Indikatoren frühzeitig erkennen Insolvenz verhindern: Betrieb rechtzeitig sanieren

Steigende Kosten bei sinkenden Gewinnen: Viele mittelständische Betriebe stecken in der Krise, die Zahl der Insolvenzen steigt rasant. Bei einer Unternehmenskrise hilft nur eine zügige und professionelle Sanierung, um eine Insolvenz zu vermeiden. Schon bei einem unguten Bauchgefühl lohnt es sich, sofort zu handeln.

Im Jahr 2024 sind die Insolvenzen im Vergleich zum Vorjahr um 23,1 Prozent gestiegen. - © Markus Bormann - stock.adobe.com

Im Februar musste Janis Wiskandt eine schwere Entscheidung treffen: Der Bäckermeister aus Pforzheim meldete für sein Unternehmen, die in dritter Generation geführte Bäckerei Wiskandt GmbH & Co. KG, Insolvenz an. Hohe Kosten für Energie und Rohstoffe sowie der Preisdruck durch die Konkurrenz seien der Grund für die wirtschaftliche Schieflage des Traditionsunternehmens mit seinen sieben Filialen, so Wiskandt. Die rund 60 Mitarbeiter bangen nun um ihre Jobs – ihre Löhne und Gehälter sind für die kommenden drei Monate über das Insolvenzgeld abgesichert.

Steigende Kosten, schrumpfende Gewinne

Die deutsche Wirtschaft steckt seit langem in der Krise. Mit einer Stagnation rechnen die Wirtschaftsforscher des Kiel Instituts für Weltwirtschaft für das laufende Jahr. Viele mittelständische Unternehmen trifft die anhaltende Flaute hart: Im vergangenen Jahr rutschten hierzulande 21.964 Unternehmen in die Insolvenz – ein Plus von 23,1 Prozent im Vorjahresvergleich, zeigt eine Analyse der Wirtschaftsauskunftei CRIF.

Die anhaltende Wachstumsschwäche belaste dabei zunehmend die Stabilität der Unternehmen, warnt Frank Schlein, Geschäftsführer von CRIF Deutschland. "Die Unternehmen in Deutschland sehen sich weiterhin mit erheblichen Problemen konfrontiert, darunter insbesondere hohe Energiekosten, Herausforderungen in der Lieferkette und geopolitische sowie politische Unsicherheiten." Die finanzielle Lage vieler Unternehmen werde zudem negativ durch gestiegene Produktionskosten, Auftragsmangel und höhere Personalausgaben beeinflusst, so Schlein, der für dieses Jahr mit weiter steigenden Insolvenzzahlen rechnet: Die aktuelle CRIF-Prognose liegt bei bis zu 26.000 Insolvenzen – das wäre eine nochmalige Steigerung um 18,4 Prozent.

Die konkreten Gründe für eine Unternehmenskrise können vielfältig sein. "Befindet sich ein Unternehmen in der Krise, hilft nur eine zügige und professionelle Sanierung, um eine Insolvenz zu vermeiden und das Unternehmen erfolgreich aus der Krise zu führen", sagt Martin Auer, Managing Partner der Unternehmensberatung "The Mak’ed Team" aus Karlsruhe, der schon viele mittelständische Unternehmen bei Sanierungsprojekten begleitet hat. Ziel einer Sanierung sei es zunächst, mit Sofortmaßnahmen das Unternehmen kurzfristig zu stabilisieren, so der Experte. "Langfristig stellt eine erfolgreiche Sanierung den Unternehmenserfolg sicher, indem die Ursachen und Auslöser der Krise nachhaltig beseitigt werden."

Faktor Zeit spielt entscheidende Rolle

Bei einer Sanierung spiele die Zeit eine entscheidende Rolle, erklärt Auer. "Je früher eine drohende Krise anhand von Frühwarnindikatoren erkannt wird, desto größer der Handlungsspielraum, um die Krise abzuwenden und desto besser die Erfolgsaussichten." Frühe Warnsignale könnten dabei etwa sinkende Umsätze oder Margen sein. Eine fortgeschrittene Krise in einer bereits kritischen Phase zeige sich typischerweise in Liquiditätsengpässen, die schnell in akute Liquiditätsprobleme münden, so der Unternehmensberater. "Es fehlt dann zumeist die Zeit, die akute Insolvenzgefahr zu bannen." Neben den zeitlichen Aspekten müssten für eine erfolgreiche Sanierung auch die finanziellen Voraussetzungen gegeben sein – hier muss das Unternehmen noch ein Mindestmaß an Anforderungen erfüllen, um die Liquidität zu sichern und die Sanierungsmaßnahmen zu finanzieren.

Wird Auer mit seinem Team in ein Unternehmen gerufen, das in einer Krise steckt, wird zunächst erörtert, in welchem Krisen-Stadium es sich befindet: "Auf der Zeitschiene bewegen sich die Krisen von der strategischen bis hin zur operativen Krise und von der Stakeholder- bis hin zur Liquiditätskrise", erläutert der Experte. Um eine Insolvenz zu vermeiden, sei schnelles, strategisches Handeln gefragt. Es gelte, ein Krisenmanagement im Unternehmen zu etablieren und ein passendes Sanierungskonzept professionell zu steuern, so Auer: "Das Sanierungskonzept analysiert die Krisenursachen und entwickelt Wege, diese zu beseitigen." Dies betreffe meist sämtliche Bereiche des Unternehmens.

Elementar bei allen Sanierungs- und Restrukturierungsmaßnahmen ist die richtige Kommunikation wichtig – sei es mit Gläubigern, Mitarbeitenden, Kunden oder anderen relevanten Personen. "Die Sanierungskommunikation ist ganz entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung des Sanierungskonzepts", betont Auer: "Nicht nur Zahlen, Daten, Fakten, sind relevant, auch vermeintlich weiche Faktoren zählen, um Menschen zu überzeugen, die Zugeständnisse machen sollen." Bei der Kommunikation brauche es viel Erfahrung, Takt- und Fingerspitzengefühl, um die Gesprächspartner auf dem Weg der Sanierung abzuholen und mitzunehmen. Dies sei vor allem auch in Familienunternehmen wichtig: "Hier stellen Sanierung und Restrukturierung ganz besondere Herausforderungen dar, da hier die Interessen der Familie und des Unternehmens in Einklang gebracht und das Familienvermögen gesichert werden sollen", erklärt Auer: "Hier kann es viele Emotionen und komplexe Konstellationen geben."

Präventiver Restrukturierungsrahmen hilft Krisen-Unternehmen

Hilfreich sein kann der sogenannte präventive Restrukturierungsrahmen, den es hierzulande seit 2021 gibt und der Unternehmen in Krisensituationen einige juristische Freiräume gegenüber den Gläubigern verschafft. "Insbesondere können Restrukturierungspläne mit den nötigen Sanierungsmaßnahmen ausgehandelt werden, über die die Gläubiger nach dem Mehrheitsprinzip abstimmen", sagt Alexandra Schluck-Amend, Leiterin des Geschäftsbereichs Restrukturierung & Insolvenz bei der Wirtschaftskanzlei CMS in Stuttgart. Ähnliche Vergleichsvereinbarungen waren zwar immer schon möglich, erforderten jedoch nach altem Recht die Zustimmung aller Beteiligten, was häufig zur Blockade des Vorhabens führte.

Im Gegensatz zu einer Insolvenz bleibt der Unternehmer bei einer präventiven Restrukturierung Herr des Verfahrens: Allein er ist berechtigt, eine außergerichtliche Restrukturierung in Eigenverwaltung zu beantragen, zudem werden ihm im Interesse einer Unternehmensfortführung und zu Lasten seiner Gläubiger weitreichende Schutzmaßnahmen eingeräumt. Auf diese Weise behält der Schuldner – anders als im Insolvenzrecht – grundsätzlich die Kontrolle über sein Unternehmen und dessen Vermögen. "Den Gläubigern wird die Entscheidung über die Annahme oder Ablehnung eines Restrukturierungsplans zugewiesen", betont CMS-Expertin Schluck-Amend: "Sie haben also großen Einfluss, müssen sich dafür aber mit den neuen Gegebenheiten auseinandersetzen, um ihre Interessen aktiv wahren zu können."

Fest steht: Je weiter fortgeschritten eine Krise ist, desto komplexer und schwieriger wird die Sanierung und Restrukturierung eines Unternehmens – wenn sie denn noch möglich ist. "Darum ist es wichtig, bei einem unguten Bauchgefühl sofort zu handeln und mit einem professionellen Blick von außen die Situation betrachten zu lassen", mahnt Unternehmensberater Auer. Hieraus gelte es dann, die richtigen Schlüsse zu ziehen – und wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen, um das Unternehmen zu retten. Auch der Pforzheimer Bäckermeister Janis Wiskandt hofft auf die Rettung seines Betriebs: Mit Hilfe des Insolvenzverwalters wolle man ein Konzept entwickeln, "mit dem unsere Bäckerei wieder auf ein stabiles Fundament gesetzt wird."