Auf der Suche nach einem neuen Ordnungsgerüst
Von Lothar Semper
Jahr der Paradigmenwechsel
Das Jahr 2008 wird wohl für die Chronisten als sehr denkwürdiges Jahr in die Geschichte eingehen. Denn selten wurde so viel in Frage gestellt und über den Haufen geworfen, was bisher als unverrückbar galt. Wer hätte sich Anfang des Jahres vorstellen können, dass namhafte Banken und sogar Staaten pleitegehen können oder dass Firmen von Weltrang nach dem Staat, der sich bis dahin möglichst wenig bemerkbar machen sollte, als Retter rufen?
Sachverständigenrat ruft
nach dem Staat
Gleiches gilt auch für so hehre Institutionen wie den Sachverständigenrat. Über Jahre und Jahrzehnte hatte er einen Rückzug des Staates gefordert und kritisiert jetzt, die Bundesregierung sei bei ihrem Konjunkturprogramm zu halbherzig. Kaum vorstellbar war zu Jahresbeginn auch, dass der Ölpreis mit über 150 Dollar pro Barrel nie gekannte Höhen erreichen würde, um dann in jähem Absturz in kurzer Zeit wieder um gut 100 Dollar zu fallen.
In Bayern schließlich brauchte die CSU nach der Landtagswahl einen Koalitionspartner. All dies sind Entwicklungen, die vor Jahresfrist kaum jemand erwartet hatte.
Und die Aufzählung ist gewiss nicht vollständig. Über all diesen Geschehnissen ist vielleicht ein Jubiläum zu kurz gekommen. Die soziale Marktwirtschaft wurde 60 Jahre alt. Wer sich damit näher befasst, wird vielleicht auch einige Erklärungen finden, weshalb vor allem die ökonomische Welt so aus den Fugen geraten ist. Ein funktionierender Wettbewerb und die Eigenverantwortung der Staatsbürger waren für Ludwig Erhard Schlüsselgrößen. Gegen beides wurde gerade im Zusammenhang mit der Finanzkrise massiv verstoßen. Wettbewerb bedingt Transparenz. Und vor allem diese war beispielsweise bei all den verwinkelten Finanzprodukten, die in den letzten Jahren konstruiert wurden, nicht mehr gegeben. Auch versagte dabei der notwendige staatliche Ordnungsrahmen. Nicht minder tragisch scheint das Versagen des gesunden Menschenverstandes, den wohl manche an der Garderobe des globalen Finanzcasinos abgegeben hatten.
Plötzlich musste der schon fast ein schlechtes Gewissen haben, der nicht mindestens eine Rendite von 25 Prozent erzielen konnte. Eines scheint jetzt dringend nötig, dass nämlich alle sich wieder auf dem Boden der Tatsachen einfinden. Nur dann wird es möglich sein, auf der Basis solider Ordnungsprinzipien wieder nach oben zu kommen. Dabei kann und darf nicht der Staat allein als Retter gesucht werden. Eigenverantwortung und ihre Stärkung sind gefragt – gerade jetzt!