Der Sachverständigenrat korrigiert seine Konjunkturprognose für 2025 nach unten. Warum sich die Aussichten verschlechtert haben – und weshalb es im kommenden Jahr dennoch Hoffnung auf Besserung gibt.

Konjunkturprognose: Erst 2026 wird die deutsche Volkswirtschaft nach Einschätzung des Sachverständigenrates wieder an Schwung gewinnen. "Im nächsten Jahr erwarten wir ein Wachstum von einem Prozent und eine Inflation von zwei Prozent", sagte die Vorsitzende des Sachverständigenrates Monika Schnitzer bei der Vorlage des Frühjahrsgutachtens. Als Grund dafür nannte sie das jüngst beschlossene Finanzpaket. Schlechter sieht es für 2025 aus.
Konjunkturprognose: Für 2025 sieht es mau aus
Für das laufende Jahr korrigiert der Rat seine Prognose nach unten. "Im Gegensatz zum Euroraum stagniert die deutsche Volkswirtschaft im laufenden Jahr", sagte Ratsmitglied Veronika Grimm. Im Herbst rechnete der Rat noch mit einem Plus von 0,4 Prozent. Als Grund nannte Grimm die Auswirkungen der US-Einfuhrzölle auf die ohnehin schwache deutsche Wirtschaft.
Erste Lichtblicke am Bau
Mit Blick auf die Bauinvestitionen erklärte Grimm, dass sie nach vier Jahren rückläufiger Entwicklung im laufenden Jahr wieder mit einem leichten Anstieg rechne – begünstigt durch die gesunkenen Zinsen. Im kommenden Jahr dürften die Bauinvestitionen ihrer Einschätzung nach stark expandieren. Als Grund nannte sie das Finanzpaket und die geplanten Ausgaben für die öffentliche Infrastruktur. Zugleich warnt sie vor Kapazitätsengpässen und steigender Inflation.
Inflationsprognose mit Unsicherheit behaftet
Ohne einen Ausbau der Kapazitäten könnten die schuldenfinanzierten Mehrausgaben laut Grimm vor allem eines bewirken: höhere Preise. Der Sachverständigenrat rechnet derzeit mit einer Inflationsrate von 2,1 Prozent für dieses Jahr und 2,0 Prozent für 2026. Allerdings ist die Prognose mit Unsicherheiten behaftet – nicht nur wegen möglicher Kapazitätsengpässe, sondern auch aufgrund unklarer Folgen der US-Handelspolitik.
Unsichere Binnennachfrage – Arbeitslosigkeit steigt
Mit Blick auf die Binnennachfrage zeigt sich Grimm auch für das kommende Jahr zurückhaltend. Zwar seien die verfügbaren Einkommen spürbar gestiegen, doch die anhaltende Unsicherheit sorge dafür, dass weiterhin viel gespart werde. Diese Zurückhaltung hinterlässt auch Spuren auf dem Arbeitsmarkt: Der Sachverständigenrat rechnet in diesem Jahr mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 6,2 Prozent (Vorjahr: 6,0) und erwartet für 2026 einen leichten Rückgang auf 6,1 Prozent. Hoffnung setzt das Gremium auf das kürzlich verabschiedete Finanzpaket.
Mehr Wachstumschancen durch Finanzpaket
Das Paket eröffnet nach den Worten von Ratsmitglied Achim Truger "große Chancen zur Modernisierung des Kapitalstockes und zur Erholung der deutschen Volkswirtschaft." Das Paket beinhaltet unter anderem eine Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse und ein auf zwölf Jahre angelegtes Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaschutz. "Damit diese Chancen auch genutzt und seine gesamtwirtschaftliche Wirkung maximiert wird, kommt es auf die Investitionsorientierung und die Zusätzlichkeit der Ausgaben an", betonte er. Eine starke Investitionsausrichtung sowie begleitende Strukturreformen seien auch nötig, um die Vereinbarkeit des Finanzpakets mit den EU-Fiskalregeln sicherzustellen.
Verschiebebahnhof bei Investitionen befürchtet
Ratsmitglied Ulrike Malmendier wird noch deutlicher: "Das enorme Potenzial des Finanzpaketes kommt mit einem erheblichen Risiko daher, dass Finanzmittel nicht investiv eingesetzt werden und ihre Wirkung schnell verpufft", sagte sie. Bislang getroffene Vorkehrungen reichten nicht aus, dass bereits geplante Investitionen aus dem Kernhaushalt einfach verschoben und freiwerdenden Mittel konsumptiv (Mütterrente, Agrardiesel-Subvention, Gastro-Steuersenkung) eingesetzt würden. Der Gesetzgeber müsse gegensteuern. So sollte etwa gesetzlich festgeschrieben werden, dass mindestens zehn Prozent – mittelfristig zwölf Prozent – des Kernhaushalts in Investitionen fließen müssen.
Bürokratieabbau auf breiter Front gefordert
Für mehr Wachstum sorgt auch weniger Bürokratie. "Es kommt darauf an, dass die Politik jetzt auf breiter Basis und nicht mehr nur punktuell die Bürokratie abbaut und den Wiederaufwuchs verhindert", sagte Ratsmitglied Martin Werding. Unter anderem schlägt er weniger Informationspflichten, schnellere Antrags- und Genehmigungsverfahren und eine Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung vor.
Strukturwandel trifft auch Auto- und Chemiebranche
Mit Blick auf den Strukturwandel der Wirtschaft sieht der Sachverständigenrat künftig auch Branchen wie die Automobilbranche oder die Chemieindustrie stärker als bisher vom Wandel betroffen. "Es wäre aus unserer Sicht verkehrt auf strukturerhaltene Maßnahmen zu setzen", sagte die Vorsitzende Schnitzer. Ziel müsse es vielmehr sein, die Anpassung an die neuen Gegebenheiten zu erleichtern und aktiv neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Dabei könnten Industrie-, Arbeitsmarkt-, Regional- und Strukturpolitik helfen.
Schnitzer: Nicht zu lange an alten Strukturen festhalten
Wichtig sei es, darauf zu achten, dass sich ganze Regionen nicht von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes abkoppeln, betonte Schnitzer. Investitionen in die lokale Infrastruktur sowie die gezielte Förderung von Innovationen und unternehmerischem Engagement vor Ort seien entscheidend – ebenso wie eine Arbeitsmarktpolitik, die auf Aus- und Weiterbildung sowie sogenannte Arbeitsplatzdrehscheiben setze. "Es ist wenig sinnvoll, durch teure und ineffiziente Subventionen Arbeitsplätze zu erhalten, die langfristig nicht überlebensfähig sind“, so Schnitzer.