Die Zahl deutscher Azubis sinkt, der Anteil ausländischer Azubis steigt. Was das für das Handwerk bedeutet.

Auszubildende aus dem Ausland sind eine wachsende Stütze für den deutschen Ausbildungsmarkt. Dieses Fazit zieht die Bundesagentur für Arbeit aus ihrer Ausbildungsstatistik der vergangenen zehn Jahre. Während im Oktober 2013 nur 6,3 Prozent der Auszubildenden in Deutschland eine ausländische Nationalität hatten, waren es zehn Jahre später schon 13,2 Prozent, ein mehr als doppelt so hoher Anteil.
In typischen Handwerksberufen ist der Trend ähnlich. 2013 hatten unter den Auszubildenden 94 Prozent die deutsche Staatsangehörigkeit, nur knapp sechs eine ausländische. 2023 war der Anteil an Deutschen auf 88 Prozent gesunken, knapp 12 Prozent hatten einen ausländischen Pass. Von insgesamt 37.000 Azubis aus Drittstaaten stammten knapp 18.000 aus wichtigen Asylherkunftsländern.
Spiegel des deutschen Arbeitsmarkts
Diese Zahlen spiegeln den deutschen Arbeitsmarkt. Kleinere Geburtenjahrgänge, aber auch geringes Interesse unter deutschen Jugendlichen beispielsweise an einer handwerklichen Ausbildung treffen auf einen hohen Fachkräftebedarf, den die Unternehmen mithilfe ausländischer Kräfte zu befriedigen versuchen. Dafür werden immer mehr Auszubildende gezielt aus Drittstaaten angeworben, vor allem in Gesundheits- und Pflegeberufen, aber auch im Handwerk.
Seit Inkrafttreten des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes im März 2020 gibt es unter drei Bedingungen Visa für Auszubildende aus Drittstaaten:
- Sie müssen einen Ausbildungsplatz in Deutschland nachweisen,
- mindestens über deutsche Sprachkenntnisse auf B1-Niveau des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen verfügen
- und sie müssen beweisen, dass sie ihren Lebensunterhalt sichern können.
Die Aufenthaltserlaubnis gilt für die Dauer der angestrebten Berufsausbildung. Nach Ausbildungsabschluss ist eine neue Aufenthaltserlaubnis möglich, wenn die Person im Betrieb übernommen wird oder an anderer Stelle eine qualifizierte Beschäftigung antritt.
Betriebe, die hoffen, auf diesem Weg Nachwuchskräfte zu finden, können das in Eigenregie tun. Die Anbahnung ist aber komplex und die langwierigen Verwaltungsschritte müssen penibel eingehalten werden. Zudem lässt sich von Deutschland aus schwer feststellen, ob die Angaben der Bewerber zu Schulabschlüssen, Qualifikationen und Sprachkenntnissen glaubhaft sind. Es gibt Berichte über unseriöse Vermittlungsagenturen und gefälschte Sprachzertifikate.
Mehr Sicherheit, höhere Kosten
Sicherer fahren Unternehmer, die Angebote seriöser Institutionen nutzen. Die Zahl solcher Programme wächst ständig. Schon seit 2016 vermitteln die Südthüringer Wirtschaftskammern Azubis aus Vietnam, die Handwerkskammer Freiburg und die Fleischer- Innung-Lörrach kooperieren mit einer Agentur in Indien, die Handwerkskammer Ulm vermittelt Azubis aus Indien und Südafrika, die Arbeitsagentur Weiden wiederum junge Leute aus El Salvador. Derzeit baut die Handwerkskammer Dresden ein Projekt mit Vietnam auf, der Senior Experten Service entwickelt mit der Auslandshandelskammer Ghana ein Projekt für Auszubildende zum Anlagenmechaniker im Sanitär-Heizungs-Klima-Handwerk.
In diesen Programmen übernehmen die Organisationen die Anbahnung, arbeiten mit geprüften Partnern vor Ort und wählen die Bewerber aus. Die Betriebe tragen Teile der Kosten beispielsweise für den Flug oder Verwaltungsgebühren, haben aber auch eine gewisse Absicherung, dass der Mensch, den sie zur Ausbildung herholen, dafür geeignet ist.
Vietnamesen kommen, um zu bleiben
Jens Günther ist eigentlich Honorarkonsul für Georgien in Dresden. In dieser Eigenschaft hatte ihn der Freistaat Sachsen während der Pandemiejahre gebeten, seine Kontakte nach Georgien zu nutzen, um Fachkräfte ins Land zu holen. "Doch Georgien hat nur 3,7 Millionen Einwohner, da kann man nicht viele Menschen holen", erklärt Günther. Also besann sich der Diplomat auf die guten Erfahrungen, die in der DDR mit Arbeitskräften aus Vietnam gemacht wurden. Sie haben den Ruf, fleißig, loyal und zuverlässig zu sein. Also baute Günther mit seinem vietnamesischen Partner Hoa On Ta eine Agentur auf.
Die vietnamesische Bevölkerung ist innerhalb der vergangenen zwanzig Jahren von 80 auf 100 Millionen Menschen gewachsen. Ein Drittel der jungen Leute findet laut Günther keine Arbeit. Jeden Monat verlassen demnach bis zu 65.000 Menschen Vietnam, um sich in Kanada, Australien oder Korea eine Zukunft aufzubauen. Da sie dort allerdings nur Visa für drei Jahre bekommen, müssen sie hinterher wieder zurück in ihre Heimat. Deutschland sei für Vietnamesen deswegen so attraktiv, so Günther, weil sie hier die Chance hätten, langfristig zu bleiben und zu arbeiten. "Mit dem Geld, das sie in Deutschland verdienen, versorgen sie ihre Familien in der Heimat."
Mit seiner Agentur Akadia-Power holt er inzwischen seit drei Jahren junge Fachkräfte und künftige Auszubildende nach Deutschland. In ihrer Heimat lernen die Kandidaten Deutsch bis zum B1-Niveau, derweil sucht Günther in Deutschland Betriebe in Industrie und Handwerk, die die 18- bis 26-jährigen Abiturienten aus Vietnam ausbilden möchten. Aktuell baut er mit der Handwerkskammer Dresden ein entsprechendes Projekt auf, auch mit weiteren Handwerkskammern steht er in Verbindung.
Zwischen 2.500 und 4.000 Euro müssen Betriebe investieren, um über seine Agentur Azubis aus Vietnam nach Deutschland zu holen. Weil der vietnamesische Staat viel mehr junge Leute in die Deutschkurse geschickt hat, als ursprünglich geplant, sind aktuell noch 500 junge Menschen ohne Lehrstelle. "Der Visaprozess dauert aktuell zwischen sechs bis acht Wochen, sie könnten also sogar noch zum bevorstehenden Ausbildungsjahr anfangen", sagt Günther.