Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich, hat sich gegen Staatshilfen für die Deutsche Bank ausgesprochen. Scharf kritisiert Fröhlich auch die Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie.
Karin Birk und Steffen Range

DHZ: Die Banken kommen derzeit nicht aus den Schlagzeilen. Braut sich da wieder eine Bankenkrise zusammen?
Fröhlich: Die Probleme sind überall sehr unterschiedlich. Natürlich leiden alle Häuser unter der derzeitigen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Aber jeder muss auf die Regulierungsherausforderungen und zur Digitalisierung ganz eigenen Antworten geben. Und natürlich ist jedes Institut selbst verantwortlich für die Risiken, die es in der Vergangenheit eingegangen ist. Das muss jede Bank für sich aus eigener Kraft lösen.
DHZ: Von Staatshilfen für die Deutsche Bank halten Sie also nichts?
Fröhlich: Ich sehe es wie der Vorstandschef der Deutschen Bank, John Cryan, dass die Deutsche Bank keine Staatshilfen in Anspruch nehmen sollte. Ich hoffe, dass die Deutsche Bank möglichst schnell wieder aus eigener Kraft auf die Beine kommt.
DHZ: Wenn so viele unter der Politik der Europäischen Zentralbank leiden, hätten Sie sich von EZB-Präsident Mario Draghi bei seinem jüngsten Besuch in Berlin mehr erwartet?
Fröhlich: Ich habe nicht erwartet, dass Herr Draghi von seiner Politik des billigen Geldes abweicht. Er will daran festhalten, bis er sein Ziel von knapp zwei Prozent Inflation im Euro-Raum erreicht hat. Und soweit ist er noch nicht. Sicherlich hat er auch die Wachstumsschwäche in Europa und die Schuldenlast insbesondere südeuropäischer Länder im Blick. Angesichts der großen Probleme in der Eurozone nimmt er billigend in Kauf, dass seine Geldpolitik für Deutschland eben nicht passt.
DHZ: Wie lange wird er die expansive Geldpolitik fortsetzen?
Fröhlich: Vermutlich noch lange. Sorgen macht mir dabei, dass die negativen Auswirkungen dieser Geldpolitik die positiven weit übersteigen. Schon jetzt sehen wir übertriebene Preisreaktionen auf Immobilien-, Rohstoff- oder auch Aktienmärkten. Deshalb fordern wir schon lange einen Ausstieg in kleinen Schritten.
DHZ: Wenn die niedrigen Zinsen noch eine Weile andauern, lohnt sich sparen dann überhaupt noch?
Fröhlich: Sparen ist notwendiger denn je. Das ist das Verrückte. Da der Zinseszinseffekt praktisch ausgesetzt ist, muss man eben nicht weniger, sondern mehr sparen.
DHZ: Gar nicht so leicht, wenn man daran denkt, dass etwa die Raiffeisenbank in Gmund am Tegernsee für Einlagen ab 100.000 Euro schon Negativzinsen verlangt und dies Schule machen könnte.
Fröhlich: In der aktuellen Situation glaube ich nicht, dass sich Negativzinsen im breiten Privatkundengeschäft durchsetzen lassen. Bei institutionellen Anlegern oder großen Firmenkunden sieht es hingegen anders aus. Sie bezahlen in vielen Fällen einen Negativzins von bis zu minus 0,4 Prozent. Das ist der Zinssatz, den die EZB von den jeweiligen Zentralinstituten verlangt.
DHZ: Angesichts des Ertragsdrucks haben einige Kreditinstitute schon die Gebühren für Girokonten erhöht. Wie sieht es bei Genossenschaftsbanken aus?
Fröhlich: Das ist auch immer eine Frage der jeweiligen Wettbewerbssituation. Aber es ist schon so, dass die kostenfreien Angebote Stück für Stück aus dem Markt genommen werden. Jeder Bankleiter vor Ort muss angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase und der schrumpfenden Zinsmargen seine Ertragskraft im Blick haben.
DHZ: Wo sehen Sie auf der Kostenseite Einsparpotenzial? Rechnen Sie mit weiteren Filialschließungen und Fusionen?
Fröhlich: Bei allen Bankengruppen sehen wir einen Umbruch im Kundenverhalten. Die Kunden kommen wegen der digitalen Möglichkeiten immer weniger in die Filiale. Jede unserer Banken wird deshalb neben der Verwaltung auch das Filialnetz genau unter die Lupe nehmen.
DHZ: Das Handwerk macht sich Sorgen, dass langjährige Geschäftsbeziehungen leiden könnten.
Fröhlich: Die Sorge teile ich nicht. Der Berater wird auch künftig ganz klar im Mittelpunkt der Kundenbeziehung stehen. Wir werden uns nicht aus der Fläche zurückziehen. Aber wir wollen jedem Kunden mehrere Zugangswege zur Bank anbieten: Über die Filiale, das Internet oder das Smartphone.
DHZ: Noch einmal: Wie viel Zentralisierung können sich die Genossen erlauben, ohne ihre Identität zu verlieren?
Fröhlich: Wir sind kein Konzern. Es gibt keine zentrale Botschaft, wie viele Institute oder Filialen für uns richtig sind. Das sind Entscheidungen, die vor Ort getroffen werden. Dieses Jahr wird die Zahl der Volksbanken und Raiffeisenbanken aufgrund von rund 50 Fusionen auf um die 1.000 zurückgehen. 2017 wird die Größenordnung der Fusionen ähnlich sein. Auch bei den Filialschließungen erwarten wir keine sich beschleunigende Entwicklung. Im vergangenen Jahr ist die Zahl um rund 500 auf 12.300 zurückgegangen. Das sind langfristig geplante Strukturmaßnahmen, die keinen Rückzug aus der Fläche bedeuten. Das würden weder die Kunden noch die Aufsichtsräte der Ortsbanken akzeptieren.
DHZ: Sie haben von Digitalisierung gesprochen. Inwiefern bedrohen neue Technologien das Geschäft?
Fröhlich: Ich sehe das nicht als Bedrohung. Ganz im Gegenteil. Ob Online-Plattformen für Kredite oder Zahlungsverkehrslösungen – wir prüfen die Ideen dieser jungen Unternehmen. Wir sind auch selbst innovativ, wenn es etwa um das Bezahlen im Internet geht. Letztlich glauben wir nicht, dass der Grad der Digitalisierung wettbewerbsentscheidend sein wird.
DHZ: Wir haben uns über die Auswirkungen der Niedrigzinspolitik für Banken und Sparer unterhalten. Was bedeutet sie für die Kreditnehmer? Bekommen Mittelständler jetzt wenigstens günstigere Kredite?
Fröhlich: Die Konditionen sind nicht nur aufgrund der Niedrigzinspolitik der EZB gefallen. Auch der stärkere Wettbewerb, der Drang aller Banken, Einlagen in Kredite umzusetzen, hat dazu geführt.
DHZ: Wie hat sich Ihr Geschäft entwickelt?
Fröhlich: Seit der Finanzkrise 2008 haben wir unsere Einlagen gesteigert, die Zahl unserer Mitglieder stieg auf mehr als 18 Millionen. Wir haben das Kreditvolumen zwischen vier und fünf Prozent im Jahr erhöht. Das gilt auch für das erste Halbjahr 2016, in dem wir über fünf Prozent gewachsen sind. Der Marktanteil bei den Krediten an Firmenkunden liegt per Juni 2016 bei 18,9 Prozent.
DHZ: Selbst wenn die Volks- und Raiffeisenbanken im Einlagen- und Kreditgeschäft insgesamt zulegen konnten, hat die eine oder andere Bank ihre Dividende schon auf 2,5 oder 3,0 Prozent gekürzt.
Fröhlich: Das stimmt. 2,5 oder 3,0 Prozent können aber sehr viel sein, wenn beim Tagesgeld oder Sparbuch die Rendite eher gegen Null tendieren. Ganz abgesehen davon, ist die Höhe der Dividende bei den einzelnen Genossenschaftsbanken ganz unterschiedlich und hängt von der Geschäftspolitik vor Ort ab.
DHZ: Für Kopfschütteln sorgen bei Bankmitarbeitern und Kunden die neuesten Bestimmungen für Immobilienfinanzierungen? Wird der Gesetzgeber hier bald etwas ändern?
Fröhlich: Das hoffe ich schwer. Wir sind in intensiven Gesprächen mit dem zuständigen Ministerium. Auch bei vielen Bundestagsabgeordneten ist die Problematik angekommen. Deutschland hat bei der Umsetzung der EU-Wohnungskreditrichtlinie in deutsches Recht überzogen. Nur ein Beispiel: Ältere Menschen, die ihr Haus altersgerecht umbauen wollen, bekommen praktisch keinen Kredit mehr. Die Befürchtungen, dass sie vor Ende der Laufzeit sterben überwiegt für den Gesetzgeber alles andere – auch den Wert der Immobilie selbst.
DHZ: Banken und Sparkassen klagen auch über andere Regulatorien aus Brüssel und anderswo. Brauchen wir mehr Ausnahmen für kleinere Finanzinstitute?
Fröhlich: Auf jeden Fall. Aber das ist ein mühsamer Kampf. Inzwischen kommen die Gesetze ja meist aus Brüssel. Man will dort die Risiken systemrelevanter Institute minimieren. Selten sind die Vorgaben so formuliert, dass sie auch auf kleine und mittlere Banken passen. Deshalb brauchen wir unbedingt mehr Entlastungen für kleinere Institute. Wir sind deshalb in intensiven Gesprächen mit den Verantwortlichen in Brüssel und auch auf Bundesebene. Darüber hinaus streitet Europa derzeit über ein weltweites Regelwerk für Banken – Stichwort Basel IV – mit den USA.
DHZ: Was steckt dahinter?
Fröhlich: Dabei geht es vor allem darum, wie viel Eigenkapital die Banken für bestimmte Geschäfte zur Seite legen müssen. Hier droht allen europäischen Banken eine Verschärfung der Kapitalanforderungen gegenüber den USA. Diese Benachteiligung europäischer Banken gegenüber US-Instituten wollen wir nicht hinnehmen und auch EU-Finanzmarktkommissar Valdis Dombrowskis will dies nicht. Auch hier ist der Unmut der Betroffenen groß.
Bank des Handwerks
Traditionell sind die Volksbanken und Raiffeisenbanken dem Handwerk eng verbunden. Ihr Marktanteil im Handwerk betrug im vergangenen Jahr knapp 17 Prozent. Die Betriebe wickeln ihren Zahlungsverkehr über Genossenschaftsbanken ab, legen dort ihr Geld an oder beziehen Kredite. Viele Betriebsinhaber engagieren sich in genossenschaftlichen Aufsichtsgremien. Nach Angaben des Genossenschaftsverbands hält der konjunkturelle Aufwärtstrend im Handwerk derzeit zwar an, die Investitionstätigkeit der Betriebe wird aber als zurückhaltend beschrieben. Zudem hat sich die Eigenkapitalausstattung auch im Handwerk in den zurückliegenden Jahren deutlich verbessert (siehe Grafik), sodass Investitionen verstärkt mit Eigenmitteln finanziert werden können.
Uwe Fröhlich ist seit dem Jahr 2008 Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Vor seiner Tätigkeit im genossenschaftlichen Bankensektor arbeitet der 56-Jährige unter anderem bei IBM und bei einer Unternehmensberatung. dhz