Erfolgreich in einer Nische In dieser Werkstatt kaufen Artisten und Sportler ein

In einer kleinen Werkstatt in Morschen baut Carina Hubach Spezialräder, die um die ganze Welt gehen. Mit "Langenberg Cycling" führt sie die Tradition einer nordhessischen Hallenradmanufaktur fort. Dank Social Media erfährt sie auch die Erfolgsgeschichten ihrer Räder.

Carina Hubach in ihrer Werkstatt
Hat über ihre Leidenschaft ins Handwerk gefunden: Carina Hubach fährt seit ihrer Kindheit Kunstrad und führt in Morschen nun die Traditionsmarke Langenberg im Hallenradsport fort. - © Katja Rudolph

Ob auf Weltmeisterschaften, in Vereinen oder im Zirkuszelt: Die Fahrräder, die Carina Hubach baut, sieht man nicht auf der Straße. Sie stellt sogenannte Kunsträder her, auf denen die Sportlerinnen und Sportler akrobatische Figuren und Übungen absolvieren – ähnlich wie beim Kunstturnen, nur auf zwei Rädern. Auch für andere Hallenradsportarten wie Radball, Radpolo und Reigen – eine Art Synchronfahren – liefert die Fahrradmanufaktur "Langenberg Cycling" aus Nordhessen den fahrbaren Untersatz. Damit befindet sich im Bezirk der Handwerkskammer Kassel eins von weltweit drei Unternehmen, das derartige Fahrräder produziert.

60 Fahrräder pro Jahr

Aus der kleinen Werkstatt im Morschener Ortsteil Wichte (Schwalm-Eder-Kreis) gehen die Spezialräder nicht nur an Profis und Laien im Hallenradsport, sondern auch an Artisten in aller Welt. Im vergangenen Jahr wurde unter anderem nach Neuseeland, Argentinien und Estland geliefert. Zwei Exemplare kaufte der renommierte Cirque du Soleil in Kanada.  Insgesamt 60 Fahrräder hat Carina Hubach im vergangenen Jahr produziert – überwiegend in Handarbeit.

Probefahrt mit eigenen Kunststücken

2025 war für die Jungunternehmerin das erste Geschäftsjahr in Eigenregie und es übertraf ihrer Erwartungen. "Die Nachfrage ist so groß, dass ich teilweise kaum hinterherkomme. " Ende 2024 hatte die Morschenerin die Hallenradsparte von ihrem früheren Arbeitgeber übernommen, wo sie den Bau und Vertrieb der Räder bereits seit einigen Jahren leitete. Das Unternehmen in Edermünde konzentriert sich nun auf Verkauf und Reparatur von Straßen- und Geländefahrrädern. Weil der Markenname Langenberg in der Hallenrad-Welt seit 50 Jahren etabliert ist, darf die Gründerin ihn für ihren Betrieb weiternutzen – in der Kombination "Langenberg Cycling".

Ihre Leidenschaft für das Kunstradfahren entdeckte Carina Hubach schon mit fünf Jahren. "Meine Mutter hat gesagt: Das Kind turnt so auf dem Fahrrad rum, das müssen wir in den Verein stecken", erzählt sie. Im KSV Baunatal ist sie bis heute aktiv – inzwischen als Trainerin. Auch wenn sie von Anfang an auf Langenberg-Rädern fuhr und das nahegelegene Unternehmen kannte: Dass ihr Hobby auch berufliche Heimat werden könnte, hat sie lange nicht in Betracht gezogen. "Weil es eine Nischensportart ist, habe ich es nie als Berufszweig gesehen, mit dem man Geld verdienen kann."

Carina Hubach beim Löten der Gabel.
40 Stunden Handarbeit pro Rad: Carina Hubach beim Löten der Gabel. - © Katja Rudolph

Sie studierte Sportwissenschaften, sattelte einen Master in Sportingenieurwesen drauf, der zur Entwicklung von Sportgeräten befähigt. "Aber dann habe ich gemerkt, ich möchte nicht nur vor dem PC sitzen, sondern auch in der Werkstatt sehen, was ich baue." Die Fahrradmanufaktur gibt ihr nun auch die Gelegenheit, ihre eigene Chefin zu sein. Die 35-Jährige wuppt den Betrieb vom Handwerklichen der Werkstatt über den Vertrieb bis zur Büroarbeit im Alleingang. Die Vielfalt der Aufgaben macht ihr Spaß: "Ich mag es, für alles selbst zuständig zu sein", sagt die Morschenerin. Um allen Bestellungen zeitnah nachkommen zu können, sucht sie derzeit noch eine Teilzeitkraft aus dem Metallbau.

Hohe Anforderungen im Leistungssport

Etwa 40 Stunden Arbeit stecken in einem Fahrrad. Drehbank, Fräse, Sandstrahlkabine und eine Presse für die Sattelnieten stehen in der 75 Quadratmeter großen Werkstatt, die das Herz von Langenberg Cycling ist. Rund 320 Bauteile gilt es zu montieren, viele davon sind Spezialanfertigungen für den nordhessischen Betrieb. Gabel und Rahmen lötet Carina Hubach selbst zusammen. Im Gegensatz zu anderen Herstellern produziert sie keine Alurahmen, auch wenn diese deutlich leichter wären. "Weil die Fahrräder sehr oft hinfallen, bis eine Übung gelernt ist, braucht es die Dauerfestigkeit von Stahl", sagt sie. Ziel sei eine Mindestlebensdauer der Fahrräder von zwei Jahren Leistungssport oder 20 Jahren Breitensport.

Zahnriemen als Alleinstellungsmerkmal

Bei der Konstruktion der Räder kommt Carina Hubach ihre eigene sportliche Erfahrung zugute. Je nachdem, welche Übungen gerade angesagt sind, kann sie beispielsweise die Geometrien anpassen und auch die fertigen Fahrräder selbst ausprobieren.

Eine Besonderheit der Langenberg-Räder ist der Zahnriemenantrieb als Alternative zur Kette. "Das mache nur ich", sagt Carina Hubach mit Blick auf die Konkurrenz.  Vorteil sei, dass das häufige Umsetzen vom Vorwärts- ins Rückwärtsfahren damit schneller und besser funktioniere.  Zudem laufe der Zahnriemen ruhiger als die Kette und sei weitestgehend wartungsfrei – wenn auch deutlich aufwändiger im Einbau.

Seit Kurzem gibt es auch einen Online-Shop mit Produktkonfigurator, in dem Kunden die Merkmale ihres Fahrrads individuell zusammenstellen können. Unter anderem kann zwischen 25 Größen und 40 Farben gewählt werden. Die Kosten für eins der Spezialräder betragen zwischen 2.500 und 3.500 Euro.

Weltmeister-Duo fährt auf Langenberg-Rad

Wenn ihre Fahrräder bei Wettbewerben bis hin zu Weltmeisterschaften zum Einsatz kommen, fiebert Carina Hubach doppelt mit – als Sportlerin und Unternehmerin. "Ich kann mir das teilweise kaum anschauen, da geht mein Puls auf 210", sagt sie und lacht. Auf Langenberg-Rädern haben zuletzt Lea Styber und Nico Rödinger ihren Weltmeistertitel verteidigt, nachdem sie zuvor zum zweiten Mal Deutsche Meister im Kunstradfahren geworden waren. Die Pinnwand in der Werkstatt mit Autogrammkarten und persönlichen Grüßen von Sport-Assen und Artisten zeugen von der Dankbarkeit ihrer Kundschaft. Auch bei der Show "Holiday on Ice" ist, am Hallendach befestigt, eins ihrer Fahrräder im Einsatz, auf dem ein Artist überkopf übers Eis fliegt.

"Ich freue mich tierisch, dass es Social Media gibt, sodass ich meine Fahrräder regelmäßig wiedersehen kann", sagt Carina Hubach, "anders als bei einem Fliesenleger, der ein fertiges Bad nie mehr wiedersieht." Aber nicht nur Titel und Erfolge auf Langenberg-Rädern zählen für sie: "Ich freue mich genauso, wenn ein kleines Kind freudestrahlend eine Übung auf einem meiner Räder lernt."