Führende Wirtschaftsinstitute erwarten für 2026 und 2027 angesichts milliardenhoher Staatsausgaben etwas mehr Dynamik. Für andauerndes Wachstum fordern sie echte Strukturreformen und präsentieren einen 12-Punkte-Plan.

Die deutsche Wirtschaft gewinnt nach Einschätzung der führenden deutschen Wirtschaftsinstitute in den kommenden zwei Jahren vor allem wegen staatlicher Milliarden-Investitionen an Schwung. So wird für 2026 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 1,3 Prozent und für 2027 von 1,4 Prozent gerechnet; nach 0,2 Prozent in diesem Jahr. "Aber eine breit angelegte Erholung ist nicht zu erwarten, denn grundlegende strukturelle Schwächen bleiben bestehen", warnte Geraldine Dany-Knedlik, Konjunkturexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Genau deshalb fordern die Institute die Regierung zu grundlegenden Strukturreformen auf.
Aufschwung von Binnenwirtschaft getragen
Der aktuelle Aufschwung unterscheidet sich nach den Worten Dany-Knedliks deutlich von früheren Aufschwungphasen. Kräftige Zuwächse bei Exporten blieben dieses Mal als Konjunkturtreiber aus, da die hohen US-Zölle und die Konkurrenz aus China der deutschen Exportindustrie zu schaffen machten. Vielmehr konzentriere sich der Aufschwung in den kommenden Jahren auf die Binnenwirtschaft; gestützt von der expansiven Finanzpolitik, sprich den Sondervermögen für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz. "Grundlegende standortstärkende Reformen stehen noch aus", warnte sie.
Institute: Grundlegende Wachstumsschwäche angehen
Mit Blick auf die Schwächen Deutschlands nannte die Ökonomin die hohen Lohnstück- und Energiekosten, einen andauernden Fachkräftemangel sowie eine weiter abnehmende Wettbewerbsfähigkeit. Sollten die nötigen Reformen nicht umgesetzt werden, verschlechtere sich die Wachstumsperspektive weiter. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks und viele andere Wirtschaftsverbände mahnen seit langem echte Strukturreformen an – angefangen bei den Sozialversicherungen über günstigere Energiekosten bis hin zu weniger Bürokratie.
12-Punkte-Plan für Reformen
Wie solche Reformschritte aussehen könnten, machen führende Wirtschaftsinstitute in einer Gemeinschaftsdiagnose deutlich. Zusammen haben sie einen 12-Punkte-Plan abgestimmt.
- So fordern sie, internationale Wirtschaftsbeziehungen zu stärken und etwa das Mercosur-Abkommen zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.
- Mit Blick auf den Klimaschutz betonen sie, dass sich globale Probleme nur global lösen ließen. Nationale Alleingänge sollten vermieden werden.
- Außerdem sollten internationale Lieferketten diversifiziert und Ressourcen möglichst wiederverwendet werden.
- Mit Blick auf die Sozialversicherungsbeiträge fordern sie deren Stabilisierung. Effizienzsteigerungen im Gesundheitssystem seien unerlässlich, heißt es.
- In der gesetzlichen Rentenversicherung gerate das Umlage-System durch die steigende Lebenserwartung immer mehr unter Druck. Deshalb sollten die Bestandsrenten langsamer zunehmen als die Nominallöhne. Richtig wäre es deshalb, den Nachhaltigkeitsfaktor zu erhalten. Schwarz-Rot will ihn für einige Jahre aussetzen. Außerdem sollten Arbeitsanreize etwa für Ältere gestärkt und das Transfersystem grundlegend entschlackt werden.
- Auch sollte die Politik nicht einzelne Unternehmen fördern, sondern die Standortbedingungen insgesamt verbessern. Dazu sollte die Bürokratie- und Abgabenlast für alle gesenkt werden.
- Bei der Energiewende sollte mehr auf Preissignale, sprich auf einen CO2-Preis, gesetzt werden.
- Auch müsse die Effizienz des Staates erhöht werden: Personal in der öffentlichen Verwaltung sollte reduziert und die Digitalisierung gestärkt werden.
Ökonomen gegen Steuererhöhungen
Mit Blick auf die drohenden Löcher im Haushalt 2027 sprechen sich die Ökonomen gegen Steuererhöhungen und für eine "Kürzung konsumtiver Staatsausgaben aus". Damit die ganze Volkswirtschaft produktiver wird, sollten Subventionen zum Erhalt nicht produktiver Unternehmen verringert und die Bedingungen für "Neugründungen und für das Wachstum kleiner und junger Unternehmen verbessert werden". Auch sollten die Verteidigungsausgaben mittelfristig wieder in den Kernhaushalt überführt werden, heißt es in der Gemeinschaftsdiagnose, die vom DIW Berlin, dem IfW Kiel, dem Ifo München, dem IWH in Halle und dem RWI in Essen erstellt wurde.
Debatten im "Herbst der Reformen" erwartet
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat mit Blick auf die wirtschaftliche Schwäche und die angespannte Lage in den Sozialversicherungen einen "Herbst der Reformen" angekündigt. Anpacken will die Regierung etwa eine Reform des Bürgergeldes, die zu Einsparungen führen soll. Mit Blick auf die anderen Sozialversicherungssysteme hat die Regierung Kommissionen eingesetzt. Deren Ergebnisse stehen noch aus. Die unterschiedlichen Vorstellungen von CDU/CSU und SPD zu diesen Fragen können noch zu heftigen Debatten führen.