Im Mekka der Schornsteinfeger

Aus Liebe zu ihrem Beruf pilgern alljährlich am ersten Wochenende im September Kaminkehrer aus aller Welt ins Vigezzo-Tal

Im Mekka der Schornsteinfeger

Es ist dunkel und stickig. Der beißende Geruch von kaltem Ruß steigt in die Nase, von oben rieselt schwarzer Staub. Faustino Cappini klettert durch einen Schornstein und kratzt den Ruß von den Wänden. Als der 14-Jährige oben ankommt, fasst er erschöpft an eine Hochspannungsleitung und stirbt.

Ein kleines Mahnmal in Malesco erinnert an das Schicksal des 1931 in Mailand verunglückten Jungen aus dem Vigezzo-Tal in Norditalien, das als Wiege des Schornsteinfegerhandwerks gilt. Hier treffen sich alljährlich Anfang September Kaminkehrer aus aller Herren Länder zum Gedenken an die schwierigen Anfänge ihrer Zunft und natürlich zum gemeinsamen Feiern. Dann verwandelt sich das Hochtal zwischen Santa Maria Maggiore und Malesco in eine große Partymeile. In diesem Jahr zum 30. Mal.

Stolz auf den Beruf

Es ist das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Stolz auf den Beruf, der Männer wie Uwe Nenzel aus Hofbieber Schwarzbach in der Röhn, Johann Gandner aus Maierhöfen im Westallgäu oder Wolfgang Batz aus Ingolstadt seit 15 Jahren in den Süden lockt. „Als ich zum ersten Mal hier war, kamen noch alle Schornsteinfeger in einem Hotel unter. Das waren nicht viel mehr als 50Leute“, erinnert sich Uwe Nenzel. Doch seither hat das internationale Schornsteinfegertreffen eine sprunghafte Entwicklung genommen. Zum Jubiläum sind schätzungsweise rund 2.000Berufskollegen aus Skandinavien, den Beneluxstaaten, Mittel- und Osteuropa, Großbritannien, Frankreich, Nordamerika und Japan angereist. Uwe Nenzel kennen sie alle, ziert sein Konterfei doch das Plakat des Treffens. Der stellvertretende Landesinnungsmeister von Thüringen gehört mit seiner Trompete zum Schornsteinfegertreffen dazu wie der Ruß, den die schwarzen Männer den zahlreichen Besuchern in die Gesichter schmieren. Die Bewohner des Hochtals müssen glückliche Menschen sein.

Das war nicht immer so. Über Jahrhunderte hinweg war der Beruf des Schornsteinfegers besonders unter den Bewohnern der einst kargen Bergtäler verbreitet. Oft trieb die Armut die kinderreichen Familien dazu, einen ihrer Söhne an sogenannte Padrones zu verleihen oder zu verkaufen. Das Valle Vigezzo stellte besonders viele der Spazzacamini, die bis nach Frankreich und England geschickt wurden. Viele der schmächtigen Jungen kamen bei ihrer unmenschlichen Arbeit wie Faustino Cappini ums Leben.

Ruß auf der Haut

Wenn Wolfgang Batz und seine Mitstreiter in historischer Arbeitskluft - Gesicht, Arme und Beine von einer speckigen Rußschicht bedeckt - durch die Gassen von Santa Maria Maggiore ziehen, dann erinnert ihre Erscheinung an die Vergangenheit der Kaminkehrer. Doch das Berufsbild hat sich gewandelt und steht in Deutschland vor einer weiteren Zäsur. 2013 soll das sogenannte Schornsteinfegermonopol fallen. Angst vor dem Wettbewerb haben die Kaminkehrer nicht. Sie sind gut vorbereitet, viele haben sich zum Energieberater, Brandschutz- oder Bautechniker qualifiziert und pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Kunden wie zu den Kollegen anderer Branchen, vom Dachdecker bis zum Heizungsbauer. Aber dass das Zusammengehörigkeitsgefühl bröckeln könnte, darum sorgen sich doch einige der deutschen Schornsteinfeger.

„Hoffentlich bleibt die familiäre Atmosphäre erhalten“, sagt Jürgen Sauskojus, der zusammen mit seiner Frau Beate für die Kreisgruppe Marburg-Biedenkopf der Innung Kassel die Fahrt nach Italien organisiert hat. Im Garten des Hotels Oscella streifen die 20Frauen und Männer rote T-Shirts über ihre Köpfe, die extra für das Treffen angefertigt wurden. Zur „schwarzen Nacht“ am Freitagabend werden die Gäste aus Hessen noch auf ihre Berufsuniform verzichten. An den nächsten Tagen, wenn die Schornsteinfeger am Denkmal von Malesco den Ahnen ihrer Zunft die Ehre erweisen, oder beim Festumzug durch Santa Maria Maggiore darf dann der Zylinder nicht mehr fehlen.

Die Stimmung steigt

Ein Foto mit dem bronzenen Faustino Cappini gehört in jedes Schornsteinfegeralbum. Über Stunden hinweg klettern kleine Grüppchen auf den Sockel des Denkmals, recken die Innungsfahne oder die Flagge ihres Landes in die Luft und lassen sich ablichten. Auf dem Platz davor drängen sich die Menschen. Die Black Sambas, eine Trommler-Gruppe aus Stade, heizen die Stimmung an.

Michael Mörtl ist zwar aus Dresden, kommt aber mit einer italienischen Piaggio Ape vorgefahren, mit der er sonst durch seinen Kehrbezirk Pillnitz und das Schönfelder Hochland am Rande der sächsischen Landeshauptstadt tuckert. Das schindet Eindruck bei den Einheimischen. Für seinen Sohn Eric begann das Berufsleben just an diesem Ort. Als angehender Lehrling erlebte der Filius vor zehn Jahren seinen ersten Arbeitstag im Valle Vigezzo. So werden Schornsteinfeger mit Leidenschaft geboren - einer Leidenschaft wie sie andere vorleben.

„Ich bin kein Kaminkehrer, ich bin ein verrückter Kaminkehrer“, gesteht „da Ruaß“, alias Thaddäus Mußner. Ein positiv Verrückter, muss man hinzufügen. Als Organisator von vier Kaminfegertreffen in seiner Heimatstadt Freilassing hat „da Ruaß“ 330.000 Euro für behinderte Kinder gesammelt. Dafür wurde er als erster Kaminkehrer überhaupt zum Sommerempfang des Bundespräsidenten eingeladen. „Da Ruaß“ - „Sogar der Landrat nennt mich so“ - ist Kaminkehrer mit Leib und Seele, wie so viele der Männer beim Schornsteinfegertreffen. Vor fünf Jahren hat er im Vigezzo-Tal seine Evelyn geheiratet. Ein Dreivierteljahr später kam sein Sohn zur Welt. Er hat ihn Florian genannt - nach dem Schutzheiligen der Schornsteinfeger.

Impressionen vom Schornsteinfegertreffen
finden Sie in einer Bildergalerie unter www.deutsche-handwerks-zeitung.de/schornsteinfeger