Der Puls des Handwerks schlägt in der Mitte der Gesellschaft. Und dazu gehören auch Migranten. Das Handwerk ist vorbildlich, was Integration angeht, schreibt die Buchautorin Hatice Akyün in einem Gastbeitrag für die Deutsche Handwerks Zeitung. Und will damit pünktlich zum Auftakt des NSU-Prozesses ein Zeichen gegen Nazi-Gewalt setzen.
Hatice Akyün
Handwerk ist praktisches Arbeiten mit Menschen für Menschen. Es gibt kaum einen besseren Ort dafür, wie sich gesellschaftliche Realitäten täglich miteinander auseinandersetzen. Wen wundert es da, dass in vielen Betrieben die Kinder Zugewanderter aus der beruflichen Praxis nicht mehr wegzudenken sind.
Puls schlägt in der Mitte der Gesellschaft
Das Handwerk lebt und überlebt, weil es den Puls direkt in der Mitte der Gesellschaft misst. Gerade die Handwerkskammern fordern seit Jahren eine bessere Bildung und eine zeitgemäße berufliche Bildung, um das Erfolgsmodell der dualen Ausbildung fortzuschreiben. Auch ich habe meinen Berufsweg in einer dualen Ausbildung begonnen – als Justizangestellte.
Der demografische Wandel verschärft den Wettbewerb um den Nachwuchs. Leistet sich heute unsere Gesellschaft noch, Jugendliche mit Qualifikationsdefiziten an den Rand zu stellen, wird es unausweichlich werden, in Zukunft niemanden mehr zurückzulassen. Ich kenne viele Beispiele engagierter Betriebe, die schon heute Außerordentliches leisten, damit junge Menschen wieder Anschluss finden. „Zuwanderung hat Perspektiven für alle.“
Gute Integration bedarf gemeinsamer Anstrengung
Aber um die Begabungsreserven zu heben – vor allem der Kinder von Migranten – bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung. Die Tendenz zu höheren Bildungsabschlüssen sollte für die sich wandelnden Handwerksberufe als Chance begriffen werden. Auch die erleichterte Anerkennung von im Ausland erworbenen Fähigkeiten stellt eine Herausforderung dar, bei der die Handwerksbetriebe durch die persönliche Bindung leichter eine Lösung finden können. Zuwanderung bietet Perspektiven für beide Seiten.
Eine Willkommenskultur und ein Umfeld, das zum Mitmachen ermutigt. Und eine ehrliche Perspektive zum Aufstieg. Das alles leistet heute schon das Handwerk und es gibt Beispiele, wie man Integration zum Gewinn für alle macht. Dass noch viel mehr geht, wird das Handwerk als Erstes beweisen. Weil es eben mit und für Menschen arbeitet.
Hatice Akyün ist freie Journalistin und Buchautorin aus Berlin mit anatolischen Wurzeln. Ihr Roman "Einmal Hans mit scharfer Soße" wird gerade für das Kino verfilmt.
