Viel Geld, keine Wirkung Teure Luftnummer: Sondervermögen frisst sich selbst auf

500 Milliarden Euro will der Bund in die Infrastruktur und Klimaneutralität stecken. Doch ohne ausreichend Bau-Fachkräfte und Planer drohen Verzögerungen, Preisexplosionen und leere Baustellen, wie aus einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervorgeht.

Ohne Planer, keine Pläne. Ohne Handwerker, kein Werkerfolg, - © picture alliance/dpa | Alex Talash

Das Sondervermögen "Infrastruktur und Klimaneutralität" (SVIK) umfasst 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre. Jährlich stehen damit rund 30 Milliarden Euro für Bauaufträge bereit. Im Fokus stehen Sanierungen von Brücken, Schulen und Schultoiletten sowie Investitionen in Schienen und Straßen. Damit diese Bauprojekte auf die Straße kommen, müssten die Vergabekapazitäten um knapp zwei Drittel steigen.

Doch schon heute fehlen fast 10.000 Experten in der Bauplanung und Bauüberwachung. Besonders Bauingenieure, Prüfstatiker und Bauleiter sind kaum zu finden. Aktuell können 81 Prozent der ausgeschriebenen Stellen mangels qualifizierter Arbeitskräfte nicht besetzt werden, wie die Studie zeigt.

Tiefbau als Engpass für Handwerksbetriebe

Der Tiefbau ist das Rückgrat der Infrastruktur und für Straßen, Schienen und Brücken unverzichtbar. Pro Jahr sollen aus dem Sondervermögen allein hier 18,8 Milliarden Euro fließen. Das entspricht einem nötigen Kapazitätsanstieg von fast 18 Prozent. Doch schon heute fehlen über 4.000 Tiefbau-Fachkräfte, vom Facharbeiter bis zum Ingenieur. Rechnerisch können mehr als 80 Prozent der offenen Stellen im Tiefbau nicht besetzt werden. Besonders kritisch ist der Gleisbau: Fast 70 Prozent der ausgeschriebenen Stellen bleiben unbesetzt. Damit wird der von der Politik geplante Schwerpunkt auf Schienenprojekte massiv ausgebremst.

Handwerk: Größter Leidtragender des Fachkräftemangels

Auch in anderen Gewerken zeigt sich eine enorme Fachkräftelücke. Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 fehlten allein im Bauhandwerk über 30.000 qualifizierte Fachkräfte. Besonders betroffen sind Berufe der Bauelektrik, der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie die Dachdeckerei. In diesen Gewerken sind über zwei Drittel aller offenen Stellen rechnerisch nicht besetzbar. Viele Betriebe können ihre Aufträge deshalb nicht mehr fristgerecht abarbeiten.

Preisexplosion frisst Milliarden

Wenn Nachfrage und Auftragsvolumen schneller steigen als die Baukapazitäten, steigen automatisch die Preise. Schon eine Baukostensteigerung von drei Prozentpunkten würde 100 Milliarden Euro des Sondervermögens entwerten. Das bedeutet: Für das gleiche Geld kann deutlich weniger gebaut werden. In den vergangenen Jahren zeigte sich das bereits bei Verkehrsinvestitionen. Steigende Baupreise haben dort große Teile der zusätzlichen Etats aufgefressen, wie die Studie zeigt.

Planungsstau verhindert Umsetzung

Große Neubauprojekte im Verkehr benötigen in Deutschland im Schnitt mehr als 14 Jahre Planungszeit. Allein das vorgeschriebene Planfeststellungsverfahren dauert oft viereinhalb Jahre. Das bedeutet: Viele Projekte aus dem Sondervermögen werden erst fertig, wenn das Geld längst ausgeschöpft ist. Auch bei der Vergabe droht der Stillstand. Denn schon heute fehlen in Bauämtern und Ingenieurbüros tausende Planer und Vergabe-Experten.

Demografie und Zuwanderung verschärfen die Lage

Jeder vierte Beschäftigte in den relevanten Bauberufen ist älter als 55 Jahre. In den kommenden zehn Jahren wird ein großer Teil von ihnen in Rente gehen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Studienanfänger im Bauingenieurwesen kontinuierlich. Noch vor wenigen Jahren half vor allem die Zuwanderung aus den EU-Oststaaten, die Fachkräftelücke abzufedern. Doch diese Quelle versiegt zunehmend. Deutschland muss daher gezielt Fachkräfte aus Drittstaaten anwerben, wie die Autoren der Studie empfehlen. Zusätzlich braucht es mehr Frauen im Bauhandwerk – ihr Anteil liegt in vielen Gewerken unter zwei Prozent.

Marschrichtung

Damit das Sondervermögen nicht im Fachkräftemangel und in Preissteigerungen verpufft, empfehlen die Autoren der IW-Studie einen klaren Kurswechsel: Bauinvestitionen sollten langsamer und planbarer steigen, um die Kapazitäten Schritt für Schritt aufzubauen. Planung, Vergabe und Regulierung müssen radikal vereinfacht werden, damit Projekte schneller umgesetzt und Ressourcen effizient genutzt werden können. Gleichzeitig braucht es gezielte Maßnahmen zur Fachkräftesicherung – von Weiterbildung und besserer Berufsorientierung bis hin zur Anwerbung aus EU-Drittstaaten. Mehr Produktivität durch Digitalisierung und weniger Bürokratie sowie eine dauerhafte Stärkung der Kommunen sollen sicherstellen, dass die Milliarden tatsächlich in Beton und Bauwerke fließen – und nicht in Kostensteigerungen und Verzögerungen. avs