84 Prozent aller deutschen Unternehmen klagen über Mängel in der Verkehrsinfrastruktur – ein historischer Höchststand. Eine neue IW-Studie zeigt: Vor allem städtische Handwerksbetriebe sehen sich vom Straßenverkehr im Alltag stark beeinträchtigt.

Deutschlands Unternehmen kämpfen zunehmend mit den Folgen einer bröckelnden Verkehrsinfrastruktur. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt einen kontinuierlichen Abwärtstrend: Während 2013 noch 59 Prozent der Firmen über Infrastrukturprobleme klagten, sind es heute bereits 84 Prozent – ein historischer Höchststand. Mehr als jedes vierte Unternehmen fühlt sich aktuell sogar stark belastet.
"Wir haben zum vierten Mal seit 2013 eine große Befragung bei Unternehmen in Deutschland gemacht, ob ihre Geschäftstätigkeit regelmäßig durch Infrastrukturmängel beeinträchtigt wird", erklärte IW-Experte Thomas Puls der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Die Ergebnisse haben sich in diesem Zeitraum kontinuierlich verschlechtert. Sein Fazit: "Die Verkehrsinfrastruktur ist ein Bremsklotz für die deutsche Wirtschaft geworden." Dabei zeigte sich das negative Ergebnis bei allen Unternehmensgrößen, wobei die kleinsten Betriebe die Lage noch am besten bewerteten.
Handwerk von Straßenproblemen besonders beeinträchtigt
Für Handwerksbetriebe stellt sich die Situation besonders dramatisch dar. "Fast 95 Prozent der Unternehmen haben gesagt, wenn sie beeinträchtigt sind, sind sie durch den Straßenverkehr beeinträchtigt", berichtet Puls auf Basis einer Sonderauswertung für die DHZ. Fast 58 Prozent geben dabei an, dass sie unter der Situation im Straßenverkehr sogar deutlich leiden. Zwar sind sich die Befragten über alle Branchen hinweg einig, dass die Straße das größte Hemmnis darstellt, beim Handwerk sind aber zwei Dinge auffällig:
- Handwerksbetriebe bewerten die Straße im Kontrast zu den Vergleichsgruppen besonders kritisch
- Die Bewertung der Straße hat sich drastisch verschlechtert im Vergleich zur vorangegangenen Befragung 2022.
"Meine Interpretation ist, dass es im Sommer 2022 noch weniger Verkehr auf der Straße gab und dass die Probleme mit den globalen Lieferketten die Handwerksunternehmen wenig betroffen haben", vermutet Puls die wachsende Unzufriedenheit aufseiten der Handwerker.
Städtische Handwerksbetriebe besonders betroffen
Ein weiterer auffälliger Aspekt ist laut Puls der starke Stadt-Land-Unterschied bei den Handwerksunternehmen. "Während über alle Unternehmen gesehen eher die ländlichen Unternehmen sich beeinträchtigt sehen, ist es beim Handwerk umgedreht", erläutert der IW-Experte.
Obwohl über zwei Drittel der teilnehmenden Handwerksunternehmen sich als im ländlichen Raum ansässig betrachten, sind es die städtischen Handwerksbetriebe, die laut Befragung unter den Infrastrukturproblemen stärker leiden.
Schienenverkehr mit dramatischer Verschlechterung
Auch der Schienenverkehr bereitet zunehmend Sorgen: 71 Prozent der betroffenen Unternehmen betrachten ihn als Standortproblem. Mehr als die Hälfte von ihnen berichtet sogar von erheblichen Einschränkungen. Seit 2013 hat sich dieser Wert verachtfacht.
Von Problemen im Luft- beziehungsweise Schiffsverkehr sind jeweils knapp 34 Prozent der Unternehmen betroffen. Für Handwerksunternehmen spielen Schiene, Luft und Wasser eine untergeordnete Rolle. Mit dem Effekt, dass sie diesen Bereich positiver bewerten als der Rest und somit ihre allgemeine Bewertung der gesamten Infrastrukturlage minimal besser abschneidet als die Vergleichsgruppe.
IW warnt vor falschem Einsatz des Sondervermögens
Das von der Bundesregierung beschlossene Sondervermögen mit einem Gesamtvolumen von 500 Milliarden Euro könne laut Puls helfen. So sollen im Jahr 2026 rund 19 Milliarden Euro in den Schienenverkehr fließen, allerdings werden gleichzeitig fast 14 Milliarden Euro aus dem Kernhaushalt gestrichen. "Die Milliarden dürften nicht dazu verwendet werden, Löcher in den Sozialkassen zu stopfen", sagte der IW-Experte. "Das Geld muss auch dort ankommen, wo es gebraucht wird. Sonst verpassen wir den Anschluss."
Die Datengrundlage bildet das im Frühjahr 2025 erhobene IW-Zukunftspanel, eine seit 2006 online durchgeführte Unternehmensbefragung zu Themen des Strukturwandels in der deutschen Wirtschaft. An der diesjährigen Befragung nahmen rund 1.100 Unternehmen teil. Nun wurde die Auswertung zur Verkehrsinfrastruktur veröffentlicht.
Mit Inhalten der dpa