreter der Handwerksorganisation und der Gewerkschaften in der Zeit von 2021 bis 2024.

Einzelne Regionen und Gewerke unterschiedlich betroffen 

Wie die Studienergebnisse zeigen, betrifft der Schwund sowohl Ost- wie Westdeutschland und dort insbesondere große Flächenländer wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen, in denen es historisch besonders viele Innungen gab. Auch sind einzelne Gewerke unterschiedlich betroffen. Besonders stark war der Rückgang bei den Bekleidungs-, Textil- und Lederhandwerken mit einem Minus von 72 Prozent und bei den Nahrungsmittelhandwerken mit einem Minus von 49 Prozent.

Weniger Mitgliedsbetriebe in Innungen

Aber auch dort, wo es wirtschaftlich gut läuft, gehe die Zahl der Innungen zurück, erklärte Sack mit Blick auf das Elektro- und Metallhandwerk (-15 Prozent) und die Bau- und Ausbauhandwerke (-24 Prozent). Nicht untersucht wurde, inwieweit sich hinter dem Minus auch Fusionen verbergen. Sicher ist dagegen, dass auch die Zahl der Mitgliedsbetriebe sinkt. "Dies trifft die Innungen und ihre Möglichkeit, ihre Aufgaben zu erfüllen noch fundamentaler", heißt es in der Studie.

DGB-Vorstand Körzell: Tarifbeziehungen betroffen

Für Stefan Körzell, im DGB-Vorstand auch für Handwerkspolitik zuständig, geht es dabei insbesondere um die Frage der Arbeits- und Tarifbeziehungen auf lokaler und regionaler Ebene. "Denn die handelt man am besten unter sich aus", sagte er. Die Politik sei von den jeweiligen Lebensbezügen oft sehr weit entfernt.

Weniger aktives Engagement im Ehrenamt

Der Schwund der Innungen macht auch den Haupt- und Ehrenamtlichen im Handwerk Sorgen. Als "besonders große Herausforderung" wird von den aktiven Organisationsmitgliedern die Entwicklung der Mitgliederzahlen beschrieben. Dies gilt umso mehr, da auch unter den Mitgliedsunternehmen die Bereitschaft zum aktiven Engagement im Ehrenamt zurückgeht.

Für Innungen wird es so immer schwerer, ihre gesetzlichen Aufgaben wie der Interessenvertretung gegenüber der lokalen Politik und den Behörden, der Berufsbildung, den Dienstleistungen für Mitglieder oder eben der Gestaltung der Arbeits- und Tarifbeziehung nachzukommen.

Rückkoppelung in der Fläche wird schwerer

Darüber hinaus zeigt die Studie, dass die wachsende Zahl von Soloselbständigen und großer Betriebseinheiten die Bereitschaft zur Gestaltung von Arbeits- und Tarifbeziehungen sinken lässt. Dies gilt umso mehr, da das Interesse der aktiven Mitglieder vor Ort oft stärker anderen Themen gilt und Tarifverhandlungen auf Landes- und Bundesebene organisiert werden. Damit wird nach Auffassung des DGB auch die Rückkoppelung bei arbeits- und tarifpolitischen Themen in der Fläche schwieriger.

Wie wichtig die Rückkoppelung vor Ort ist, betonte auch Mergime Berisha, Rechtsanwältin in der Bundesinnung Gerüstbau. Sie verwies auf die guten Erfahrungen der Bundesinnung mit ihren Landesbevollmächtigten.