Studie zur Handwerksstruktur Handwerksstruktur: In der Mitte klafft ein Loch

Das Handwerk verzeichnet Zuwächse bei Betrieben, Personal und Umsätzen, doch es ist nicht überall gleich stark. Mittlere Betriebsgrößen sind die Verlierer.

Frank Muck

In der Mitte klafft ein Loch: Im Handwerk gibt es immer mehr große und immer mehr kleine Betriebe. - © Foto: Detlev Müller

Etwa jedes sechste Unternehmen in Deutschland kam 2012 aus dem Handwerk. Fast jeder siebte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ist im Handwerk tätig. Der Anteil am Gesamtumsatz der deutschen Wirtschaft beträgt knapp neun Prozent.

Eine Studie über die Strukturentwicklungen beweist: Das Handwerk behauptet seine starke volkswirtschaftliche Rolle. Dennoch differenziert sich das Handwerk weiter auseinander. Die Zahl der Solo-Selbständigen hat bei den B1-Handwerken auf 46 Prozent sehr stark zugenommen. Aber auch die Großunternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten haben zugelegt. Die Branchen entwickeln sich sehr unterschiedlich.

Weitere wichtige Erkenntnisse:

Hauptsächlich Kleinbetriebe

Mehr als 60 Prozent der Handwerksunternehmen haben weniger als fünf und fast 82 Prozent weniger als zehn tätige Personen. Die Kleinstunternehmen (bis fünf tätige Personen) machen bei den Beschäftigten nur einen Anteil von 14 Prozent, bei den Umsätzen nur zehn Prozent aus.

Konzentration und Vereinzelung

Bei den zulassungspflichtigen Handwerken (Anlage A) gibt es eine Konzentrationstendenz. Die Zahl der größeren Unternehmen hat dadurch zugenommen (2,8 Prozent). In den zulassungsfreien Handwerken (Anlage B1) ist die Zahl der Betriebe ebenfalls angestiegen (21,1 Prozent). Innerhalb der Branchen erleben vor allem das Lebensmittel-, das Kfz- und die Gesundheitshandwerke einen Konzentrationsprozess.

Umsatzwachstum nur bei Kleinen und bei Großen

Die Umsätze haben in der Zeit zwischen 1995 und 2012 nur in den Kleinstunternehmen (+80 Prozent) und in den handwerklichen Großunternehmen (+58,2 Prozent) zugelegt. Bei den mittleren Größenklassen blieben die Umsätze gleich oder sanken sogar.

Einzelunternehmen dominieren

Die Kleinbetriebe im Handwerk sind hauptsächlich als Einzelunternehmen organisiert. Mehr als zwei Drittel der Handwerksbetriebe weisen diese Rechtsform auf (80 Prozent in den B1-Handwerken).

Mehr Beschäftigte im Westen, mehr Unternehmen im Osten

Die Beschäftigtendichte liegt im früheren Bundesgebiet (636 tätige Personen je 10.000 Einwohner) höher als im Osten Deutschlands (607). Umgekehrt ist dort die Unternehmensdichte (81 zu 70 Unternehmen je 10.000 EW) beträchtlich höher.

Bau und Ausbau prägen das Handwerk

Fast 44 Prozent der Unternehmen sind als Bau- und Ausbaugewerke von der Bau-Entwicklung abhängig.

Eine Kurzfassung der Studie ­finden Sie unter dhz.net/handwerksstruktur .

"Handwerk entwickelt sich auseinander"

Klaus Müller, Geschäftsführer beim Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk zur Strukturentwicklung im Handwerk

DHZ: Herr Dr. Müller, was ist für Sie das Bemerkenswerteste an den Ergebnissen der Studie zur Handwerksstruktur?
Müller: Das Handwerk entwickelt sich insgesamt auseinander. Der Umsatz ist in den letzten Jahren nur noch in den ganz kleinen und in den ganz großen Betrieben gestiegen. Die Betriebe mit mittlerer Mitarbeiterzahl werden über alle Branchen hinweg gesehen weniger. In einzelnen Branchen wie vor allem bei den Lebensmittel-, den Kfz- und auch bei den Gesundheitshandwerken zeichnet sich ein starker Konzentrationsprozess ab. Vor allem bei den zulassungsfreien Berufen gibt es zudem den Trend zur Solo-Selbständigkeit.

Klaus Müller ist Geschäftsführer beim Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk. - © Foto: ifh Göttingen

DHZ: Wie ist diese Polarisierung zu bewerten?
Müller: Das ist insofern ein Problem, weil die Identität des Handwerks insgesamt darunter leiden könnte. Inhaber beider Unternehmensklassen haben aufgrund ihrer Karrieren häufig wenige Berührungspunkte zur Organisation und zum traditionellen Karriereweg mit Lehre, Gesellenzeit, Meisterprüfung und meist darauffolgender Selbständigkeit.

DHZ: Können Sie das näher erläutern?
Müller: Solo-Selbständige sind oft Seiteneinsteiger ohne Meisterqualifikation und Inhaber größerer Unternehmen haben oft eine Hochschulausbildung, die den Meister nicht nötig macht. In Innungen und damit auch in Vollversammlungen sind beide Unternehmensklassen, besonders Solo-Selbstständige, kaum vertreten.

DHZ: Wie kann man gegensteuern?
Müller: Innungen sollten sich grundsätzlich solchen Betrieben stärker öffnen. Der Stärke der Handwerks­organisation insgesamt täte das sicher gut, weil dann auch diese Betriebe sich vertreten fühlten.

DHZ: Der Bau prägt das Handwerk. Wie gefährlich ist die Abhängigkeit vom Baugewerbe?
Müller: Das Handwerk ist insgesamt gesehen immer noch sehr stark vom Baugewerbe geprägt. Dort spielen, besonders in den zulassungspflichtigen Gewerken, die mittleren und kleineren Betriebe immer noch eine wichtige Rolle. Wichtig ist aber, dass die Betriebe ein großes Leistungsspektrum anbieten, entweder im Betrieb selbst oder über Kooperationen. Denn der Kunde möchte alles aus einer Hand. Tun die Betriebe das nicht, ist die Gefahr groß, dass viele irgendwann nur noch als Subunternehmer tätig sind oder ganz vom Markt verschwinden.