Die Pläne der Bundesregierung für einen schnellen Atomausstieg stoßen in der deutschen Industrie auf massive Bedenken. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) Hans-Peter Keitel warnte am Montag vor einem irreversiblen Schlusspunkt für die Nutzung der Kernenergie.
Industrie besorgt über Energiewende
Berlin (dapd). Die Pläne der Bundesregierung für einen schnellen Atomausstieg stoßen in der deutschen Industrie auf massive Bedenken. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) Hans-Peter Keitel warnte am Montag vor einem irreversiblen Schlusspunkt für die Nutzung der Kernenergie. Ein Atomausstieg ohne Netz und doppelten Boden sei "eine abenteuerliche Vorstellung für ein hoch entwickeltes Industrieland" .
Daimler-Chef Dieter Zetsche kritisierte in der "Bild"-Zeitung, die Bundesregierung habe nach der Atomkatastrophe in Japan innerhalb weniger Tage und sehr emotional entschieden. Von einer guten Regierung wünsche er sich aber, dass sie eine so wichtige Frage sehr genau prüfe. Deutschlands größter Stromproduzent RWE hielt sich in einer ersten Stellungnahme ausdrücklich juristische Schritte offen.
Am schärfsten ging BDI-Präsident Keitel mit dem Ausstiegsplänen ins Gericht. In einem am Montag an die Spitzenvertreter der deutschen Industrie versandten Schreiben betonte er: "Die deutlich erkennbare politische Absicht, in einem beispiellos beschleunigten Verfahren einen finalen und irreversiblen Schlusspunkt für die Nutzung von Kernenergie in diesem Land zu fixieren, erfüllt mich zunehmend mit Sorge."
Ein so komplexes Vorhaben wie ein Atomausstieg brauche "die Möglichkeit zum Nachjustieren - auch auf der Zeitschiene". Wachstum und Arbeitsplätze in Deutschland dürften durch die Energiewende keinen Schaden nehmen.
Deutschlands größter Stromproduzent RWE betonte unterdessen, er halte sich juristische Schritte gegen die Pläne der Bundesregierung offen. Vor einer Entscheidung wolle man aber die Pläne der Bundesregierung aus erster Hand kennenlernen und gründlich analysieren. Als einziger Stromkonzern hatte RWE bereits gegen das Atommoratorium der Bundesregierung geklagt. Zu den möglichen Auswirkungen der Ausstiegspläne auf den Unternehmensgewinn will sich RWE erst im August äußern.
Die anderen Kernkraftwerksbetreiber reagierten zurückhaltender. Ein E.ON-Sprecher betonte, das Unternehmen müsse die Entwicklung zunächst analysieren. Auch bei EnBW hieß es, der Konzern werde sich zu gegebener Zeit äußern, wenn belastbare Erkenntnisse vorlägen. Der vierte deutsche Kernkraftwerksbetreiber Vattenfall lehnte eine Stellungnahme ab.
Die Aktien von E.ON und RWE verloren angesichts der Entwicklungen in Berlin bis Montagnachmittag mehr als zwei Prozent an Wert. Der Hintergrund: Eine endgültige Stilllegung der im Zuge des Atommoratoriums vorläufig vom Netz genommenen Altreaktoren dürfte für die betroffenen Konzerne massive Auswirkungen auf ihre Bilanzen haben. Die vollständig abgeschriebenen Altreaktoren bescherten den Konzernen wegen ihrer niedrigen Betriebskosten in der Vergangenheit hohe Gewinne. Bislang waren die Unternehmen in ihren Prognosen noch davon ausgegangen, die Mehrzahl der Reaktoren nach dem Auslaufen des Atommoratoriums wieder anfahren zu dürfen.
Für Streit dürften auch die Pläne zur Beibehaltung der Brennelementesteuer trotz der Rücknahme der Laufzeitverlängerung sorgen. E.ON hatte sich in der Vergangenheit hier bereits ausdrücklich den Klageweg offengehalten.
dapd
